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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenSamstag, 17. November 2018 

Abschied von den Feinden.


von Reinhard Jirgl

Kategorie: Jirgl, Reinhard
ISBN: 3423125845

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Neue Zürcher Zeitung Lesezeichen

Herz der Dunkelheit

Reinhard Jirgls «Abschied von den Feinden»

Die Protagonisten in Reinhard Jirgls Roman sind keine Helden. Aber sie erleben und erleiden Un- und Übermenschliches. Sie werden ebenso wie die anderen Gestalten dieses Ausnahmeromans vom Erzähler, genauer: von den vielen Erzählern, nicht bei ihrem Namen gerufen. Aber sie haben, ihrer Namenlosigkeit zum Trotz, eine unverwechselbare Lebensgeschichte, in die sie verstrickt sind. Eine (deutsche) Geschichte, die nur ihnen gehört und der sie ganz und gar gehören, obwohl sie nur eines wollen: ihr entspringen.

Die trostlose Geschichte ist schnell erzählt: Nach dem «endgültigen Verlöschen, Implodieren, Sichauflösen eines Landes» (der DDR, die ebenfalls namenlos bleibt) kommt ein Namenloser in die verhasste Gegend zurück, in der seine Ursprünge liegen und der er, der Republikflüchtling, buchstäblich entsprungen ist. Ein uraltes Motiv: die Heimkehr des gebrochenen Helden. Jirgl erweckt in einem souveränen, weil untergründigen intertextuellen Spiel (u. a. mit der «Odyssee» und «Ulysses», mit «Alice in Wonderland» und «Michael Kohlhaas», mit der «Blechtrommel» und den «Mutmassungen über Jakob») diesen verblichenen Topos zu neuem Leben.

Ruiniertes Dasein

Der da zurückkehrt, ist kein Heimkehrer. Denn er hat wie sein dort verbliebener jüngerer Bruder, dem er zeitlebens in prekärer Symbiose verhaftet bleibt, Ursprung, Heimat und Familie nur im Zustand des traumatisierenden Zerfalls erlebt. Die Mutter wird vor den Augen der kleinen Kinder verhaftet, weil sie im Verdacht steht, noch Kontakte mit ihrem Mann, einem alten SS-Angehörigen, zu haben, der die Familie verlassen hat. Die Brüder kommen in ein Heim, aus dem sie knapp vor ihrem psychischen Tod von ihrerseits durch Vertreibung traumatisierten sudetendeutschen, katholisch-frommen «Alten» herausgeholt und adoptiert werden.

Beide Brüder lieben später leidenschaftlich dieselbe Frau und kämpfen erbittert um die Gunst der «Füchsin». Sie aber heiratet einen hemmungslos auf seine Karriere fixierten Ostberliner Chefarzt, der sie in die Psychiatrie einweisen lässt, als sie, la belle, la bête (u. a. wegen der anhaltenden Kontakte zu dem nach Westdeutschland geflohenen Bruder), seine Position bedroht. Die Nachricht vom rätselhaften Tod dieser elend ruinierten Frau lässt diesen kurz nach der Wende zurückkehren an den Ort seiner albtraumhaften Erinnerungen. «Die Zeiten verfrühter politischer Euphorien spien ihre Toten aus.»

Und es entfaltet sich ein vielfach gebrochener Erinnerungs- und Erzählstrom von ganz eigentümlichem Reiz. Der Gefahr, typisch deutsche Betroffenheitsprosa zu produzieren, ist Jirgl (der 1953 in Ostberlin geborene Elektronik-Ingenieur und langjährige Techniker an der Volksbühne Berlin) mit erzähltechnischer Virtuosität und grosser Stilsicherheit begegnet.

Er schreibt multiperspektivisch, lässt sich auf die Reize und die Erkenntnisgewinne einer second-order-observation ein. Und er wiederholt immer dann, wenn der Sog seiner Prosa unerträgliche Nähe zum Grauen zu stiften droht, seine erzähltechnische Leitformel «Ich lasse ihn . . .», die mal der einen, mal der anderen Bruderperspektive zuzuordnen ist: Das Tun des einen ist das Tun des anderen. Für befreiende und erhellende Distanz sorgen überdies die nach anfänglicher Irritation erstaunlich suggestiven Schreibformen, die sich Jirgl erschaffen hat (u. a. Kürzel, Numerale, unorthodox verwendete Satzzeichen). Sie laden dazu ein, den Text rhythmisch (warum nicht halblaut?) zu lesen.

