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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDonnerstag, 12. Dezember 2019 

Negative Dialektik


von Theodor W. Adorno

ISBN: 3518277138

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Die Kritische Theorie erlebt in der gegenwärtigen Philosophie nicht gerade eine Hochkonjunktur. Bücher wie die Negative Dialektik werden kaum mehr gelesen; allzu sperrig ist der Text, allzu verästelt, dicht und anspielungsreich die Gedankenführung. Sie kommen der Mentalität eines Publikums nicht entgegen, das die Philosophie dem Rationalitätsideal der formalen Logik anzugleichen pflegt und sie damit zu einer Art Denksport regredieren lässt. Wendungen wie diejenige, dass es nach dem Zusammenbruch der klassischen Systemphilosophie gelte, mit der Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes solidarisch zu sein, sind indessen in die Feuilletons eingegangen. Die Wendung ist geeignet die Grundintention des Buches zu beschreiben: Antisystematisch ist darzulegen, dass die Kraft des denkenden Subjekts sich nur in der Kritik erhält, indem sie das System als etwas in Gedanken nicht mehr Herstellbares zeigt. Die Ohnmacht des Denkens deutet zugleich auf die falsche Macht bestehender Verhältnisse und entlarvt die Unmöglichkeit, Vernunft in der Gesellschaft wirklich werden zu lassen.

In diesem Kontext ist eine der Grundeinsichten Adornos die Diskrepanz zwischen dem begreifenden Denken und seinem Gegenstand. Gerade das, was dem identifizierenden Gedanken entgleitet, was er als allgemeiner vom Besonderen abschneidet, wäre auf den Begriff zu bringen. Dies geschieht mittels der Dialektik, die deshalb negativ heißt, weil sie, anders als bei Hegel, die Negation nicht wieder in die affirmative Setzung einer versöhnenden Position aufgehen lässt. Aber gerade im Festhalten der Negativität manifestiert sich die Solidarität mit der Metaphysik und überlebt die Sehnsucht nach der nicht mehr möglichen Versöhnung. Damit ist die Negative Dialektik der subjektphilosophischen Tradition des Deutschen Idealismus verpflichtet, nämlich als deren bestimmte Negation. --Jens Kertscher

So nicht, "Herr" Adorno
Man kann Adorno sicher nicht vorwerfen, er hätte sich mit diesem Buch keine Mühe gemacht, denn Mühe hat er sich gemacht; doch wie so oft hat vielleicht gerade dieser Übereifer die zugegebenermaßen kaum vorhandene Potenz dieses Autors an einer erfolgreichen Wirkung und Entfaltung gehindert. Denn schon gleich zu Beginn unterläuft Adorno eine scheinbar unscheinbarer, doch, wie sich zeigen wird, verhängnisvoller Fehler: er verwechselt die "Inhärenz der affirmativen Aspekte einses Subbjekts der Philosophie" mit der Indolenz derselben. Diese Verwechslung zieht weitreichende Folgen nach sich, ähnlich einer Staubflocke, die man gedankenlos einen Abfluss runterspült, die aber aus irgendeinem Grund an einer Unebenheit des Abflussrohres hängenbleibt und diese dadurch so vergrössert, dass sie auch anderem Unrat ein willkommener Grund, dort hängenzubleiben, wird. Mit der Zeit werden durch diese stetig wachsende fröhliche Versammlung die Abflußleitungen des ganzen Hauses blockiert, Toiletten laufen über, Gestank breitet sich aus usw. usf. bis dann durch ein glückliches Zusammelaufen mehrerer Wasserströme der Druck so gross wird, dass die angesammelte Bagage fortgespült wird. Doch was zunächst wie eine Befreiung aussieht, wendet sich bald zum Schlimmeren, denn dieser nun angewachsene Komplex bleibt natürlich wieder mal hängen, und zwar in den unterirdischen Kanalleitungen. Die Tragödie, die sich vorher sozusagen en miniature in einem Haus abgespielt hat, wiederholt sich, die Folgen treffen jetzt ganze Strassenzüge und Stadtteile: es gibt kein Trinkwasser mehr, die Menschen müssen in den Park, um ihre Notdurft zu verrichten, Krankheiten brechen aus. Ähnlich ergeht es der Negativen Dialektik, Adorno schaffte es nicht, einen Ausweg zu finden, auf ein Happy End wartet der Leser vergeblich.

Denn, wie es schon Heidegger so treffend sagte: "es gibt keine richtige Philosophie im falschen Buch". Dieses Fazit muss man auch hier ziehen. Nur als abschreckendes Beispiel empfehelnswert.

Old School
Seit Brandom sich Hegel vornimmt, und ihn durch die analytische Philosophie durchjagt, lässt sich dies Buch, um auf der Höhe der Zeit zu sein, so nicht mehr schreiben. Adorno unterlaufen Fehler im logischen Schliessen, die weder er, noch Hegel ohne neuere analytische Instrumentarien übersehen konnten. Das Buch bleibt aber ein Plädoyer gegen jede Form von Diktatur. Das sind Aspekte, die Brandom in seiner Philosophie vernachlässigt.

