Neue Zürcher Zeitung
Sibirische Erfahrungen Reportagen zweier Fernsehleute
und Russland-Kenner
gl. Zwei bekannte deutsche Fernsehjournalisten und ehemalige ARD-Korrespondenten in Moskau, Gerd Ruge und Klaus Bednarz, haben, sozusagen als Nebenprodukte von Bildschirm-Reportagen, je in einem Buch ihre Impressionen aus dem östlichen Sibirien zusammengefasst. Ruges Expedition auf dem Landweg mit Geländewagen und Eisenbahn, teilweise auch auf dem Wasserweg und mit dem Helikopter erstreckte sich über ein riesiges Gebiet von Blagowestschensk an der chinesischen Amur-Grenze bis Tiksi, wo die Newa sich vor der Mündung ins Eismeer zu einem riesigen Delta verzweigt.
Der Autor hat es verstanden, in unprätentiösem Reportagen-Stil dem Leser anschauliche Information über so unterschiedliche Aspekte der ostsibirischen Realität nahezubringen wie den kleinen Grenzverkehr über den Amur, den Kohlen-, Gold- und Diamantenabbau in Jakutien, die Lebensweise des Rentiere züchtenden kleinen Volks der Ewenken, das allmähliche Absterben einer ehemaligen sowjetischen Militärsiedlung nördlich des Polarkreises und das heutige Funktionieren eines Prestigeprojekts aus der Spätphase der Sowjetunion: der Baikal-Amur-Magistrale. Diese war aus strategischen Gründen als Ausweichroute für die Transsibirische Eisenbahn einige hundert Kilometer nördlich von der chinesischen Grenze gebaut worden.
Klaus Bednarz hat das grösste Süsswasserreservoir der Welt, den Baikalsee, ins Zentrum seiner Betrachtungen gestellt. Seine Sorge gilt insbesondere dem Schutz und der Erhaltung eines eigentlichen Naturwunders. Wer je die in die unermessliche Taiga eingebetteten riesigen Wasserflächen, welche gewissermassen Mittel- von Ostsibirien abgrenzen, in Augenschein zu nehmen das Vergnügen hatte, muss diese Sorge teilen. Der Autor leuchtet auch das Schicksal von Menschen aus, die es, ob freiwillig oder unfreiwillig, an die Gestade des Baikal verschlagen hat. Bereits unter den Zaren wurden Zehntausende nach Sibirien verschickt. Irkutsk am Südostende des Baikal war eine Art Sammelplatz für zahlreiche nach dem gescheiterten Dekabristen-Aufstand von 1825 in den Osten des Reiches verbannte Teilnehmer an der Rebellion.
Unter der Sowjetmacht wuchs die Zahl der Verbannten und besonders die der Straflager-Häftlinge in den unwirtlichen Weiten Sibiriens in die Millionen. Von den Entlassenen aus der mörderischen Kolyma oder auch aus den Haft- und Verbannungsorten um den Baikalsee haben manche in der Region ihres Zwangsaufenthalts Wurzeln geschlagen. Bednarz ist einem solchen Überlebenden begegnet, der 1941 als 19jähriger für zehn Jahre in ein Lager in Sibirien geschickt wurde und nach der formalen Freilassung 1951 zusätzlich praktisch lebenslängliche Verbannung ebenfalls in Sibirien aufgebrummt bekam, um schliesslich im Gefolge von Chruschtschews Entstalinisierungsrede von 1956 rehabilitiert und definitiv freigelassen zu werden.
Die Sowjetmacht hatte ihm 25 Jahre seines Lebens gestohlen unzähligen anderen das Leben überhaupt. Trotz den bitteren Erfahrungen an der Stätte seiner Unfreiheit blieb er in Sibirien, baute sich eine neue Existenz auf und führt heute, im Alter von bald 80 Jahren, ein anscheinend recht behagliches Leben in der Nähe von Irkutsk. Das Buch des Fernsehmannes erhebt, zumindest im Titel und auch in einigen Teilen des Inhalts, einen gewissen literarischen Anspruch, der allerdings etwas gekünstelt wirkt. Trotzdem ist es dem Autor gelungen, ein reichhaltiges Porträt einer faszinierenden Landschaft zu vermitteln.
Kurzbeschreibung
Klaus Bednarz, langjähriger Rußland-Korrespondent der ARD und ausgewiesener Sibirien-Kenner, entwirft ein faszinierendes Bild einer einzigartigen Region, ihrer Geschichte und Kultur. Er erzählt, wie die sibirischen Ureinwohner sich auf bewundernswerte Weise an die extremen Naturbedingungen gewöhnten. Später siedelten dort russische Kosaken und Strafgefangene, verbannte Adlige und Revolutionäre aus allen Teilen Rußlands, des Baltikums und Polens, deutsche...
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