Und so entsteht ein polyphones Spannungsverhältnis zwischen intellektueller Distanzierungsgestik und sinnlicher Sogwirkung, das in der deutschen Gegenwartsliteratur einzigartig ist. Dafür nur ein kurzes Beispiel – gibt es doch Bücher, aus denen man nur zu zitieren braucht, um ihren Rang herauszustellen: In dem Grenzgebiet zum feindlichen Lager, nahe am Stacheldraht, nahe dem Nicht-Heimat-«Dorf, das seinen Namen verloren hat» und seine Bewohner zumal, brechen bei einem Feuer Pferde panisch aus ihrer Koppel aus und geraten auf den Grenzstreifen.

«Und die Pferde manche schon mit brennender Mähne trugen das Feuer wie blindwütige Brandstifter in den Grenzstreifen hinein 1 der Tiere hatte sich im Stacheldrahtverhau gefangen brannte schon wollte sich losreissen – da explodierte die Mine & riss dem Tier den Bauch entzwei Wir sahen durchs Fernglas Gedärme quollen aus dem Pferdeleib das Tier warf die Hufe gegen den Stacheldraht (. . .) und noch immer schossen die Selbstschussanlagen auf den Pferdeleib (. . .) wir standen in der Entfernung mit unseren Ferngläsern u konnten nichts tun Jeder Schritt dorthin u sei's nur das Tier von seinen Qualen zu erlösen wäre Tod auch für uns gewesen.»

Jirgls Roman ist auch ein Bestiarium – und eine literarische Variante zu Picassos kolossalem Guernica-Gemälde. Ut pictura poesis. Fliegenschwärme, Fische, Affen, Pferde und viele weitere Tiere bevölkern Jirgls Roman, der vom Leid aller Kreatur Zeugnis ablegt. Die bestialischen Motive entstammen zum Teil auch jenem Jugendroman, den die Brüder, der Faszination des Schreckens erliegend, gemeinsam lasen, jenem Roman, der einen Ich-Erzähler und einen Helden mit einem Namen hat: den Conquistador Padre Ignacio Ximenez, der ins Herz der Dunkelheit verschlagen wurde, weil sein Missionarsherz stets das Gute wollte und stets das Böse schaffte.

Nachwendezeitallegorie

Eine beklemmende DDR- und Nachwendezeitallegorie, die um ein abgründiges Motiv konstelliert ist, das die Derealisierungserfahrungen vieler in den «neuen Bundesländern» ausdrücken dürfte. Der Abschied von den Feinden zeitigt Desorientierung. Denn der Feind ist bekanntlich von hoher Funktionalität: In ihm hat die Frage, die uns umtreibt, ihre schlagende Gestalt gefunden. Die Feinde meiner Feinde sind in einer Welt der universalen Entstrukturierung auch meine Feinde.

Jirgls Bestiarium ist aber auch ein spätmoderner Physiologus – eine Wiederaufnahme des spätantiken und frühchristlichen Versuchs aus dem dritten Jahrhundert, aller Kreatur Sinn und Bedeutung zu unterlegen. Die Natur ist stumm vor Trauer. Und sie trauert, weil sie stumm ist. Jirgls Roman begreift die Sprache noch des ruiniertesten Daseins als das Medium der Befreiung aus diesem schrecklichen Zirkel. Dass ihr dies glückt, bestimmt ihren Rang. Für das Manuskript dieses Romans hat Jirgl 1993 den Alfred-Döblin-Preis und 1994 den Marburger Literaturpreis erhalten. Er hätte weitere Preise verdient – vor allem aber Leser, die noch wirklich aufmerksam lesen können und wollen. Es lohnt.

Jochen Hörisch

Kurzbeschreibung Der Titel verheißt nichts Friedvolles insofern, als mit dem Verschwinden der Feinde immer auch die Freunde verschwinden; und wenn »das Böse« getilgt ist, beginnt die Selbstzerfleischung. Reinhard Jirgls Roman erzählt vom Verschwinden der Sicherheiten und Gewohnheiten, vom Abschied von vertrauten Orten und Menschen, Geschichten aus der Großstadt, aus der Provinz. Mit eigener, eigenwilliger Sprache erzählt Jirgl vor allem von denen, die zerrieben wurden, die auf...

Der Verlag über das Buch Reinhard Jirgl erzählt in seinem Roman vom Spiel mit der Wahrheit und der Wirklichkeit, vom Verschwinden alter Sicherheiten, vom Verlust des Aufgehobenseins und der vertrauten Orte. Dabei umfaßt Jirgls Buch die deutsche Geschichte von der Nachkriegszeit bis zum Anfang der neunziger Jahre. »Ein literarisches Ereignis, auch wenn in ihm die Hoffnung nur noch als heiseres Lachen am Abgrund widerhallt. Mit Abschied von den Feinden hat sich Reinhard Jirgl in die vorderste Reihe...


Siehe auch:
Jirgl, Reinhard > Abschied von den Feinden.
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