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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDonnerstag, 13. Dezember 2018 

Sonnenfinsternis.


von Arthur Koestler

Kategorie: Koestler, Arthur
ISBN: 3203791501

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Neue Zürcher Zeitung Ungeliebter Verräter

Schatten über Arthur Koestlers «Sonnenfinsternis»

Unlängst – und beinahe unbemerkt – ist im Europa-Verlag eine Neuauflage von Arthur Koestlers «Sonnenfinsternis» erschienen. Der Roman, 1940 zunächst in London unter dem eingängigen Titel «Darkness at Noon» gedruckt, hat eine eigenartige, aber keineswegs unauffällige Biographie. Dazu gehört auch, dass dieses Paradebeispiel eines politischen Gleichnisses – das einer damals noch weitgehend ahnungslosen Öffentlichkeit die erste stalinistische Säuberungswelle von 1936 bis 1938 in einer Eindringlichkeit vor Augen führte, die Anklänge an Kafkas «Prozess» eröffnete – in England zunächst nur schwer ein Publikum fand. Die erste Auflage, ganze tausend Exemplare, ging harzig; der Autor sitzt, durchaus eine kafkaeske Situation, in Frankreich als «Politischer» im Gefängnis.

Der Erfolg des Buches kommt erst nach Kriegsende, und zwar in der französischen Übersetzung. «Le Zéro et l'Infini», so Koestler an einer Stelle des viel später verfassten Nachwortes, habe innerhalb kurzer Zeit eine Auflagenhöhe erreicht, die schliesslich über 400 000 ging. Dass damit alle Verkaufsrekorde des französischen Vorkriegsbuchhandels übertroffen worden waren, erklärt Koestler freilich mit politischen, nicht mit literarischen Gründen. Das mag für 1946 zugetroffen haben: In den Wochen zwischen dem Zerfall der deutschen Besatzermacht und der Errichtung einer gesetzesmässigen Regierung wird fast jeder Landstrich Frankreichs zum Schauplatz summarischer Hinrichtungen; Willkür steht auf der Tagesordnung. Die Kommunisten, so der Ex-Kommunist Koestler, hätten diese chaotischen Wochen zur systematischen Abrechnung mit ihren Gegnern benutzt, unliebsame Konkurrenten als «Kollaborateure» liquidiert, den Gewerkschaften, den Medien und den Gerichten weitgehend ihren Willen aufgezwungen. In dieser drückenden Atmosphäre, das ist leicht nachvollziehbar, erhält ein Roman über die stalinistischen Säuberungen, auch wenn es sich um zurückliegende Ereignisse handelt, Symbolwert.

Moral und Verrat

Das Buch wird zur moralischen Anklage gegen die Politik der Kommunisten im Nachkriegsfrankreich auch deshalb, weil es in der authentischen Parteisprache gehalten ist und folglich nicht als «bourgeoises» Produkt abgetan werden kann. Was passiert? Die Kommunisten versuchen, den Verleger einzuschüchtern. Ohne Erfolg. Daraufhin kaufen sie – mit Erfolg, aber ohne politisches Geschick – ganze Lagerbestände vorstädtischer und provinzieller Buchläden auf und vernichten sie. Das nun macht den Roman erst recht zum Erfolg, Restexemplare des Buches werden zu Liebhaberpreisen gehandelt. Die nächste Auflage, sie steht inzwischen bei einer Viertelmillion, versucht man propagandistisch zu vernichten, Buch und Verfasser werden auf Versammlungen und in der Presse angegriffen, was dem Verleger durchaus nicht schadet. Allerdings lässt der französische Übersetzer, eingeschüchtert, seinen Namen – eh schon ein Pseudonym – vom Titelblatt streichen. – Auch in Deutschland übrigens hatte niemand Geringerer als Ernst Bloch Koestler schon 1942 ins Visier genommen. «Darkness at Noon», so Bloch, habe die neue «Literaturgattung des Verrats» eröffnet. Die Diskussion über das Renegatentum ist lanciert. Ein schlechtes Omen für eine freie Debatte über politische Schuld und Verantwortung, über die seelische Chemie von Geständnis und Schauprozess.

Und heute? Welche Erschütterungen gehen noch aus von Koestlers Roman? Offensichtlich wenige, vielleicht gar keine. Der Verlag hat die Neuedition kommentarlos, ohne jeden Zusatz, ohne die geringste aktualisierende Zeile auf den Markt geworfen. Das ist immerhin erstaunlich. Nicht nur dürften heutige Leser nicht unglücklich sein über eine sachliche Rekonstruktion der der «Sonnenfinsternis» zugrunde liegenden menschlichen und politischen Dramen. Noch mehr: Vor knappen drei Jahren hat eine englische Biographie vermeintlich Neues – und wenig Schmeichelhaftes – über den 1983 freiwillig aus dem Leben geschiedenen Autor zutage gebracht.

