Studium, Ausbildung und Beruf

web uni-protokolle.de
 powered by
NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenFreitag, 21. November 2014 

Süden und das Lächeln des Windes


von Friedrich Ani

ISBN: 342662074X

Kommentar abgeben
Tabor Süden, Kommissar der Vermisstenstelle des Dezernats 11 in München, muss sich mit dem rätselhaften Verschwinden zweier Kinder auseinandersetzen. Der Held des deutschen Krimipreisträgers Friedrich Ani findet in Süden und das Lächeln des Windes schnell heraus, dass eine kaputte Erwachsenenwelt für das Verhalten der Kinder verantwortlich ist.

Über Friedrich Anis literarische Fähigkeiten muss nicht diskutiert werden. Völlig zu Recht hat der Münchner Roman- und Drehbuchautor, der auch als Polizeireporter gearbeitet hat, 2003 den Deutschen Krimipreis für den besten deutschsprachigen Kriminalroman erhalten. Erstaunlich ist nur, auf welch hohem Niveau Ani seine Romanserie mit Kommissar Tabor Süden zu halten vermag. Die harte Schule des Drehbuchautors ist stets zu spüren. Anis Dialoge sind wirklichkeitsnah und prägen die Handlung entscheidend, geben dem Leser echte Aufschlüsse über die Charaktere seiner Geschichten. Der wortkarge und zurückhaltende Tabor Süden drückt dem Tempo des Geschehens seinen Stempel auf. Nichts scheint voranzugehen, doch Süden, selbst ein Einzelgänger, hat ein Gespür für die Außenseiter der Gesellschaft und durchschaut schnell ihre Peiniger.

Der neunjährige Timo Berghoff wird von seiner Mutter vermisst gemeldet. Doch weder Susanne Berghoff noch ihre Schwester Carola, bei der der Junge oft zu Besuch ist, wollen sich zu näheren Umständen äußern. Für den Vater Timos, offenbar in Hamburg auf Arbeitssuche, scheint der Vorfall nicht einmal Grund genug zu sein, zurück nach München zu kommen. Süden findet heraus, dass Timo von einer Mitschülerin kurz vor seinem Verschwinden geohrfeigt wurde. Er sucht Sara Tiller auf, kann jedoch nichts aus ihr herausbringen. Wenig später verschwindet Sara ebenfalls spurlos.

Unspektakulär, kritisch, spannend und im besten Sinne unterhaltsam kommen Friedrich Anis Krimis daher. Der deutsche Kriminalroman kann zuweilen doch mit der internationalen Konkurrenz mithalten! --Ulrich Deurer

Kommt ganz ohne Mord aus
Ein Krimi mal ganz anderer Bauart: Ein neunjähriger Junge verschwindet nicht ganz spurlos. Seine Mutter will keine Vermißtenanzeige aufgeben, sondern wendet sich "einfach nur so" an die Polizei. Ihr Sohn verschwand nämlich, kurz nachdem sie ihn mit einem Kleiderbügel blutig geprügelt hatte. Der Vater des Jungen, der sich bei einem länger dauernden Vorstellungsgespräch befindet, will trotz des Verschwindens seines Sohns nicht nach Hause kommen. Die Mutter schweigt sich aus, weiß aber offensichtlich etwas, das die Polizei nicht wissen soll. Dann verschwindet auch eine Freundin des Jungen. Offensichtlich nicht durch äußeren Einfluss...

Was mir an diesem Buch besonders gefiel, war die ungewöhnliche Realitätsnähe der Geschichte. Ein Kind läuft von zu Hause weg, weil das zu Hause keins ist. Den Eltern ist es wichtiger, die Fassade zu wahren, als ihr Kind wiederzubekommen. Die Schilderung zwischenmenschlicher Spannungen, Gefühlskälte und Ablehnung ist großartig. Die Figuren sprechen wie richtige Menschen und kein Schriftdeutsch. Manche Macken und Spinnereien der Charaktere sind einem selber schon mal begegnet, und sie beobachtet und festgehalten zu sehen, überrascht und erfreut. Ich habe für die Lektüre der 200 Seiten drei Stunden gebraucht, das nächste steht schon im Regal!

Spannungsarm
Spannungsarm, ohne innere und dramaturgische Höhepunkte zieht sich die Handlung wie ein Kaugummi dahin. Echte Überraschungen oder ein Hinzukommen neuer Ebenen und Handlungsstränge bleiben aus. Die Figuren bleiben trotz steter Bemühungen zur Charakterisierung auf merkwürdige Weise fremd. Recht realistische Schilderungen des Handlungsmilieus und der Polizeiarbeit sowie ein unrasierter Kommissar machen noch keinen lesenswerten Kriminalroman. Dass dieses spröde Buch den Deutschen Krimipreis 2003 erhalten hat, kann ich nicht nachvollziehen.

Vom Weglaufen
Vom Weglaufen

Zwei Kinder sind verschwunden. "Wir konnten uns an keinen Fall erinnern, bei dem ein Sexualtaeter zwei Kinder gleichzeitig entfuehrt und missbraucht hatte." Im vorliegenden Roman mag die Ueberlegung des Ermittlers Tabor Sueden noch Gueltigkeit haben. In der Realitaet wurde die entsetzte OeÖffentlichkeit hingegen vor nicht allzu langer Zeit eines Besseren belehrt. Zunaechst muss der auf der Vermisstenstelle der Kripo arbeitende Fahnder in diesem Fall herausfinden, warum die Eltern der Kinder sich so merkwuerdig unkooperativ verhalten. Und wie gewohnt ist das Aufzeichnen eines gesellschaftlichen Stimmungsbilds dem Autor Friedrich Ani allemal wichtiger als spektakulaere Action und Gangsterhatz. Seine dialogreiche, kammermusikalisch anmutende Krimihandlung spult er mit sensiblem Gespuer fuer die verraeterischen Zwischentoene ab. Ins Film- und Fernsehgenre uebersetzt: Eher "Der Alte" oder "Tatort" als Bruce Willis. Tatsaechlich hat Ani frueher schon als Polizeireporter und Drehbuchautor gearbeitet. Die glaubwuerdigen Dialoge treiben aber nicht nur die Handlung voran; sie erschließen dem Leser auch die Charaktere der Figuren. Mitunter nimmt der geschulte Drehbuchautor das Tempo aus der Geschichte, indem er nebensaechlich erscheinende Details sorgfaeltig ausmalt. Letztlich profitiert der Leser von diesem Stilmittel, da er jede Szene als Vorstellungsbild deutlich vor Augen hat. In eindringlich gezeichneten Rueckblenden erlaubt Ani zudem Einblicke in die Vergangenheit des schweigsamen Ermittlers, der in seiner Kindheit selbst einmal das Weite gesucht hat. Ein gewitzter Einfall des Autors. So kann er naemlich in die psychischen Abgruende aller Beteiligten hineinleuchten. Dass er bei Fahndern und Verdaechtigen nicht bis auf den Grund kommt, macht die Sache realistisch. Immerhin zerren Autor und Ermittler mit zaeher Geduld am Ende doch die hinter den Fassaden normaler Lebensgeschichten verborgene Wirklichkeit ans Licht. Dass der Uebergewichtige, unrasierte Tabor Sueden sich in diesem Roman nebenher auch noch verlieben darf, goennt man ihm von Herzen.
Siehe auch:

> Süden und das Lächeln des Windes
ImpressumLesezeichen setzenSeite versendenSeite drucken

HTML-Code zum Verweis auf diese Seite:
<a href="http://www.uni-protokolle.de/buecher/isbn/342662074X/">Süden und das Lächeln des Windes </a>