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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDonnerstag, 24. April 2014 

Besuch aus der Vergangenheit


von Renate Welsh

ISBN: 3312008808

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Wien im Faschismus und heute
Rezension:

Wien im Frühjahr 1999. Lena, vierzehnjährige Tochter einer Soziologin erlebt,wie mit dem Besuch der Jüdin Emma Greenberg ihr Leben kräftig durcheinandergeschüttelt wird. Diese besucht ihre alte Wohnung, aus der sie von den Nazis vertrieben wurde. Lena erfährt, wie ihre Mutter und ihre Großmutter über die Schuldfrage sich vorerst entzweien, wird sensibilisiert für aktuelles und vergangenes Unrecht.

Gegenwart und Gegenwart kreuzen sich in dem Jugendbuch „Besuch aus der Vergangenheit" von Renate Welsh. Aktuelle Bezüge zum Krieg im Kosovo, zu vorurteilshaftem Verhalten gegen Asylbewerber in Wien korrespondieren mit den Erinnerungen an die Vertreibung der jüdischen Mitbürger.

Lena Leindorf, ein 14jähriges Mädchen aus Wien erlebt, wie der Besuch der 61jährigen Emma Greenberg aus Kanada in der Wohnung sie selbst, ihre Mutter Monika Leindorf und die Großmutter Gerti Brunner in Gewissenskonflikte stürzt. Emma Greenberg wurde als damals 14jähriges Kind aus dieser Wohnung von den Faschisten vertrieben und will noch einmal ihre alte Wohnung wiedersehen. Die Großmutter Lenas reagiert abweisend, fühlt sich in eine Täterrolle gedrängt. Im Schreibwarenladen hört Lena, wie ein älterer Kunde den Besuch kommentiert, als sei es „damals" nicht so schlimm gewesen. Die Oma erinnert sich an Kriegserlebnisse und das Leid der Kriegsgefangenschaft ihres Mannes. Lena erlebt vielschichtig die Schuldgefühle der Älteren, trifft bei einer Erkundung Emma Greenberg im Mueum wieder und freundet sich mit ihr an. Aktuelle Bezüge zur unaufgearbeiteten Vergangenheit Österreichs (Waldheim-Konflikt) klingen an. Sehr gut werden hier im Buch die verschiedenen Zeitebenen vermischt. Weil Lena sich unerlaubt beim Museumsbesuch von der Klasse entfernt hat, eskaliert der Konflikt zwischen Tochter und Mutter. Gleichfalls vorerst sprachlos bleibt die Auseinandersetzung zwischen Mutter und Großmutter über die unbewältigte Vergangenheit. Nachem die Oma den ersten Schritt macht, wird in den Gesprächen die Problematik deutlich, wie man leben kann mit dem „ was Menschen Menschen antun können".

Der zur Zeit des Romans aktuelle Kosovo-Krieg schlagt die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Das Thema des Rassismus durchzieht auf verschiedenen Ebenen den Jugendroman. Lena trifft Emma Greenberg wieder und diese macht ihr deutlich, dass sie nicht als Klägerin nach Wien gekommen sei: „genauso wenig weiß ich, wie ich mich verhalten hätte, wenn ich nicht Jüdin gewesen wäre." Lena fängt an, sich intensiver mit dem Faschismus auseinanderzusetzen, erlebt „Anne Frank" neu, interessiert sich für Janusz Koszak. In einem Gespräch mit der Mutter über die aktuelle Kriegssituation erzählt diese Lena, dass sie früher gegen Kriege protestiert hätte. Doch der Graben zwischen den beiden bleibt offen. Auf dem Weg von der Schule erlebt sie, wie zwei Männer in der Straßenbahn ausländerfeindliche Sprüche absondern. Lena merkt, dass sie immer sensibler für die Probleme des Unrechts wird. Wegen dieser Schilderungen ist das Buch besonders geeignet, Jugendliche für die gleiche Problemlage zu sensibilisieren. Zu Haus angekommen freut sie sich, dass die Oma wieder da ist und mit der Mutter spricht. Sie betont, dass sie nicht mit den Nazis in einen Topf geworfen könne. Die Oma berichtet von den Nachkriegserlebnissen und der Not, von ihrer Furcht, ihren eigenen Vater als Soldat (und Mörder) in einem Fernsehbericht vom 2. Weltkrieg wiederzuerkennen. Lenas Weltsicht verändert sich weiter. Sie betrachtet jetzt alte Leute auf der Straße, und überlegt, ob sie an den antisemitischen Aktionen mitgemacht haben: „Waren das die, die jetzt im Park Vögel füttern, ihre Hunde tätscheln, Schach spielen?" Plötzlich klingen Georg Kreislers makabre „Tauben füttern im Park" oder Paul Celans „"Er pfeift seinen Rüden herbei" an. Die Suche nach Gerechtigkeit bekommt für Lena eine neue Bedeutung. Ihre Mutter fragt nach vererbbarer Schuld, nach der nationalen Identität. Auch sie merkt, dass der Besuch der Frau Grenberg sie zwingt, „über eine Menge Dinge neu nachzudenken." Lena erfährt nun, wie sie der Alltag in der Schule mit schlechten Noten einholt. Trotzdem folgt sie weiter ihrer neuen Empfindsamkeit. Dabei erlebt sie, dass eine neue Mitschülerin, geflohen aus dem Kosovo, ausgerechnet Solidarität von einer serbischen Mitschülerin kennenlernt: „Es ist nicht mein Krieg!" Hier zeigt der Roman dem Leser, der Leserin, dass man nicht ausgefahrene Wege beschreiten muss, um dem Unrecht zu begegnen. Dieser Maxime folgt auch Lena, als sie hört, wie ein älterer Mitschüler Judenwitze auf dem Schulhof erzählt. Sie ohrfeigt ihn. Dies gefällt einem Mitschüler, Axel. Sie lernen sich näher kennen, finden Verständnis füreinander. Mit einem Brief aus Kanada von der zurückgekehrten Frau Greenberg kommt auch ein Photo ihrer von den Nazis ermordeten Schwester Ruth. Lena begreift dies als ymbol, findet wieder Gefallen an der Gegenwart, spielt sogar wieder Klavier, verbessert ihre Leistungen in der Schule. Einfluss nehmen die Schriften Janusz Koscak's , dessen Menschenliebe sie anrührt. Sie macht ihren Frieden mit der Welt, versteht sich wieder mit Mutter und Oma. Und will die eigene Verantwortlichkeit mittragen für das Unrecht der Welt in der aktiven Auseinandersetzung.

Der Roman ist ab 14 als Klassenlektüre geeignet, zeichnet sehr gut eine mögliche Form der aktuellen Auseinandersetzung Jugendlicher mit Problemen des Rassismus und der Gewalt gegen Menschen nach.

H. Rosenthal Jugendschriftenausschuss der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft im Landkreis Leer
Siehe auch:

> Besuch aus der Vergangenheit
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