Neue Zürcher Zeitung
Lesezeichen Ästhetik des Schreckens
Salim Barakats verstörende Jugenderinnerungen
«Die Evokation eines menschlichen Grenzfalls stellt zugleich einen ästhetischen Grenzfall dar. Will sie Gewalt zum Ereignis machen, muss die Kunst sich zum Ereignis machen immer geht die szenische Eskalation mit einer ästhetischen Eskalation zusammen», fasste Martin Seel unlängst in der Literaturbeilage dieser Zeitung seine «Beobachtung an einigen Künsten» zusammen, freilich den abendländischen. Das Phänomen ist jedoch interkulturell: Genauer liesse sich die poetische Verfahrensweise des syrischen Erzählers Salim Barakat nicht beschreiben.
Der menschlich-ästhetische Grenzfall ist besonders krass, wenn er nicht erdichtet, sondern am eigenen Leib erfahren wurde. Kindheit und Jugend, die von Gewalt und Regellosigkeit geprägt sind, zeitigen, falls sie überhaupt ästhetisch zu bewältigen sind, Extreme autobiographischen Schreibens. Es soll Leser geben, die die Lektüre dieser Prosa nicht durchstehen: «Wir waren Kinder, mein Freund, Kinder, die es liebten, einander vom langsamen Sterben der Tiere zu erzählen. Wir liebten es, uns Glatthaferhalme in die Nase zu stossen, bis das Blut tropfte.» Dann werden die Igel geschlachtet: «Ihr stacheliger Panzer machte es schwierig, sie zu packen. Deshalb sorgten wir vor und nahmen Holzpantinen mit, die wir anzogen, um auf ihnen herumzutrampeln. Wenn dann der Druck auf den Igel zu stark wurde, streckte er den Kopf unter dem Stachelkleid hervor. In diesem Augenblick brauchten wir nichts anderes als ein scharfes Messer. Nach der Schlachtung gab die Stachelhaut nach. Wir trennten sie am Bauch auf und schälten den Igel wie eine Banane.»
Furcht vor dem Frieden
So las man es in Salim Barakats Kindheitsbiographie «Der eiserne Grashüpfer» (Lenos 1995). Die vergewaltigte Kindheit wird mit dem Blut unzähliger Tiere gesühnt. Denn es gibt immer noch schwächere Geschöpfe, und solange man in der Lage ist, das erlittene Unrecht weiterzugeben, bewahrt man sich einen Rest von Macht und damit Würde. Und da ist der ästhetische Grenzfall: Die auch dem Lesenden kaum mehr erträgliche Brutalität hat, so pervers es anmutet, Poesie, hat Würde.
Endlich, jetzt, der gänzlich eigenständige zweite Teil dieser Lebenserzählung auf Deutsch bei C. H. Beck. «Zettelt eure Kriege an, bevor die andern es tun, und folgt mir» lautet das Motto. So hart die Existenz, so forsch (und schamlos) ist auch das künstlerische Selbstbewusstsein des Erzählers, und nicht in Kapitel, sondern in «Trompetenstösse» ist das Buch unterteilt (der Originaltitel sagt: «Blas laut blas die Trompete zum Angriff»). Der Schauplatz, auch in diesem Teil, ist das kurdisch geprägte nordöstliche Syrien. Die Jugend des 1951 geborenen Autors ist von den immer neuen Militärputschen, die Syrien in den fünfziger und frühen sechziger Jahren destabilisierten, und von der allen Regimen gemeinsamen Verachtung für die Kurden gezeichnet.
Aber auch die Kurden verachten die Staatsmacht und ihre Vertreter. Der Sportlehrer von der Partei, die gerade an der Macht ist, nennt die Schüler Hurensöhne. Dann kommt der nächste Putsch, und der Lehrer ist in der falschen Partei: Die Mütter ziehen im bacchantischen Rausch vor sein Haus, zerren ihn auf die Strasse: «Sind wir Dirnen? [. . .] Eine der Frauen hatte ihn an den Hoden gepackt und drückte sie so lange zusammen, bis aus seinem Mund weisser Schaum trat, der als klebriger Faden über seine Brust rann.»
Die Anarchie ist total. Und als dann ein Jahr lang kein Putsch mehr geschieht, haben die Bewohner erst recht Angst. Denn Ruhe und Frieden sind der Anfang vom Ende, weil nach fünfzig Jahren Frieden Mêro kommt, ein apokalyptischer Hirte mit einer Herde «teuflischer Böcke», die das Land versehren werden als gäbe es dort noch etwas zu zerstören. Und so ist die Angst, die man vor dem Frieden hat, die grösste von allen.
Selbstfindung
Einmal fällt einer der Jugendlichen, die meistens hinter einem unpersönlichen Wir zurücktreten, in ein Raum-Zeit-Loch und begegnet dort diesem sagenumwobenen Mêro. Es ist das einzige magische Element in dieser Autobiographie Barakats, dessen Romane an Finsternis und Magie so reich sind. Die rätselhafte Begegnung ist eine Art Initiationserlebnis, nach dem sich die Erzählung ins Offene weitet der Jüngling gibt sich als Erzähler zu erkennen und spricht von sich, plötzlich zum Mann geworden, als unterscheidbares Ich.
Bis dahin aber ist diese Autobiographie eher eine kollektive Chronik, entlang der Erinnerung aus der Perspektive eines Jugendlichen assoziiert, ein Sittenbild der nordsyrischen Kurdenstadt Qamischli, wo Barakat aufwuchs. Zwischen aller Brutalität tut sich dank dieser Perspektivierung immer wieder auch eine absurde, rabelaishafte Komik auf. Da steht dem staatlichen Krankenhaus eine monströse, nymphomanische Krankenschwester vor, und der Passepartout zu diesem morbiden Hospital sind die Schalen für die Urinprobe, die Kranke und Besucher ohne Unterschiede zu füllen haben, wollen sie sich Hoffnung machen, das Gebäude auch nur zu betreten.
Erzählt wird ungetrübt von jeglicher Reflexion, distanzlos, von so nah betrachtet, dass alles wie zum Anfassen sinnlich scheint. Da genügen für eine Orgie ein paar Wassermelonen, so dass sich die Freunde schliesslich in einer schlammigen Pfütze aus Staub und Fruchtsaft wälzen, bis in ihrem «klebrigen Haar blaue und schwarze Fliegen dröhnten, die aus den ausgetrockneten Ritzen der Erde gekrochen waren, als sie den süssen Duft rochen». Der ästhetische Extremfall hier ist ein Höchstmass an Unmittelbarkeit. Sie bleibt selbst in der Übersetzung gewahrt dank der Schweizer Arabistin Burgi Roos, die sich auf das Werk von Barakat spezialisiert hat.
Neben sehr einflussreicher, allerdings fast unübersetzbarer Lyrik und dieser Autobiographie hat Salim Barakat vor allem Romane geschrieben, finster-faszinierend-rätselhafte Romane, von denen auf Französisch bereits einige vorliegen. Hoffentlich bald auch auf Deutsch.
Stefan Weidner
Perlentaucher.de
Pressenotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 20.07.2000
Nach Stefan Weidner ist die Literatur Barakats vor allem von Extremen geprägt, die sich von Gewalterlebnissen in der Kindheit herleiten und möglicherweise nicht für jeden Leser leicht erträglich sind. So habe Barakat in seinem früheren Band "Der eiserne Grashüpfer" Quälereien an Tieren geschildert, die von kaum akzeptabler Brutalität sind, gleichzeitig aber nur eine Wiederspiegelung erlittenen Unrechts...