Angst und Schrecken in Las Vegas
 | von Hunter S. Thompson
Kategorie:
USA ISBN: 3442443202 | Entzückte Jack Kerouac die Welt 1957 noch mit seinen Überlegungen Unterwegs, mit Beschreibungen von Apfelstrudel in Idaho und selbstgemachtem Schokoladenpudding auf einer Berghütte, so fuhr der Hobbyjäger Dr. Hunter S. Thompson 25 Jahre später mit radikaleren Geschützen auf. Statt Stippvisiten bei Tanten im Hinterland einzulegen, bediente sich Thompsons alter ego Raoul Duke alias Doctor Gonzo in Fear and Loathing in Las Vegas auf seinem Weg durch das Versprochene Land gänzlich anderer Hilfsmittel: "zwei Tüten voller Gras, 75 Pillen Mescalin, fünf Blättchen Acid, ein Salzstreuer voller Kokain und eine ganze Galaxie farbenfreudiger Upper, Downer, Schreier, Lacher... und außerdem ein Maß Tequila, ein Maß Rum, eine Kiste Budweiser". Mit dieser Art der Wegzehrung mußte Gonzo bei seinem Marsch gen Osten zu anderen Resultaten kommen als Kerouac. Dabei suchten der Ur-Beat-Poet ebenso wie die diversen Stimmen und alter egos von Thompson nach dem selben: dem Amerikanischen Traum; zumindest auf einem Level von Fear and Loathing; auf einem anderen sucht der Journalist Raoul Duke, der keinen Schritt ohne seinen Anwalt tut, nach immer neuen Kicks. Außer um Dekadenz und ein Leben auf der Überholspur geht es um die Überreste der Hoffnungen Anfang der siebziger Jahre, um die zerschlagenen Träume einer Generation. Right: der Hippie-Generation, der Kinder von Woodstock, der Jünger von Friede, Freude und Magic Mushrooms. Bemühen sich die meisten Zeitungs- und Meinungsmacher des Abendlandes, Lesern und sich selbst vorzumachen, es gehe um Fakten und Objektivität, so flüchtete Dr. Thompson frontal nach vorne. Mit quietschenden Reifen ließ er verbrennenden Gummi hinter sich, mit V8 Zylindern und über 300 PS verschluckte er, was er auf dem Weg vorfand. Damit erfand er das, wovon man heute schwärmt: den Gonzo-Journalismus, eine Schreibe, bei der der Journalist zum Schriftsteller wird, bei der sich Fakt und Fiktion, Wahn und Vorstellung vermischen, bei der Hotelgäste zu Köpfe verschlingenden Ungeheuern werden. Sein Motto "When the going gets weird, the weird turn pro" ist dabei das einzige, worauf man sich stützen kann, der Felsen in der Brandung. Thompson wischt die Manieren des vergleichsweise zivilisierten Tom Wolfe, die dramatisierte Wirklichkeit von Truman Capote, er wischt Zaudern, Zögern und Zweifel vom Tisch, holt kurzerhand die Knarre raus, kidnappt den von Wolfe salonfähig gemachten New Journalism, zieht ihn bis auf die Unterhosen aus -- und entführt ihn in neue Galaxien. Dann schaltet er in den nächsten Gang, läßt die U/min gen 6000 drehen. Einen Absatz weiter gibt es Notizen, Memos von seinem Desk. Fear and Loathing in Las Vegas. Erstveröffentlichung mit Zeichnungen Ralph Steadmans in Rolling Stone (Ausgabe 95, 11.11.71). Im September 1977 die deutsche Übersetzung von Sounds-Redakteur Teja Schwaner. Tja... vor einem Vierteljahrhundert, der Hangover nach dem Summer of Love wirkt noch nach, Bob Dylan stellt ernüchtert fest, es sei in der Dekade um nicht mehr gegangen als Kleidung, an Vietnam glaubt niemand mehr, Gonzos liebster Feind Nixon ist noch am Drücker, und bei 'Watergate' denkt man höchstens an einen Büro- und Hotelgebäudekomplex in Washington D.C. Und? Und was findet Thompson, der 'Godfather of Gonzo', auf seiner Suche? Statt durch malerische Canyons wie in Easy Rider watet er durch blutüberströmte Hotel-Lobbys voller Reptilien... Der Trip ist nicht nett. Statt Bewußtseinserweiterungen offenbart sich während Gonzos Höllenfahrt das wahre Antlitz Amerikas: eine vor Gier und Narzißmus schlabbernde, fette Grimasse. Der Amerikanische Alptraum? Nein, häßlicher, viel häßlicher. Und paranoider. "Ich habe Leser immer ermutigt", erinnerte sich Thompson vor fünf Jahren in einem Rückblick in Rolling Stone, "sich meinem Werk von außen nach innen zu nähern und es zu treffen (wie in einem Zoom-Objektiv oder einer Neonreklame wie dem freundlichen 'Welcome' am Fuße des Hügels zum Bates Motel...)