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NachrichtenLexikonProtokolleBŘcherForenDienstag, 17. Oktober 2017 

├ťber das Zaudern


von Joseph Vogl

Kategorie: Germanistik
ISBN: 3037340207

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Zaudern - Zeit des ├ťbergangs.
Vogl (1957- ) hat ein sehr interessantes Buch vorgelegt, ein Buch, welches vielleicht nie Antworten gibt, weil es eine einzige Frage ist. Wie kommt man zu diesem Gedanken, wird man ebenso fragen und nun bleibt nichts anderes ├╝brig, als in die Gedanken der vielen Begleiter auf dem Weg des Zauderns einzusteigen.

Eigentlich lag es nahe f├╝r mich, Besonnenheit und Zaudern zu verbinden. Doch diesen Punkt fand ich nicht bei Vogl, man k├Ânnte ihn aber als besondere Form des Zauderns erg├Ąnzen. Besonnenheit hat eine notwendige Beziehung auf sich selbst, auf das Wissen dar├╝ber, DASS man wei├č, nicht jedoch, WAS man wei├č. So fand ich bei Platons "Charmides" (vgl. Rezension) und in der Lekt├╝re von Schiller ist Wallensteins Monolog sehr bekannt: "[...] nicht zur├╝ck, wie's mir beliebt / ich muss die Tat vollbringen, weil ich sie gedacht." Vor der Tat und nach dem Gedanken, es tun zu m├╝ssen, ist dieser Satz der Inbegriff des Zauderns, der kleinen Leere. Auch die zus├Ątzliche Zeit, die man sich gibt, ├╝ber das Kommende, Zuk├╝nftige noch einmal zu reflektieren. Die Trag├Âdien Aischylos haben diesen Moment des Innehaltens und doch f├╝hren sie wie in der Orestie in den Tod. Die Zeit der Reflexion mag nicht lang genug gewesen sein. Wir stehen an der Weggabel mit Laios und ├ľdipus, mit Kreon und Antigone.

Vor einiger Zeit rezensierte ich Freuds Ansichten ├╝ber den Moses des Michelangelos. Moses R├╝ckkehr vom Berg Sinai, die Gesetzestafeln unter dem Arm, wird als Kontext verwendet. Das Goldene Kalb als m├Âgliche Ursache einer uns├Ąglichen Wut, der Zorn im Blick offensichtlich und in der K├Ârpersprache bereits gebannt, machen die Faszination der Freudschen Betrachtung Moses aus. Und auch Freud sieht den an- und aufgehaltenen Helden, nicht den strahlenden nach der vermeintlichen Gottesbegegnung. Vogl nennt Freud auch einen Zauderer, vielleicht zu Recht, denn Freud, so Vogl, wollte den nicht-biblischen Moses erfinden und damit der Geschichte einen anderen Verlauf geben. Oder anders: Vogl interpretiert die Beschreibung Freuds als selbstbez├╝glich.

Vogl ├╝berlegt zu Recht, dass das Z├Âgern zwischen zwei Schritten an sich nicht n├Âtig w├Ąre, aber indem Menschen es tun, Wichtiges von statten zu gehen scheint. Es ist, als ob ein geistiger Leerlauf stattfindet zwischen Handeln und Handeln, zwischen Tat und Tat. F├╝r Vogl in Anlehnung an Deleuze sind die Zauderer eine indirekte Darstellung der Zeit.

In der Betrachtung des Voglschen Zauderns fand ich den Zizekschen Begriff des Realen verwandt. Zizek (Das Reale des Christentums, siehe Rezension) mit Lacan spricht hier von bicepteur: etwas, was weder dem einen A noch dem anderen B angeh├Ârt, sondern dazwischen im ausgeschlossenem Schnittpunkt liegt. So ist in dieser Entzweiung derselben Sache lediglich die Perspektive ausschlaggebend. Und zwischen dem Wechsel von Perspektiven liegt eine kleine L├╝cke, eine, wenn man so will, juristische Sekunde mit {0}, die den ├ťbergang von Denkverh├Ąltnissen wie Besitzverh├Ąltnisse regelt. Und diese einfache, doch sehr bedeutsame L├╝cke zwischen zwei Perspektiven ist das eigentlich Reale. Das Reale im Anderen liegt hinter dem eigentlichen Vordergr├╝ndigen und um es zu erreichen, muss das Zerst├Ârerische greifen.

Und hierin liegt die Chance des Zauderns, n├Ąmlich in der Leere Neues zu geb├Ąren, was die automatische Folge in die n├Ąchste gew├Âhnliche Tat zerst├Ârt. Auch in Vogls Schrift ist jederzeit diese L├╝cke. Diese Geisteswissenschaft weist, wenn man so will, darauf hin, sich dieser Leere als Chance anzunehmen, wenn man auf Sinn- und Richtungssuche ist. Die Leere, die L├╝cke als Geburtsst├Ątte von Neuem. Aber! Wie spontanes Handeln ist Zaudern dann ebenso als Tat zu betrachten, unter gleichen Gesichtspunkten des Rechts, der Philosophie, der Theologie. So wie man der Tat eine Gefahr unterstellt, ist sie schlecht, muss auch dem Zaudern gleiches unterstellt werden, wirkt es verhindernd zum Guten.

Es ist Silvester, der ├ťbergang ins n├Ąchste Jahr ist vielleicht die Chance, die Leere, die L├╝cke, das Reale als Neuanfang zu entdecken, so wie Schiller seinen Wallenstein zum Jahrhundertwechsel (1800) zum Zauderer im Meer der M├Âglichkeiten machte.

Allen Lesern ein gutes Neues Jahr 2008.
Siehe auch:
Germanistik > ├ťber das Zaudern
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