Diese Kritik wurde von der Frankfurter Schule nahestehenden nicht berührt, man diskutierte diese Kritik unter abgeschwächten kommunikationstheoretischen Punkten, um eventuellen Konsequenzen zu entgehen. Das Buch, um auf der Höhe der Zeit gewesen zu sein, hätte über 30 Jahre früher geschriben werden müssen, auch um die Chance wenigstens rechtzeitig diskutierter Konsequenzen daraus. So muss man mit der Zeitmaschine ein bischen umherfahren, das Buch zeitlich zurückstufen und auf etwaige Konsequenzen daraus horchen, auch relational zu dem, was Sartre damals diskutiert hatte, gegebenenfalls um ihn zu korrigieren. Philosophisch geht das immer noch. Hätten Einflüsse von Heidegger so dann stattgefunden? Die "negative Dialektik" und einer ihrer großen Punkte, das Nicht-Identische hätten aus einer entwickelten Theorie der Erfahrung (das Buch ist weniger theoretisch als es scheint und vergisst nie den Link zur Praxis)heraus anders diskutiert werden können. Meine Überschrift "old school" kollidiert sicher mit dem Klappentext des Buches, dessen Betonung lautet, der Inhalt sei immer noch aktuell, weil der Zeitpunkt seiner Realisierung verpasst wurde.

Nun ist es allerdings so, dass die analytische Philosophie, von der Adorno so ziemlich unbeeinflusst blieb (im Gegensatz zu Habermas), eine Philosophie ist, die gerade die Praxis und das Handeln nicht ausspart. Und ich halte diesen, aktuelleren Weg, im Gegensatz zur rückwärts fahrenden Zeitmaschine, für den nötigeren, um Adorno's Ontologie mit passenderen Kleidern zu versorgen und zu ändern. Auch wenn sich die üblichen Vertreter der "Frankfurter Schule", old school!, dagegen wehren würden. Man muss darauf achten, dass aus einer Schule (und deren didaktischer Implikationen) kein Fundamentalismus wird.

So werden Brandom's Versuche denn auch von Habermas begrüßt. Die analytische Philosophie impliziert einen schärferen Blick, den viele nicht mögen, der aber (politisierte etc) Analysebeliebigkeiten reduziert. Erst dann aber lässt sich besser eine Diskussion um die Anschlussfähigkeiten an Adorno's "Negative Dialektik" führen, die immer noch als wenig anschlussfähig gilt. Adorno selbst urteilt viel zu oft in wohlbekannt mutiger, aber wenig wissenschaftlicher Weise, auch in wenig philosophischer Weise, wenn's das mutige Philosophieren wenigstens wäre, aber es sind gute Intentionen, die er hat. Die Pragmatiker gelten als Vorläufer der analytischen Philosophie, so steckt denn schon was davon drinnen, wenigstens was eine philosophische Chronologie angeht, die besser zufällig als aus dem Lehrbuch ist.

Schall und Rauch!?
Theodor Wiesengrund Adorno bezeichnete sein Spätwerk, die „Negative Dialektik" (1966) als ein „Anti-System", und um diesen Titel gerecht zu werden, mußte der Gegner der großen Systeme einen unerbittlichen Feldzug gegen den Totalitätsanspruch vergangener Denker und Philosophen vom Zaun brechen. Dass er dabei sich selbst auf eine ominöse Meta-Ebene emporhebt und damit auf schwankendem Untergrund steht, verkennt der, wie viele Intellektuelle seiner Zeit, an Hybris leidende, Soziologe. Dies hat zur Folge, dass sein Schreibstil kryptisch ist, der Rezipient sich durch jeden Paragraphen kämpfen muss nur um den Anspruch Adornos gerecht zu werden, der an anderer Stelle die Meinung vertrat, Deutschland verfüge nur über drei Menschen, die fähig seien Musik zu verstehen. Um also dieses Werk einer Hand voll erlauchter Intellektuellen vorzuenthalten, versucht der Autor das wissbegierige geistige Proletariat mit Hilfe von philosophiegeschichtlichen Anspielungen, griechischen Textpassagen und Exkursen fernzuhalten - ein geschickter, wenn auch fragwürdig, perfider Schachzug. Versucht der scharfsinnige Leser hinter den destruktiven, mitunter unsachgemäßen Kritiken, Adornos eigene Position herauszufiltern, zeigt sich auf brutale Weise, dass der alte Herr nur in historischen Positionen herumschwimmt ohne Schaffung einer eigenen Begrifflichkeit, geschweige denn Neuerungen in der „Kritischen Theorie". Letztlich bleiben einige, wenige Thesen - Fragmente, die sich immer und immer wieder repitieren; ganz hübsch, ganz traurig, doch kaum lesenswert.
Siehe auch:

> Negative Dialektik
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