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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDonnerstag, 27. Februar 2020 

Die 'Nürnberger Gesetze' oder die Verwaltung des Rassenwahns 1933-1945


von Cornelia Essner

Kategorie: Rassismus
ISBN: 3506722603

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Revolution vs. Machtergreifung
Ein Buch wie dieses umfangreiche Werk über die Nürnberger Gesetze und deren Auswirkungen führt uns wieder einmal vor Augen, wie schwierig es auch heue noch ist, das Deutschland der 30er Jahre gelassen zu betrachten. Es scheint für viele Menschen problematisch zu sein, in ihr Weltbild Ereignisse einzuordnen, die zwar keine Revolutionen im landläufigen Sinne darstellen - weil einfach nicht genug Blut vergossen wurde - die aber doch die Verhältnisse in einem Staat sehr stark veränderten, teils mit Zustimmung weiter Teile der Bevölkerung, teils durch diktatorischen Druck.

Eine Revolution wird vielerorts sozusagen als Phänomen höherer Gewalt angesehen, an das man moralische Maßstäbe weder anlegen kann, noch anlegen darf. Niemand würde auf die Idee kommen, die Neuordnung der Gesellschaft, wie sie im bolschewistischen Rußland der 20er Jahre durchgeführt wurde, etwa in ihren einzelnen juristischen Aspekten (soweit Gesetze überhaupt erlassen wurden) auf Ungerechtigkeiten oder andere Ausprägungen menschlicher Gemeinheit abzuklopfen, das lohnt sich nicht, es war eine Revolution, und entweder akzeptiert man sie oder man akzeptiert sie nicht - Einzelheiten sind belanglos.

Anders bei den Veränderungen, die der Durchbruch des Nationalsozialismus in Deutschland mit sich brachte. Diese Veränderungen spielten sich vor dem Hintergrund eines im Prinzip intakten Staatswesens ab, dessen Institutionen im wesentlichen nicht verändert wurden und dessen Beamtenschaft nicht sofort ermordet, in Lager gesperrt oder sonstwie verabschiedet und durch Revolutionäre Kader ersetzt wurde. Man muss sich fragen, ob Deutschland heute nicht besser dastehen würde, wenn Hitler bei seiner Machtergreifung nicht so zimperlich gewesen wäre, wenn da mal so richtig Blut vergossen worden wäre, sodass wir heute sagen könnten „das waren wir eigentlich nicht, das waren die Nazis, die Anderen sind ja alle umgebracht worden".

So war es nun nicht, die Beamtenschaft blieb dem neuen Staat gegenüber zumeist loyal und sah sich daher stellenweise mit neuen Gesetzen konfrontiert, die es irgendwie anzuwenden galt. Sie musste wohl oder übel diesen Anwendungsbereich ausfüllen und im Rahmen des Möglichen sicherstellen, dass die neuen Bestimmungen auch durchführbar waren und nicht mit anderen gesetzlichen Dispositionen kollidierten. Es war platterdings unmöglich, grundsätzlich gegen neue Gesetze anzugehen, aber alleine schon die Diskussion etwa um den Geltungsbereich des Judenbegriffes zeigt, dass hier einer Opposition oder auch nur einer neutralen Einstellung durchaus Möglichkeiten offenstanden.

Das Protokoll der Wannsee-Konferenz, aus dem Jahre 1942, macht deutlich, dass der Begriff des „Mischlings" und noch weniger die Politik den „Mischlingen" gegenüber auch zu diesem Zeitpunkt keineswegs definiert war. Es lässt sich nicht leugnen, dass so im Bereich der Praxis durch Legalisten eine Grenze gezogen wurde, die den Einen eine halbwegs gesicherte Existenz zugestand, auch wenn gleichzeitig andere Personen ausgegrenzt wurden. Das ist vielleicht für uns Deutsche, die wir gerne in absoluten Kategorien denken, eine unbefriedigende Argumentation, aber menschlichem Handeln sind, zumal in einer Diktatur, eben doch Grenzen gesetzt.

