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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenSamstag, 30. August 2014 

Das Rätsel Ödipus


von Norbert Bischof

Kategorie: Allgemein
ISBN: 3492209890

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Nur scheinbar exakt
Das Autonomieanspruchs-Modell von Norbert Bischof stellt den Anspruch, ein Abbild psychischer Prozesse im Ganzen zu sein; zunächst mit der Einschränkung, nur für Säugetiere Gültigkeit zu besitzen und mit deutlichem Schwerpunkt auf dem Bereich sozialen Erlebens und Verhaltens.

Diese Beschreibung leistet es tatsächlich. Man kann, wenn man mit der Denkweise, die diesem Modell zugrundeliegt, vertraut ist, eine Vielzahl von Abläufen mit ihm simulieren.

Es läßt sich auch ernsthaft nichts einwenden gegen die mechanistisch-technizistische Beschreibungsweise. Wenn es Funktionszusammenhänge in sich geschlossen logisch abzubilden vermag, so ist damit bereits viel gewonnen. Den Aspekt des persönlichen Erlebens kann ein solches Modell nicht darstellen; es fragt sich, ob dies überhaupt Aufgabe des Wissenschaftlers ist.

Meine Kritk setzt auch an anderer Stelle an: Bischof betreibt Theorien-Eklektizismus. Er bedient sich verschiedenster theoretischer Versatzsstücke aus Psychoanalyse, Ethologie, Sozialpsychologie u.a. Diese Theorien widersprechen sich, d.h. sie haben nicht etwa unterschiedliche Themenbereiche, sie kommen bei den selben Bereichen zu unterschiedlichen Aussagen.

Werden solche Aussagen je nach Gusto des Autors in ein Modell gegossen, ohne die unterschiedlichen Grundannahmen zu berücksichtigen, so bezeichne ich dieses als Eklektizismus, das Herauslösen des jeweils Passenden aus dem Theorienzusammenhang unter Berufung auf die Autorität der jeweils herangezogenen Theorie.

Man mag einwenden, daß das Modell trotzdem ein gutes Modell sein kann, also ein Modell, das Vieles beschreiben kann, - erklären kann es dann nichts mehr.

Aber auch die Behauptung, das Modell beschreibe gut, stimmt nicht ganz. Selbst bei den einfachsten Beispielen gerät man, hält man sich strikt an die Vorgaben, die Pfeilrichtungen, die Vorzeichen usw., in die Verlegenheit, mit einem Male sehr schwammig werden zu müssen. Das Modell heuchelt eine Exaktheit, die es nicht besitzt: Es läßt sich daraus nichts errechnen. Bischof selbst muß "Benno" ins Diffuse verweisen lassen, sobald es konkret zu werden droht: "Das sind Fragen, die sich eigentlich nur noch durch eine Computersimulation beantworten lassen; denn wir haben es hier mit dem Resultat eines vielfach vernetzten Wirkungsprozesses zu tun." Alles hängt mit allem irgendwie zusammen und alles ist furchtbar kompliziert. Es würde mich interessieren, ob es eine solch Computersimulation tatsächlich gibt, und wenn ja, wie der Programmierer mit all den Unstimmigkeiten des Modells zurecht gekommen ist.

Besonders bedenklich erscheint mir das sog. Coping-System. Wann wird warum welche Coping Strategie eingesetzt? "Ich habe ja schon gesagt, daß mein Modell über die Wahl der jeweiligen Coping-Strategien noch keine präzisen Annahmen enthält." Hier hält sich der Autor die Möglichkeit offen, Erscheinungen mit seinem Modell zu erklären, die aufgrund der bisherigen Annahmen sich nicht mit dem bislang durchgehaltenen Anschein von logischer Notwendigkeit erklären lassen. Die Notendigkeit findet dann eben irgendwo in diesem dubiosen Kasten für Coping-Strategien statt. Dieser Kasten ist eine Black-Box in der Black Box, die Bischof zu beschreiben unternimmt, er funktioniert als genereller Resterklärer.

