Neue Zürcher Zeitung
Der Maskenspieler und sein Fussballfieber Javier Marías über das Dramatische im Fussball
Tief im Herzen eines jeden Mannes schlummert eine Mannschaftsaufstellung. Jener Mannschaft, mit der er als Knabe bei einer Weltmeisterschaft oder einem Europapokal gefiebert hat wie später niemals mehr. Denn mit ihren elf Spielern hat er gelernt, was Furcht ist, was Unruhe, Freude, Scham, Wut, Tränen, Verrat, Ehre.
Auch Javier Marías war einmal ein solcher Junge. Sein Urverein heisst Real Madrid, im Schlaf aufsagen kann er die Formation der sechziger Jahre, die sich mit Stürmern wie di Stéfano, Puskas, Gento einen Europapokal nach dem anderen erkämpfte. Inzwischen ist aus dem kindlichen Fussballfan Marías ein präziser Beobachter menschlicher Abgründe geworden. Als solcher schreibt er nicht nur Romane, sondern auch Fussballkolumnen für spanische Zeitungen. Und immer hat er die Charaktere der Spielerlegenden seiner Kindheit im Hinterkopf. Sie bilden den Massstab für all seine Betrachtungen über Fussball, die er gemeinsam mit dem Herausgeber Paul Ingendaay für «Alle unsere frühen Schlachten» zusammengestellt hat. Die dreissig Glossen sind jedoch keineswegs verblasste Schlaglichter auf Spitzenspiele von vorgestern. Dem intellektuellen Tifoso offeriert der Band reichlich Reflexion über die archetypischen Qualitäten seiner Leidenschaft, während der Literaturliebhaber und Marías-Leser mehr über die Vita des Autors und über dessen Obsessionen erfährt als in jedem anderen auf deutsch von ihm erhältlichen Buch.
Marías, der in seinen Romanen lebensgeschichtliche Fährten vorzugsweise falsch legt und das Handwerk des Erzählens regelmässig in Frage stellt, zeigt sich in diesem Buch von ungewohnter Seite: knapp, schlagfertig, bissig und witzig erzählend, dabei autobiographisch unverstellt und sein Anliegen mit Herzblut umkreisend. Hier spielt er nicht mit Masken seines Ichs, sondern erzählt von der Zeit, als er linksaussen spielte. So lesen wir in einigen längeren Stücken von seiner Kindheit, als er alljährlich für drei lange Sommermonate mit der ganzen Familie in das Provinzstädtchen Soria umzog, wo nicht nur der Lokalverein mit dem heroischen Namen Numancia immer verlor, sondern der jugendliche Javier unter den Augen eines väterlichen Freundes seinen ersten Roman schrieb.
Fussballerisch geht Marías zwar immer von einem konkreten Anlass aus (einem Pokalfinale, einer WM), seine Betrachtungen aber zielen auf Grundsätzliches: Welche Bärte ziemen einem Fussballer? (Spitzbärte nicht, denn deren Träger sind alle Schurken.) Wann haben die Tränen eines Spielers Grösse, wann wirken sie lächerlich? Für welche Mannschaft soll man fiebern, wenn die eigene aus der WM ausgeschieden ist? (Marías urteilt: Zum 50. Jahrestag der Landung der Alliierten bestimmt nicht für Deutschland, und auch nicht für die Schweiz, weil sie einfach zu neutral ist.) Marías analysiert die Gesten der Freude beim Torerfolg, verzweifelt an der Borniertheit von Vereinspräsidenten, beklagt die spielmordende Strategiegläubigkeit der Trainer; und er erklärt, warum ein erfolgreicher Torwart unbedingt Würde ausstrahlen muss.
Immer versteht Marías das Fussballfeld als einen symbolischen Raum, in dem Gesten, Bewegungen, Kombinationen nicht nach den Massstäben der bürgerlichen Gesellschaft, sondern nach den dramatischen Gesetzen von Theater, Kino, Zirkus beurteilt werden müssen. Gefahr droht, wenn mit Millionen zusammengekaufte Elitetruppen aseptische Erfolge in Serie herausspielen. «Wenn dieses Spiel keine dramatische Qualität mehr besitzt, bleibt nichts mehr von ihm übrig.» Für ihn ist viel wichtiger, im Fussball wie auch in der Literatur, dass nach dem Spiel (der Lektüre) ein Echo, ein Widerhall bleibt. Aber «einzigartige Spielverläufe, unverwechselbare Charakterköpfe» sind heute, zwischen Showeffekten und unter dem Diktat unbedingter Torverhinderung, seltener geworden. In Marías Worten: «Der Fussball besitzt heute immer weniger erzählerische Momente.» Ein di Stéfano hingegen, der habe in Finalspielen seinen Trainer mit riskanten Hackentricks zur Verzweiflung getrieben, einfach weil es ihm «Spass machte». Heute undenkbar.
Illustriert ist «Alle unsere frühen Schlachten» mit Marías' eigenen Fussballsammelbildchen aus Jugendtagen. Die allermeisten Spieler kenne ich nicht, aber sofort erinnere ich mich an meine eigene leidenschaftliche Jagd nach der einen Spielerphoto, die einem immer fehlte. So unmittelbar können Fussballstücke noch nach Jahren wirken und Marías' Betrachtungen tun es ebenfalls.
Albrecht Buschmann
Perlentaucher.de
Pressenotiz zu : Die Zeit, 30.03.2000
In einer Doppelrezension bespricht Katharina Döbler zwei Erzählbände des Autors.
1) Javier Marias: Während die Frauen schlafen
Diesem Erzählband kann Katharina Döbler nicht besonders viel abgewinnen. Die Bilanz laufe auf Überflüssigkeit, ein paar Tote und stilistische Genremalerei hinaus. Es gibt Besseres von Marias, wie sie feststellt, aber immerhin lasse sich an diesen relativ frühen...
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