." Ob von außen nach innen, im Buch oder auf CD, die Armee an Personal, auf die man in Fear and Loathing trifft, all die Extras zwischen Beverly Hills und dem Circus-Circus Casino in Las Vegas, dem Autoverleih in L.A. und den Lobbys diverser Hotels, die Hyänen und Aasgeier in Lifts und Taco-Imbissen, sie alle laden mit ihren Träumen und individuellen Akzenten und Dialekten geradezu ein, das Ding zu verfilmen, und zwar als den ultimativen Road-Movie. Alter ego Raoul Duke hinterläßt in Hotels mehrstellige Rechnungen für room-service, und Gonzo rechnet ab; mit den nach Indien pilgernden Hippies, mit den Acid-Freaks, die glaubten, Frieden und Verständnis mit Drogen, "three bucks a hit", kaufen zu können, mit Amerika sowieso. Alleine die Tantiemen für Fear and Loathing müßten den Mann glücklich machen; kaum ein Jahr vergeht, ohne daß Auszüge des 'Kult-Klassikers' in Anthologien erscheinen. Trotzdem wird man den Eindruck nicht los, daß ihn das wenig interessiert, ja, daß er sich einen Dreck darum schert, denn Rückspiegel hatte sein V8 vermutlich nicht. Scheibenwischer leider auch nicht, denn der journalistische wie literarische Ausstoß Thompsons, mittlerweile dem sechzigsten Lebensjahr näher als dem fünfzigsten, war während der letzten -- 25? -- Jahre oft ernüchternd. Patentierte Gonzo-Phrasen und Macho-Posen der Frühwerke klappern durch Memo- und Briefesammlungen. Trotzdem, was bleibt, ist die Weisheit, die Vision und der präzise abgefeuerte Humor von Fear and Loathing... Der Mann, der, wenn er keinen Stoff vorfand, über den zu schreiben es sich lohnte, eben über sich selbst schrieb, ißt die Gonzo-Nachahmer aus den Kultur-, Pop- und Gefühls-Ressorts der Szenemagazine und Stadtzeitungen immer noch zum Frühstück. Der Unterschied zu den Dortmundern, die sich und ihren Opel zu Protagonisten ihrer Ergüsse machen, und Gonzo bleibt, daß Thompson über ein Jahr lang mit und unter Hell's Angels lebte, bevor er darüber schrieb, daß er sein Handwerk als Kolumnist in Florida, Korrespondent in San Juan und Rio de Janeiro lernte -- kurz: daß er gelebt hat und Sachen gemacht und gesehen hat, die die Sinne schärfen, bevor er sich auf seine radikale Schreibe spezialisierte. Und noch ein Unterschied: So eitel die Herangehensweise in der Theorie klingt, so nüchtern, vermutlich geradezu militaristisch diszipliniert hat er sie ausgeführt. "Das ist noch etwas, das ihn von seinen eher blassen Nachahmern unterscheidet", meinte jüngst Will Self, enfant terrible der Londoner Kaffeehaus- und Kolumnisten-Szene. "Sein Werk gehorcht einer eigenen Moral, es ist eine Art persönliche Hygiene, es ist ehrlich, sich selbst gegenüber integer." Die Legende lebt weiter, dafür sorgen schon die zig Millionen Anekdoten über Dr. Hunter S. Thompson (an dessen Name vermutlich nur das Initial der tatsächlichen Wahrheit entspricht), die Stories von den Plazebos, die er in sich hineinlöffelt, während er anderen Brechmittel reicht -- und beides als Speed ausgibt. Alleine 1993 erschienen drei Biografien über Hunter S. Thompson und sein sagenumwobenes Leben. Alle drei nicht autorisiert, alle drei voller Stories über Wahnsinn und Exzess, über ausflippende Nachbarn, Orgien und Stippvisiten der Polizei zu jeder noch so unmöglichen Stunde. "Ich bin nur das Medium", fuhr Thompson in seinem Rückblick vor fünf Jahren fort, "der Kanal, ein menschlicher Blitzableiter für all die rauchenden, obdachlosen Visionen und die fürchterlichen Acid-Flashbacks einer ganzen Generation -- die wertvoll sind, wenn auch nur als lebende, wilde Monumente eines Traums, der uns alle verfolgt." Ein Sargdeckel, wie der, mit dem Fear and Loathing die 60er abschließt, fehlt den 80ern bis heute. --Matthias Penzel
Besser, man kennt die 60er Jahre Erst dachte ich (wie meine Schüler, die sich das Buch aussuchten) es gehe nur um Drogen. Deshalb, vermute ich, haben sie sich dafür entschieden. Nach dem ersten Lesen fielen mir die vielen Querverweise und Anspielungen auf die Geschichte (Vietnam, die Protestbewegung) auf, die mich veranlassten, in diversen Quellen diesen Verweisen auf den Grund zu gehen. Ich glaube, nur mit der Kenntnis dieser Hintergründe erschließt sich das Buch so richtig. Auch wenn die Darstellung der Drogenexzesse irgendwie fesselt, dieses Buch ist viel mehr als ein Drogenbuch. Es ist die Abrechnung mit einer dunkel erscheinenden Phase der Geschichte der Vereinigten Staaten, die man vielleicht auch nur noch im Drogenrausch ertragen kann.