Dass es nicht zuletzt dadurch nicht mehr falsifizierbar ist, wird durchaus eingeräumt: "Sobald ein Modell einen gewissen Komplexitätsgrad überschritten hat, läßt es sich kaum noch falsifizieren. Es enthält zuviele Parameter, an denen man drehen kann. Andererseits - ich bin mir nicht bewußt, unplausible Ad-Hoc-Annahmen gemacht zu haben." Das ist wahr, aber er hat nur solche Annahmen gemacht, unter Berufung auf solche Befunde, die in das Modell paßten; - wieder der erwähnte Theorien-Eklektizismus.

Es ist erfreulich zu sehen, daß der Autor selbst nicht von der allein-seligmachenden Qualität seines Modells überzeugt ist.

Man muß m. E. die Wirklichkeit, die durch dieses Modell beschrieben wird, erst konstruieren, zurechtbiegen. Was bei der Gnu-Herde noch einleuchtend klang, wird einem beim Menschen recht schwer. Ständig muß man irgendwelche Zusatzannahmen schlucken, endogene Faktoren, Reifungsprozesse usw. Selbst die so konkret scheinende "Distanz" wird beim Menschen durch "Distanzäquivalente" aufgeweicht. Ein Modell auf anderer Basis, z.B. lerntheoretischer, hätte das alles vielleicht sparsamer erklärt.

Gegen Modelle von psychischen Abläufen, speziell auch gegen sog. kybernetische oder systemtheoretische oder wie sie auch heißen mögen, ist nichts zu sagen, sie habe ihren Nutzen, wenigstens als Diskussionsgrundlage. Sie sollten aber gut durchdacht sein, in sich widerspruchsfrei, explizit und nicht schwammig. So überzeugend die Darstellung des Ansatzes, so wenig befriedigend ist das Modell bei genauerer Betrachtung.

Von Steppenzebras und Wüstenasseln
Wußten Sie eigentlich, daß die Hengste der Steppenzebras (Equus quagga) sich einen Harem an Stuten halten, nachdem sie für einige Zeit mit anderen Jung(gesellen)hengsten umhergezogen sind? Oder daß es sich bei der in den Halbwüstengebieten Südtunesiens auftretenden Wüstenassel (Hemilepistus Reaumuri) hingegen um ein streng monogam lebendes Tierchen handelt? Und wie steht es eigentlich mit dem Inzesttabu bei den Menschen? Auf der Suche nach den biologischen Wurzeln des Urkonfliktes - zwischen erfahrener Intimität einerseits und dem wachsenden Verlangen nach Autonomie andererseits - entführt Norbert Bischof den Leser auf eine Reise in die entlegensten Stellen der Erde. Das Zusammenspiel biologischer und gesellschaftlicher Faktoren wird von ihm interdisziplinär untersucht, um die Komplexität der Motivationsgefüge zwischenmenschlicher Beziehungen zu entwirren. Bischofs wissenschaftliche Studie ist spannend geschrieben und erhält durch die vielen kleinen Illustrationen einen besonderen Reiz. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)

Viele Einzelaspekte ergeben eine Theorie
Ursprünglich wollte ich dem Buch eigentlich nur eine Abbildung für ein Referat entnehmen... eine Woche später hatte ich es bereits komplett "verschlungen"! Das Buch ist ungeheuer vielfältig... Inzestverbote bei verschiedenen Eingeborenenstämmen, das unerklärliche Verhalten einer Gans, eine Diskussion zwischen teils verstorbenen Wissenschaftlern, kleine Roboter, die in einem Kellerlaboratorium herumfahren... und alles mündet am Ende in einer komplexen Theorie über den sozialen Umgang von Lebewesen!

Es macht Spaß, dieses gleichzeitig informative und unterhaltsame Buch zu lesen!
Siehe auch:

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