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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDonnerstag, 31. Juli 2014 

Corpus


von Markus Orths

ISBN: 3453873637

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Die vergebliche Suche nach Nähe
Um es vorweg zu sagen: Es ist ein gut lesbares Buch, spannend geschrieben - und es mutet dem Leser nicht zu, ein Spezialist für moderne Prosa zu sein. Drei Handlungsstränge werden überschaubar ineinander verwoben: Die Jugend der beiden Protagonisten Paul und Christof, eines zukünftigen Priesters, Christofs Krise in seiner zweiten Kaplanstelle durch seine Begegnung mit Kai, einem Taxifahrer und die aktuelle Begegnung zwischen Christof und Paul. Innerhalb dieses Rahmens entsteht ein ungemein spannendes Geflecht von Sehnsucht nach Nähe, nach körperlicher Berühung (Corpus) und der Unfähigkeit, dieses leben zu können (schmerzhaft präzise in manchen Szenen, wie flüchtige Berühungen vermieden oder Gegenstand von Hoffnungen werden), von Verschweigen und intellektuellem Drumherumreden, von der Suche nach dem, was vielleicht so etwas sein könnte wie Identität - und das ganze komponiert entlang des Aufbaus der
Messe.
Es mag sein, dass die Handlung auf den ersten Blick manchmal konstruiert zu sein scheint - die Sprache ist es manchmal, wenn dem Autor hin und wieder die Lust am Formulieren durchgeht, aber dahinter steckt eine enorme Symbolkraft: Vieles dreht sich um den Wein, neben dem Brot das zweite "Symbol" der Messe. Eine der Schlüsselbegegnungen (die homoerotische Initialhandlung Pauls gegenüber Christof) ereignet sich an einer altertümlichen Kelter, der Tod der beiden völlig gegensätzlichen Väter verursacht die entscheidenden Veränderungen (gespiegelt in der fast skurill anmutenden Auseinandersetzung Christofs mit der Szene des 12jährigen Jesus im Tempel) und manches mehr, was in die Tiefe vordringt. In vielen Details ist es ein ebenso ehrliches, zeitgemäßes Buch: Christofs Auseinandersetzung mit seiner "Berufung" zum Priester geschieht zwar formal in einem "traditionellen" Rahmen (eine Nacht in der Kirche), aber tatsächlich geschieht "nichts" außer der Entwicklung einer angepassten, aufs Funktionieren ausgerichteten Scheinidentität, die mit "modernen" pastoralen Methoden ausgestattet, aber innerlich leer ist: Da wird nichts in Frage gestellt, sondern angepaßter Leere gearbeitet. Pauls Entdeckung seiner Homosexualität geschieht nach der Initialhandlung eher am Rande und beiläufig,(nur ein paar derbe Postkarten an die bemüht verständnisvollen Eltern) und trägt so die Merkmale eines inzwischen selbstverständlichen Lebensweges; es gibt keine Klischees über Priester, keine phanatsievoller Spekulationen über den Zölibat; keine Schilderungen sexueller Freizügigkeit:
Körperlichkeit ist ein Tasten, ein vorsichtiges Suchen, eine Gratwanderung zwischen dem Gefängnis des "coolen" Unberührbaren und dem vergeblichen Suche nach unerreichbarer Nähe.
Ein faszinierendes, sensibles Buch, das unter die Haut geht und man auch ein zweites Mal lesen kann.

Roman als Ritus: Über die Wiederkehr des Gleichen
Wenn Literatur Empfindungen und Gefühle des Menschen in allen Schattierungen auszuloten versucht, so zentriert die Thematik oftmals um Begriffe wie Liebe und Tod. Aber auch Religiösität ist dazu mitzuzählen.

In seinem Erstlingsroman „Corpus" versucht der Autor genau dieses zu verbinden: Liebe, Tod und Religiösität.

Schon allein die Form des Romans verdeutlicht dieses. Der Autor gliedert die Erzählung wie den Ablauf einer katholischen Messe, ja wie eines feierlichen Hochamtes. In diese Struktur wird die Biographie eines Priesters eingebettet, berichtet von einem Freund. Aber auch die Lebensgeschichte des Erzählers wird als Kontrapunkt eingewoben. Dieses Verfahren bewirkt, dass die Ereignisse nicht chronologisch hintereinander gereiht werden, sondern der Autor arbeitet mit Einschüben, vermischt Gegenwärtiges mit Vergangenem, verquirlt die Biographien der Protagonisten miteinander.

Die Geschichte beginnt (introitus) mit dem Besuch Christophs, des Priesters bei seinem Freund. Christoph möchte einige Tage bleiben, der Grund wird mit „Suspendierung" angegeben. Das ist der Anlass für den Erzähler, sich an den Beginn der Beziehung zwischen ihm und Christoph zu erinnern.

Schon als Kind kannten sie sich, haben die katholische Messe als Spiel nachgefeiert; klar ist, dass Christoph hierbei den Priester verkörpern durfte. Als aber ihr Spiel aufzufliegen droht, inszenieren sie einen Dummen-Jungen-Streich, der jedoch tragisch endet. Christoph muss nun mit der Schuld am Tod eines Menschen fortan weiterleben.

Ist es diese Schuld, die Christoph zum Priesterberuf treibt? Er versucht, seiner Berufung nachzuspüren. „Es geschieht aber nichts. Es blieb leer in ihm." Christoph deutet dieses Schweigen als „ja" und beginnt ein theologisches Studium.

Einige Jahre trägt dieser Lebensentwurf, doch die Situation ändert sich, als Christoph zunächst Kai und dann Ina kennen lernt. Kai und Ina werden ein Paar. An den beiden entdeckt Christoph das, was er sein ganzes Leben nicht wahrhaben wollte. Er sieht sie bei Umarmungen, wie sie einander die Hände halten, er spürt ihrer Vertrautheit nach. Er vernachlässigt immer mehr seine Verpflichtungen ab und hat nur noch Augen für das Paar. Als schließlich Ina bei einem Kletterunfall in Frankreich zu Tode kommt, werden Christoph seine wahren Wünsche bewusst, die er Zeit seines Lebens unterdrückt hat und die er durch immer die gleichen Handlungsweisen zu kaschieren versuchte. Er wagt es nicht, sich Kai zu erklären. Hier schließt sich der Kreis. Christoph sucht den einzigen Menschen auf, dem er noch vertraut.

Dieses Buch ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Über die Form wurde schon berichtet, aber es wird auch auf dem aktuellen Literaturangebot schwerlich ein Werk zu finden sein, das die Beschreibung eines Lebens voller Selbstverleugnung und Schuld in solch einfühlsamer Weise behandelt.

G. Vöcking
> Corpus

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