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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDienstag, 21. Mai 2013 

Die Hundeesser von Svinia.


von Karl-Markus Gauß

Kategorie: Romane & Erzählungen
ISBN: 3423134372

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Europa ist in den Medien omnipräsent, sein kultureller Reichtum jenseits touristisch wohlfeil vermarktbarer Landesstereotypen bleibt dabei weit gehend unermessen. Wie lohnend es sein kann, sich auf dem alten Kontinent noch auf Entdeckungsfahrten zu begeben, zeigen die literarisch vielschichtigen Reisereportagen des renommierten Kulturpublizisten und Autors Karl-Markus Gauß. Nachdem er in Die sterbenden Europäer den Spuren vom Verschwinden bedrohter Volksgruppen nachforschte, führt ihn sein Weg nun in die ostslowakischen Elendsquartiere der Roma, deren von Diskriminierung geprägte soziale Not nicht nur ein nationales, sondern ein europäisches Problem darstellt.

Sprachlich pointiert schildert Gauß die Eindrücke von den Stationen seiner Reise -- Orte, die gemeinhin von Außenstehenden gemieden werden: von einer trostlosen Kaschemme in Tornal'a über die Wohnanlage Lunik IX am Rande von Kosice, wo die Roma, aus dem Stadtbild und dem Problembewusstsein verdrängt, ihr ghettoisiertes Dasein fristen, bis nach Svinia in der Nähe von Presov. Hintergrundwissen vermitteln eingeschobene Exkurse historischer und politisch analytischer Art sowie essayistische Reflexionen, etwa über die Unsichtbarkeit als das Wesentliche eines Slums, seine Ausklammerung aus der Wahrnehmung aller, die nicht in ihm wohnen.

Moralpredigten mit leichthin erhobenem Zeigefinger liegen Gauß dabei ebenso fern wie sozialromantische Verklärungen, wenn etwa die über Zinswucher betriebene Ausbeutung unter den Bewohnern von Lunik IX oder das Kastensystem der verschiedenen Romagruppen geschildert wird, auf dessen unterster Stufe die Degesi, die "Hundeesser", stehen. Gerade bei ihnen, im infernalischen Slum von Svinia, erlebt der Erzähler, von den Ärmsten der Armen wie ein Freund empfangen, die menschlich bewegendsten Momente.

Als spannende, literarisch hochwertige Synthese von forschender Beobachtung, kritischer Reflexion und fundiertem Wissen ist Die Hundeesser von Svinia eine mit Sicherheit Gewinn bringende Lektüre für Leser, die sich wie manche vom Autor als immer wieder tröstlich erlebte Reisebekanntschaften "für die Welt und nicht für deren Inbesitznahme" interessieren. --Mathis Zojer

Apartheid vor der Haustür
In einem kleinen Ort im Osten der Slowakei, hat Karl-Markus Gauß Menschen kennen gelernt, die wie aus Zeit und Raum gefallen scheinen. Wie Verstoßene leben sie in bitterer Armut. Ohne fließend Wasser und Elektrizität. Sie werden von Nachbarn missachtet, wie Luft behandelt. Der Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik" liefert mit "Die Hundeesser von Svinia" mehr als eine packende Studie der Roma-Gemeinschaft, mehr als eine Reiselektüre. Nachdenken über Toleranz ist die mindeste Folge - auch bei denjenigen, die den aktuellen Ereignissen in der Ostslowakei sonst weniger politische Bedeutung beigemessen hätten...

"Degesi" -"Hundeesser"
350 km (Luftlinie) trennen Wien von München; ebenfalls 350 km (Luftlinie) Wien von Kosice (Kaschau). Und doch sind die 350 km nach Osten eine Reise in eine andere, fast allen von uns unbekannte Welt.
Karl-Markus Gauß hat diese Reise in den Osten mehrmals gemacht; in diesem Buch berichtet er von seinen Reisen.
Er stellt uns eine Welt vor, die man bei uns geflissentlich verdrängt: die Welt der Roma (früher abwertend "Zigeuner"). Mit dem Eintritt der Slowakei in die EU kommen (und kamen ab 1. Mai 2004) einige hunderttausend Roma in die EU.
Ein paar Eckdaten: Arbeitslosigkeit in vielen Roma-Ghettos in der Slowakei an die 100%; Alkoholmissbrauch; Schulbesuch der Kinder (wenn überhaupt): meist Sonderschule; Niedergang der traditionellen väterlichen Autorität......
Gauß beschreibt auch die Geschichtslosigkeit, in die diese Gruppe von Menschen in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten gefallen ist, nachdem die Berufe, von denen sie mehr schlecht als recht lebten, meist verschwunden sind.
"Hundeesser" sind die Bewohner von Svinia, dem schlimmsten Ghetto, schon lange nicht mehr - sofern es die Älteren von ihnen je überhaupt (aus rituellen Gründen) waren; der Ruf, es zu sein, reicht, um am untersten Ende der sozialen Skala in der Slowakei zu stehen.
Ein unendlich wichtiges, sehr oft trauriges, aber doch manche Hoffnung keimen lassendes, in geschliffenstem Deutsch geschriebenes Buch - gerade richtig zum 1. Mai 2004. Die EU wird sich jedenfalls zu diesem Problem mehr als bisher einfallen lassen müssen...
Siehe auch:

Romane & Erzählungen > Die Hundeesser von Svinia.
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