Serie Piper, Bd.50, Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit
Welch großartiger Wissenschaftler und Mensch! Welch faszinierendes Buch, welch faszinierender Mensch und großer Wissenschaftler, würdig mehr als nur eines Nobelpreises! Mit diesem Eindruck legte ich - selbst als Wissenschaftler tätig - dieses Buch nach dem Lesen zur Seite. Faszinierend ist besonders an Konrad Zacharias Lorenz, wie sehr er zeit seines Lebens hinzugelernt hat; wie sehr er schließlich gegen Indoktrinierung inner- und außerhalb der Wissenschaft resistent wurde. Es ist zu bedauern, daß seine kurzfristige Zugehörigkeit zur NSDAP (die er, wie anderes, rasch als Fehler erkannte - er lehnte den Nationalsozialismus und seine Taten, wie auch in diesem Buch deutlich wird, dann entschieden ab) auch heute noch angeführt wird, um Lorenz zu verunglimpfen und seine Lebensleistung zu schmälern. Es wird aber auch an diesem Buch nachvollziehbar, worin eine solch emotionale wie irrationale Ablehnung wurzeln könnte: Lorenz sprach und schrieb in heute völlig unüblich gewordener Klarheit. Das tut manchmal weh, zumal, wenn man sich selbst von der Wahrheit getroffen fühlen muß. Gerade diese Klarheit der Sprache zeichnet Lorenz aber als wirklich großen Wissenschaftler aus, der - das beweist seine Größe - geradezu einübte, sich widerlegen zu lassen: " ... und es ist, wie ich einmal sagte, eine zwar schmerzhafte, aber jung und gesund erhaltende Turnübung, täglich, gewissermaßen als Frühsport, eine Lieblingshypothese über Bord zu werfen." Nur wer klar formuliert, kann auch klar widerlegt werden. Das sind wir heute nicht mehr gewöhnt. Zwei Jahre nach dem Erscheinen dieses Buches im Jahre 1971, also 1973, äußerte Lorenz bereits vorsichtigen Optimismus, einige seiner 8 Todsünden würden vielleicht überwunden. Wir sind aber vielleicht weiter denn je davon entfernt.
Eine frühe Vorahnung der 70er Jahre George Orwell's "1984" war eine düstere Zukunftsvision. Jenes von Konrad Lorenz ist dieses in gewisser Weise auch. Bedenkt man, daß "Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit" im Jahre 1973 veröffentlicht wurde, bewies Konrad Lorenz schon viel Gespür viel den einen oder anderen Verfall in unserer Gesellschaft. Lorenz zeichnet auf, daß der Mensch nicht viel anders als das Tier ist, wenn es in anonymen Trabantenstädten lebt und aufwächst. Agression ist eine Folge, oder auch Abgestumpftheit gegenüber dem, was um uns geschieht. Gelungen umschreibt er in einem Kapitel auch, wie divers sich der Land- und der Stadtmensch in der identischen Situation verhalten. Leider behielt Konrad Lorenz bereits Anfang der 70er Jahre recht, wenn man heute eine gewisse Verrohung der Gesellschaft konstatieren muß. Man könnte Konrad Lorenz zunächst konservativ nennen, aber das ist er nicht. Er ist nicht einmal ein Moralapostel, der sich auf einen religiösen GLauben stützen würde. Nein, anhand vieler Schilderungen, die durchaus seiner ethologischen Tierforschungentspringen, zeigt er auf, daß der Mensch mit all seiner Intelligenz zwar Populationen und Natur zerstören kann, aber die menschliche Intelligenz auch mit gewissen Quantitäten behaftet ist. Die Natur hat eigene Regularien, die bestens funktionierten, bis der Mensch zu enorm eingriff. Darum ist jenes Buch des Konrad Lorenz eine Mahnung.Ich bedaure beim Lesen des Buches nur, daß es nicht für jeden Leser geeignet ist. Lorenz verfügt über einen Anspruch, aber auch über einen enormen Wortschatz lateinischer oder griechischer Erklärungen. Dies, leider, macht dieses Buch leider dadurch nicht jedermann zugänglich. Doch eines wird in allen Schriften des Konrad Lorenz klar: er war seelisch gesund in seinem Herzen. Seine Tierliebe bereits in jungen Jahren machte in zu einem Forscher, der Tiere nicht vermenschlicht, sondern Assoziationen zu Menschen entdeckt. Gerne erinnere ich mich beispielsweise an seine Umschreibung in "Das Jahr der Graugans", daß die Ganter sich absolut unvernünftig aufführen, wenn sie balzen. Unnötige Flüge für wenige Meter, die jede vernünftige Graugans lieber schreitet, vergleicht er mit dem "Jüngling", der mit Motorrad oder durchdrehenden Reifen imponieren will. "Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit" ist ein Buch für Menschen, die hinterfragen. Es ist aber noch geeigneter für Menschen, die übersättigt sind von Kommerz oder einfältigen Lebenszielen, die einem durch einen gewissen Trott anerzogen oder aufgebürdet wurden.
Hochinteressantes Buch von latentem Rassisten Das Buch ist zweifellos sehr interessant. In acht relativ kurzen Artikeln beschreibt Lorenz sog."Todsünden" der Menschheit. Allerdings muss man beachten, dass dieser Mann die Rassenlehre vertrat. Und eine gewisser Fanatismus ist immer wieder herauszulesen, z.B. wenn er völlig absurd Legehennebatterien mit Reihenhäusern, Menschen mit Hühnern vergleicht. Dennoch eröffnet es sehr interessante Einblicke in die Anthropologie. Auch biologisch leistet Lorenz - manchmal fast etwas zu penibel - Aufklärungsarbeit. Man sollte dieses Buch nicht verpassen, es ist (relativ) verständlich geschrieben und hochinteressant. Man sollte dabei aber nie vergessen, wer der Autor ist und welche Art von ideologischem Fundamentalismus er verbreitete. Siehe auch: |