Die Gabe
Ein Klassiker der modernen Sozialwissenschaften. Zeit seines Lebens veröffentlichte Marcel Mauss nur einige wenige Aufsätze in Fachzeitschriften, die nur erahnen ließen, welche Energie hinter seinen in knapper Sprache und mit einer ungeheuren Zahl an Fußnoten versehenen nur von einem sehr beschränkten Publikum wahrgenommen wurden. Durch Claude Lévi-Strauss und zuletzt auch Gaudelier nach seinem Tode kritisiert, verbessert aber auch hoch gelobt, verbergen sich in seinem epochemachenden Essay über die "Gabe" unzählige Beispiele von germanischen Stammesfürsten über die antike Welt bis hin zu rezenten Gesellschaften, die in einer bestechenden Argumentation, allerdings allzu häufig in gewaltige Fußnotendiskussionen übergehend, versuchen die Hintergründe eines nahezu globalen Phänomens freizulegen, nämlich dem Austausch von Geschenken. Mauss' Hypothesen von der Verpflichtung des Schenkens, Annehmens und Erwiderns von Geschenken sowie seine Gedanken über "Opfer" an höhere Mächte, an überlieferten Beispielen immer wieder belegt, sind für jeden interessant, der sich ernsthaft mit der Erklärung menschlichen Verhaltens beschäftigen möchte. Auch wenn das Themenfeld scheinbar so begrenzt ist und Mauss durch seine Erlebnisse im 1. Weltkrieg vielleicht dazu neigt, authentische Gesellschaften zu glorifizieren liefert "Die Gabe" unendlichen Diskussionsbedarf immer dort, wo Modelle menschlichen Handelns gefragt sind, sei es in der Archäologie, den Sozialwissenschaften oder eben der Ethnologie, für die Mauss allein aus forschungsgeschichtlicher Sicht unverzichtbar ist. Ein Buch, das sicherlich nicht einfach zu lesen ist, viele Fragen aufwirft, viel streitbares birgt aber damit ebenso große Neugier und ebensoviele Ansätze zum Verständnis über das Funktionieren vorindustrieller Gesellschaften. Siehe auch: |