Koestler, der gewiss kein Chorknabe war und dessen private Vita – wie so viele andere; wer darf da den ersten Stein werfen? – keineswegs frei von Widersprüchen und Bizarrerien war, wird in David Cesaranis dickleibigem Wälzer durchaus nicht nach der Maxime De mortuis nil nisi bene behandelt. Vielmehr schon ist es ein dampfender esprit de concierge, der da vorherrscht. Koestler erscheint als fanatischer, ja krimineller womanizer, ein Vergewaltigungsfall wird aufs Detaillierteste untersucht, Verdächtigungen hier, Zitate aus Briefen dort, viel Licht wird gelenkt auf eine obsessive Mutter-Sohn-Beziehung, Mutmassungen über homosexuelle Neigungen, Gesichertes über Alkoholexzesse, schliesslich der Doppelselbstmord, zu dem der Achtundsiebzigjährige seine fünfundzwanzigjährige Frau Cynthia gezwungen habe.

Spiralen des Absurden

Allerdings, da ist viel Zwiespältiges, im Leben vielleicht mehr als im Werk. Aber mit spitzen Fingern und «moralischen» Vorbehalten muss man sich Koestlers Romanen durchaus nicht nähern. «Sonnenfinsternis» bleibt, auch in der verschämten Neuauflage, ein eindringlicher Markstein der politischen Ästhetik, von ferne an Joseph Roths «Radetzkymarsch» erinnernd. Es ist das groteske Schicksal des Mannes N. S. Rubaschow, der im Glauben an das Gute Freunde verraten hat und über Leichen gegangen ist und der dann selbst, in einer absurden Spirale, verhaftet wird, vom Peiniger zum Gepeinigten wird und schliesslich ein falsches «Geständnis» ablegt, um so der «Partei», will heissen: einer menschenverachtenden und aufs Letzte abzielenden Geschichtsphilosophie, noch ein letztes Opfer zu bringen. Doch sind das zusammenfassende Sätze, die den literarischen Sog dieses Romans schlecht wiedergeben. Denn Koestler hat alles andere als eine blutleere Parabel vom verratenen Verräter geschrieben.

Er sitzt mit Rubaschow in der Zelle und berichtet gleichsam aus der Perspektive eines dritten Ohrs, eines parallel geschalteten Nervengeflechts. Er hört mit ihm das Tropfen des Kondenswassers, zählt die Schritte auf dem Korridor, übersetzt die Klopfbotschaften von geheimnisvollen Mithäftlingen, mutmasst über die Folterungen von Nr. 407. Die inneren Dialoge, die Verhöre zumal, dann der Offizier; man übt sich in Dialektik, tauscht Erinnerungen. War er früher nicht ein Freund? Demzufolge jetzt der Feind? Oder ein als Feind getarnter Freund? Als Freund getarnter Feind? Sollte er antworten, dass alles Gerede gewesen war? Ein impotentes Spiel mit dem Feuer? Es berührt ihn die sonderbare Empfindung, in den «glatten Ablauf einer feierlichen Zeremonie» geraten zu sein. Werte erodieren, Grundsätze zerfallen, die Welt ist ein Hort des Absurden. Wenn alles zerbröselt, ist da nicht das «Geständnis» ein letzter Akt der Disziplin? Diese paranoide Aura, diese Seelenzerwürfnisse darzustellen, ist Koestler auf bleibend beängstigende Weise gelungen. Sich selbst hat er damit schwierigen Ruhm eingehandelt. Man liebe den Verrat, aber nicht die Verräter, soll er dazu notiert haben.

Ursula Pia Jauch

Kurzbeschreibung Dieser Roman von Arthur Koestler spielt zum Zeitpunkt der ersten großen von Stalin inszenierten politischen Säuberungswelle (1936-1938). Der alte Revolutionär und ehemalige Volkskommissar N.S. Rubaschow wird wegen angeblicher konterrevolutionärer Umtriebe gefangengenommen und verhört... Vorbild für die Gestalt Rubaschows waren Karl Radek und Nikolai Bucharin, die Koestler persönlich kannte - und Leo Trotzki. "Das Schicksal dieses Mannes widerspiegelt die...


Siehe auch:
Koestler, Arthur > Sonnenfinsternis.
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