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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenSamstag, 19. April 2014 

Schleyer


von Lutz Hachmeister

ISBN: 340651863X

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Lesenswert
Das Buch bietet eine dichte Beschreibung des "Typus Schleyer", über eine konventionelle Biografie hinaus. Über die bekannten Bilder vom "RAF-Opfer" hinaus erfährt man viel über einen Mann, der bereits als 14-Jähriger in eine "Pennälerverbindung" eintrat und später, in Heidelberg, sowohl durch ein männerbündischer Corps-Bewusstsein als auch die NS-Studentenführung geprägt wurde. Hachmeister schildert eindringlich und ohne Schaum vor dem Mund die Mentalitäten und Beweggründe dieser NS-Studentenbewegung, deren Bedeutung durch die spätere (und ja wiederum auf die Geschehnisse im Dritten Reich bezogene) 68er-Revolte überlagert wurde. Interessant ist es auch, zu erfahren, wie sehr Schleyer in seinem eigenen kapitalistischen Milieu bereits als Grüßaugust gehandelt wurde, während die RAF in ihm den Kreuzritter der Ausbeuter sah, aber aus "PR-Motiven" heraus während der Entführung nicht einmal mit seiner NS-Geschichte operieren wollte. Das Schlusskapitel des Buchs bildet eine eigene Studie über die Geschichte der RAF, bis hin zu biografischen Wurzeln etwa von Ulrike Meinhof und Horst Mahler in den 50er Jahren. Wer eine übliche Biografie erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein - insgesamt aber ein anregendes und wegweisendes Buch, das im übrigen sprachlich und stilistisch von einer Qualität ist, die nicht gerade viele Autoren erreichen.

Lesenswert
Hanns Martin Schleyer - das ist der Mann im Unterhemd, mit dem Schild „Gefangener der RAF", der aus der Geiselhaft daran appeliert, dass er sich immer für „diesen Staat" eingesetzt habe und deshalb um eine Entscheidung über sein Schicksal einfordert. Die Schleyer-Fotos und Videos gehören zur mythischen Bilderteppich, der inzwischen um die „Rote Armee Fraktion" und die 70er Jahre gewebt worden ist. Hachmeisters Buch zeigt dagegen den Schleyer aus Fleisch und Blut, den radikalen NS-Studentenfunktionär, das bierselige Corps-Mitglied der Heidelberger „Suevia" (vor und nach 1945), den Tarifunterhändler mit Bauchgefühl, der auch von den etablierten, staatstragenden Gewerkschaften geschätzt wird. Eine perfekte „Charaktermaske" für die aufbegehrende Linke im allgemeinen wie für die Reste der RAF im besonderen, hinter der im Buch aber auch Züge eines unsicheren, letztlich gescheiterten Karrieristen deutlich werden. Hachmeister nennt seine Arbeit „neue Biographie", weil hier über die Hauptfigur hinaus verborgene Netzwerke der Macht im Nachkriegsdeutschland kenntlich werden, und knüpft damit an Ulrich Herberts „Best", Michael Wildts „Generation des Unbedingten" oder seine eigene Arbeit über den SS-„Gegnerforscher" F. A. Six an. Mitunter geht der Text zu sehr ins Detail , aber insgesamt flüggig geschrieben, lesens wert.

Schleyer
Ein Gewinn für jeden mit Interesse an Zeitgeschichte, das über, sagen wir mal, Guido Knopp hinausgeht. War Schleyer ein Nazi-Verbrecher? Ein großes Kaliber war er jedenfalls nicht. Gewisse Parallelen aber zwischen der Mentalität des radikalen Jungstudenten Schleyer und der seiner späteren Entführer und Mörder bilden einen Grundton des Buches. Plausibel und aufschlussreich. Außerdem: stilistisch einwandfrei, ein echter Lesegenuss. Warum sich im übrigen Daimler-Benz einem so sinnvollen Projekt verweigert hat, würde mich auch mal interessieren. Peinlich.
Siehe auch:
> Schleyer
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