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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDonnerstag, 21. August 2014 

Seelsorgekonzepte im Widerstreit


von Doris Nauer

Kategorie: Seelsorge
ISBN: 3170171151

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Weiter Horizont
Der gut lesbare, reich dokumentierte Überblick von Doris Nauer weitet auf anregende Weise den Blick auf die Herausforderungen der heutigen Seelsorge. Die wohltuende ökumenische Grundhaltung der Autorin, die spürbare Sachkompetenz machen die Lektüre zu einem Erlebnis, erst recht nach den eigenen Erfahrungen jahrzehntelanger Seelsorgetätigkeit. Die kritischen Anfragen sind ausserordenltich hilfreich für die eigene Praxis. Persönlich empfehle ich das Buch gerade auch TheologInnen, die in kirchlichen Stabsstellen tätig sind. Ebenso können Bischöfe, die daran interessiert sind, die Seelsorge in ihren Ortskirchen zu entwickeln, aus diesem Buch einen hohen Gewinn erzielen.

Der "Heussi" der Seelsorgelehre
Die Habilitation von Doris Nauer stellt eine systematische Zusammenfassung aller 30 Seelsorge-"Großkonzepte" dar, die zur Zeit vertreten werden.
Insbesondere der Student, der sich auf sein Examen vorbereiten möchte, findet hier mit auf engen Raum das Wichtigste zusammengefaßt, so daß man sagen kann, daß Nauer mit ihrem Buch für die Seelsorgelehre etwas Ähnliches gelungen ist, wie Heussi für die Kirchengeschichte: ein Standardwerk, das nicht nur zu einem fairen Preis erhältlich ist, sondern auch in keinem theologischen Bücherregal fehlen sollte.
Dies gilt auch, wenn man Nauers eigenem Konzept (das 30. vorgestellte) nicht in allen Punkten folgen will.

Seelsorge zum Philosophieren und Selberbasteln
Der Titel ist ein Understatement. Er verspricht weniger, als das Buch bietet. Vorweggenommen: Das fast 500-Seiten-Werk eignet sich mit einem guten Preis-Leistungsverhältnis sowohl für PraktikerInnen, die ihren eigenen Standort ohne monatelange Recherchen gern wieder reflektieren und profilieren möchten. Als auch für Studierende zum Einstieg in Spezialthemen und zur Prüfungsvorbereitung.


Nauer bereichert jedoch auch die gegenwärtige Seelsorge-Debatte: Sie will über ein bloßes Konzept-Kaleidoskop hinausgehen und formuliert im letzten Kapitel (376ff) Grundlinien für ein postmodernes Seelsorge-Konzept. Dabei will sie über einen Dialog zwischen Seelsorge und postmoderner Soziologie (z.B. Beck und Keupp) hinausgehen. Sie bemüht sich um ein 'Theorie-Design' auf der Basis postmoderner Philosophie und Wissenschaftstheorie. Was kommt dabei theologisch heraus? Nauer fordert eine theologische Basis, in der "radikale Pluralität, Differenz, Widerstreit, Dissens und Transversalität" als Leitkategorien integriert sind (386). Sie selbst führt dies exemplarisch für die Gotteslehre vor. Die Trinitätslehre kann zum hermeneutischen Schlüssel für ein christliches Pluralitätsverständnis werden. In ihr sei "radikale Pluralität im Aggregatzustand von Differenz und Übergängen zugleich denkbar" (385). 'Sünde' heißt neu formuliert: Die Universalisierung einer partiellen Perspektive. "Objektive Wahrheit und persönliche Gewißheit sind nur bei Gott selbst deckungsgleich, insofern er existentiell und universal die Wahrheit ist." (O. Fuchs, zitiert in: 386)


Nauer widerlegt das platte Vorurteil, daß auf postmoderner Theoriebasis keine profilierten Standpunkte und Urteile möglich seien. Denn postmoderne Philosophie selbst enthält bereits zahlreiche Kriterien. Für die Beurteilung von Seelsorgekonzepten erarbeitet Nauer zwei Leitkritierien: 1. das in der Seelsorgetheorie enthaltene "Humanisierungspotential", und 2. die Frage, inwieweit Seelsorgekonzepte die "geschöpfliche bzw. psychische Unversehrtheit bzw. Denk- und Handlungsfreiheit von Menschen" garantieren (387). Wird die Integrität der Person verletzt durch Ziele wie "Änderung des Charakters, Wollens und Verhaltens im Sinne einer radikalen Wandlung des inneren Personkerns", so wird dieser Konzeptteil aus Nauers eigenem pluralen Seelsorgekonzept ausgeschieden (391). (Vgl. Leitlinien postmoderner Seelsorge in der Tabelle S. 401) Aus dieser philosophischen und seelsorgetheoretischen Perspektive unterzieht Nauer abschließend alle 29 vorgestellten Seelsorgekonzepte einer Durchsicht. Beurteilt werden im einzelnen: Gottesbild, theologie-externe Theorieelemente, Menschenbild und Rollenprofil der Seelsorge Übenden.


Nauer strebt keine harmonisierende Seelsorge-Synopse an. Sondern sie rechnet mit notwendigen Spannungen zwischen diversen Konzept-Elementen. Die eigene Postmodernisierungs-Bereitschaft bleibt schließlich den SeelsorgerInnen selbst überlassen. Beim Betrachten des Kompetenzprofils für die/den postmoderne/n SeelsorgerIn wird deutlich, daß sich auch postmoderne Leitbilder inhuman und zerstörerisch gebrauchen lassen (vgl. Tabelle S. 426). Wenn Nauer am bislang vorherrschenden konfliktscheuen depressiven Seelsorgemodell die Harmoniesucht kritisierte (431, mit Josuttis), so kann das universal spannungstolerante Multitalent der eierlegenden Seelsorge-Wollmilchsau genauso als Leitbild für die depressive Selbstausbeutung und Spiegel ewiger Unzulänglichkeit fungieren. Hier sollte das Buch noch einmal die eigene humanisierende Gegenperspektive begrenzter Geschöpfe gegen die alten Mißverständnisse formulieren.


Der übersichtliche Aufbau der einzelnen Konzeptdarstellungen ermöglicht einen raschen Konzeptvergleich und 'synoptische' Arbeit. Die zahlreichen Schaubilder und Tabellen lassen sich auch gut für Lehrzwecke übernehmen (problematisch bleiben nur die grauen Hintergründe).
Siehe auch:

Seelsorge > Seelsorgekonzepte im Widerstreit
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