Wir wissen aus den Tagebüchern von Viktor Klemperer, dass nach seiner Entfernung aus einer Beamtenposition seine Lebensumstände zwar immer prekärer wurden, dass er aber weiterhin gewisse Rechte geltend machen konnte, und dass sich sogar die Gestapo bei ihrer Drangsalierung der Juden durch Gesetze gebunden sah. Primo Levi hat sich gewundert, dass ihm die Regelungen des Lagers Monowitz, in dem er Zwangsarbeit in seinem Beruf verrichten musste, für jede Woche einen Satz frischer Unterwäsche zuerkannten. Wie die Wäsche der Gulag-Häftlinge am Eismeerkanal oder in Workuta geregelt wurde, wissen wir nicht. Manche von uns wollen es auch nicht wissen.

Rasse als Wille?
Etwa um 1880 begann in Mitteleuropa die akademische Jugend die weit über ihren Bevölkerungsanteil hinaus wachsende Zahl von Juden an Gymnasien und Universitäten als Konkurrenten zu begreifen, gegen die man sich abgrenzen müsse und schließlich sogar vorgehen. 1933 war im Deutschen Reich mit den Nationalsozialisten eine politische Sammlungsbewegung an die Macht gekommen, für die dieser Antisemitismus von Anfang an ein fester Bestandteil ihres politischen Gedankengutes war. Hitler selbst, der in „Mein Kampf" seinen Standpunkt dargelegt hatte, hielt sich - wie die Verfasserin ausführt - von 1932 bis 1935 mit judenfeindlichen Äußerungen in der Öffentlichkeit zurück. Die Geister, die er gerufen hatte, waren desto eifriger. Das Berufsbeamtengesetz von 1933 und die Pflicht, die „arische Herkunft" nachzuweisen, waren nur der erste Schritt. Ein Rassenscheidungsgesetz und ein Sippenamtsgesetz waren bald in Vorbereitung. Bei diesen den Nürnberger Gesetzen von 1935 vorangegangenen Gesetzentwürfen kam es hinter den Kulissen zu folgenschweren Auseinandersetzungen innerhalb der nationalsozialistischen Gefolgschaft. Wird die Vorgeschichte vor 1933 nur zusammengefaßt (Puschners Buch „Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich" lotet da viele tiefer), so liegt die Stärke der von Essner vorgelegten Monographie in der Zeit von 1933 bis 1935, für die alle Details durch tiefschürfende Archiv- und Literaturstudien belegt sind. Ihre Ergebnisse gehen weit über das bisher Bekannte hinaus: Denn in diesen Jahren gelang es, der „nordischen Strömung", für die Rasse der Wille war, einen idealen Menschentyp zu züchten - also Himmler, Darré und der SS - die Vertreter der „Deutschrasse" (Merkenschlager, Saller, Gercke und im weiteren die SA) auszuschalten, für die der Rassenbegriff eher eine Synonym für „Volk" war. Juristischer Hauptstreitpunkt war ferner, wie die aus Mischehen hervorgegangenen Personen zu bezeichnen und zu behandeln wären. Im Sommer 1935 wurden zahlreiche Regionen Deutschlands von einer pogromartigen Stimmung erfaßt, bei der bis heute ungeklärt ist, wer daran alles ein Interesse hatte. Von Lösener (der an der Ausarbeitung der Gesetze beteiligt war) wurde deshalb behauptet, daß es diese Ereignisse waren, die zur Kodifizierung der Nürnberger Gesetze geführt hätten, da durch sie die Mischlinge geschützt worden wären. Essner betrachtet diese (nach 1945 gemachte) Meinungsäußerung sehr kritisch und zeigt, wie sich die Probleme, den Mischlingsstatus zu definieren, bis in die Vernichtungsphase ab 1942 fortsetzten. Für den Holocaust selbst gibt es sicher umfassendere Arbeiten, für die unmittelbare Vorgeschichte der Nürnberger Gesetze 1933 bis 1935 und die Folgen für die als „Judenstämmlinge" definierten Mischlinge ist die Arbeit von Essner jedoch zweifellos die bisher am besten belegte Arbeit, die weithin Beachtung verdient.
Siehe auch:

Rassismus > Die 'Nürnberger Gesetze' oder die Verwaltung des Rassenwahns 1933-1945
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