Ich hatte den Monstervortrag 1968 als stud. oec. an der HSG St. Gallen erhalten. Zunächst dachte ich, dass sei halt so ein Höflichkeitsgeschenk für einen Studenten und das Büchlein in ein Gestell gesteckt. Ein Freund wühlte da mal herum, fragte, ob er's lesen dürfe und kam damit zurück: Das sei ja irre! Da hab ich's natürlich auch gelesen und in der Tat: Es gehört zum Besten, was ich von F.D. kenne. "Die erste Geschichte" über Allahs Gerechtigkeit ist derart umwerfend (und zum Glück unbekannt) dass ich sie oft an Lunch-Vortragen vorweg zitiere (ich kann sie auswendig), selbst wenn ich nachher über Politik oder Staatsfinanzen rede. Begründung: Es sei eben eine gute Geschichte - und bei den meisten Zuhörern bleibt dann zumindest das hängen. Historische Kenntnisse sind nötig, etwa wo F.D. von "Schiller" redet: In der Schweiz nimmt er Bezug auf den Autoren/Erfinder von Wilhelm Tell und wenn er den Bezug zu Deutschland macht, auf den damaligen Wirtschaftsminister Prof. Schiller (dessen NS "Vergangenheit" dazumal von jemandem in D thematisiert wurde, der auch eine hatte, was wiederum die „Weltwoche“ (Zürich) in geradezu Dürrenmatt'schem Stil zu headlinen veranlasste: "Wenn ex-Nazi ex-Nazi ex-Nazi nennen"). Der Sohn von F.D. ist Pfarrer und wohnte eine Etage unter Freunden von mir in Genf. Dank diesen hatte ich nach über einem Jahr Wartefrist meinen "Monstervortrag" von F.D. voll signiert "Friedrich Dürrenmatt" zurück erhalten.
Der alte Spötter und Sarkast hatte in einem seiner letzten Auftritte nochmals einen drauf gegeben: Die berühmte Rede zu Ehren Vaclav Havel, wo er die Schweiz als Gefängnis bezeichnete, wo alle freiwillig drin seien und jeder Gefangene den Schlüssel habe... ebenso lesenswert! Obschon F.D. politisch nicht gerade rechts war, hatte ich mit ihm nie Probleme (ganz im Gegensatz zu den Muschgen und Frischen).
Wenig bekannt ist auch das Filmdrehbuch von Dürrenmatt zu „Die Ehe des Herrn Mississippi“ (in Zürich verfilmt), wo er den Witz der Dialoge im Vergleich zum Bühnenstück m.E. klar gesteigert hat.
Der soeben neu gewählte Schweizer Bundesrat und
Vorsteher des Finanzdepartements, Dr. Hans-Rudolf Merz, ist der andere Schweizer Politiker, von dem ich weiss, dass der den Monstervortrag kennt.
Dr. Michael E. Dreher, CH 8700 Küsnacht Zürichsee
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