Wilde Experimente Dieses Buch ist ein Feuerwerk für den Leser! Ehrlicherweise muß man zwar anmerken, daß Thompsons Schreibstil zeitweise recht konfus daherpoltert (Daher auch einen Stern Abzug). Wenn man jedoch das Buch begriffen hat und jenen Zustand, in welchem es entstanden ist, die Zeit, in der Thompson seinen doppelten Trip nach Vegas stattfinden ließ, nun, dann versteht man auch Thompsons Schreibstil. Rauol Duke und sein Anwalt Dr. Gonzo fahren mit einem Cabrio voller Holluzinogene und Aufputscher nach Vegas, um dort ein paar erlebnisreiche Tage zu verbringen. Bezahlt wird der Trip von der "Times", für die Duke/Thompson einen Bericht über ein Wüstenrennen namens "Mint400" schreiben soll. Duke erhält tatsächlich die Beratung, die er sich von seinem Anwalt wünscht ("Als dein Anwalt rate ich Dir, mir zu sagen, wo du das gottverdammte Meskalin hingelegt hast!"). So stolpert das völlig zugedröhnte Team von einer Eskalation in die nächste. "Angst und Schrecken in Las Vegas" sprüht vor Humor und Witz, Dukes Gedanken über eventuelle Verhaftungen und die Über- und Unterbewertung der wirren Ereignisse in Vegas werden weit eindringlicher als in der Filmadaption des Ex-Pythons Terry Gilliam behandelt. Gerade diese aberwitzigen Szenen machen viel des Witzes dieses Buches aus. Dennoch bleibt die Filmadaption, für jene die zu faul sind dieses Buch zu lesen (oder selbst in einem derartigen Experiment stecken), eine der besten Buchadaptionen die ich jemals gesehen habe.
Rauschmittel Ein Buch wie ein phänomenaler Trip. Und eine wahre Geschichte. Wahrscheinlich. Denn Hunter S. Thompson kann sich vermutlich nicht genau an jede Einzelheit, die er hier notiert hat, erinnern. Er übernimmt die Rolle des Raoul Duke, einem Journalisten, der mit seinem samoanischen (und äußerst paranoiden) Anwalt zusammen nach Las Vegas fährt, eigentlich, um über ein Offraod Rennen namens „Mint 400" zu berichten. Gelingt nicht wirklich. Drogen sind wirksam und davon gibt es in diesem Buch wahrlich genug. Unter dem Einfluß dieser ist so ein Rennen wohl doch mehr als unwichtig. Absolut krass, welche, nennen wir es Abenteuer, diese beiden Freaks in der Stadt der Spieler erleben. Im Endeffekt soll dann die Geschichte einer Generation entstehen und das passiert wohl auch. Es wird beschissen, gelogen und vorgegaukelt, was der Stoff hergibt. Der kuriose Höhepunkt ist wahrscheinlich dann erreicht, als Hunter für den amerikanischen Rolling Stone über eine Drogenkonferenz berichten soll. Erfahrung hat er ja reichlich damit. Wohlan, laßt die Spiele beginnen. Dieses Buch ist so phänomenal, dass es förmlich nach einer Verfilmung schrie. Die kam dann auch. Herausgekommen ist ein Stück Kinowerk, das seinesgleichen sucht und dem Buch durchaus gewachsen ist, denn, genau wie der Film ist dieses Buch so bunt, dass dem Leser selbst bei der Lektüre die Augen schmerzen wollen. Jede Halluzination, jeder Trip, jede noch so makabere Einzelheit wartet darauf, erlebt zu werden. Herzlichen Glückwunsch, dieses Buch verdient das Prädikat phantastisch. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.) Siehe auch: |
USA > Angst und Schrecken in Las Vegas |
|