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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDonnerstag, 30. Oktober 2014 

Schattenmänner.


von Jürg Laederach

Kategorie: Laederach, Jürg
ISBN: 351811929X

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Neue Zürcher Zeitung Im Schatten

Erzählungen von Jürg Laederach

Kaum wahrnehmbar liegt ein Hauch von Melancholie über Jürg Laederachs neuen Erzählungen. So kunstvoll ist der schwarze Faden des Trauerflors in die Texte gewirkt, dass er das Erzählte nur grundiert, aber nicht beherrscht, auch wo den Figuren der Tod ins Gesicht geschrieben steht. So dem Wiedergänger Scharkow, von dem es zu Beginn emphatisch heisst: «Es lebe Scharkow», der aber tot ist, doch «lebhaft verwesend», erfroren auf Moskaus Strassen. Noch einmal wird gegen Ende des Textes der Erzähler sich des lebenden Scharkow versichern wollen, bevor er, mutlos und wohl ohne selber darauf zu hoffen, feststellt: «Ich mag nicht zu Ende gehen.»

So schreibt der Erzähler gegen das eigene Ende an, gegen Scharkows Tod, gegen das anonyme und in den Zeitungen emotionslos registrierte Sterben: «(. . .) 44jähriger Mann Hof (Bezirk Bruck/Leitha) mit Auto in Kurve von Fahrbahn ab, Lenker Schiebedach ins Freie geschleudert, Oberösterreich Frontalkollision zweier PKW St. Pankraz (Bezirk Kirchdorf), 31jährige Frau ums Leben (. . .) Steiermark, Ramsau, 20jähriger auf Weg Disco gegen Baum, Kapfenberg, 15jährige Beifahrerin ums Leben (. . .).» Als wäre die Imitation des gefühllosen Telextickers ein Versuch zur eigenen Immunisierung: die Macht des Todes brechen durch Beseitigung der Gefühle. Zynismus – gewiss, doch vor allem: Notwehr.

In «Eine Stunde Kanal» kommt ein an «absolutem Zynismus» leidender junger Mann zum Ich-Erzähler in Behandlung. Nach langen Sitzungen wird dem Patienten am Ende «völlige Symptomfreiheit» attestiert. Doch nicht er, vielmehr der behandelnde Therapeut ist der Zyniker. In Gedanken lässt er sich ablenken: vom Strassenlärm («Würde die Strasse gesprengt, sässen sie in ihren Wagen und schrien. Ehe sie stürben. Sie stürben schrecklich, es wäre ein Amüsement . . .») oder von den im Kanal unter dem Fenster spielenden Kindern: «Ich sehe einen Unfall, ich eile nicht. So findet er auch nicht statt . . .»

Wieder kommt der Tod ins Bild – und mit ihm die erprobte Teilnahmslosigkeit. Selbst der mit grimmigem Witz geschriebene Text «Bildnis des Autors als Frühvollendeter» – der Autor liegt auf der analytischen Couch der Kritik, der er seine Träume als Romane offenbart – entzieht sich nicht dem melancholischen Unterton: das Erzählen, so heisst es, finde nur statt, «um darzulegen, wie rasch eine Heilung davon erfolgen kann».

Wo das Ende die Texte so vielfältig prägt, ist auf das Ende der Texte zu achten. «Man hatte mich nicht gehört, man fragte nicht, was ich sagen wollte.» Da ist die Geschichte («Am Amazonas») am Ende und in Auflösung begriffen. Im Selbstzitat – ganze Passagen wurden wiederholt – erfolgte ihre Dekonstruktion. «Ist Erzähler der, der alles sagt, was ich sage? Wer denkt, was ich dachte?» Und mitunter wird sichtbar, woher die bald greifbare, bald verwehte Trauer («Eine Art geheimer, öffentlicher Traurigkeit erfüllte mein Herz») rührt: es ist der Verlust an Wirklichkeit, was den Texten nahegeht. Keine Gewissheiten mehr, keine Geschichten, ein Ausfransen allenthalben. Jürg Laederachs Erzählungen, nicht grundlos stehen sie unter dem Titel «Schattenmänner», zeigen eine verschattete Welt. Laederach macht es einem nicht leicht, den Erzählungen zu folgen. Wer es dennoch tut, kommt verzaubert daraus hervor.

Roman Bucheli


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