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Physiologie und industrielle Gesellschaft
 | von Philipp Sarasin
Kategorie:
Physiologie ISBN: 3518289438 | Äußerst empfehlenswert Diese interdisziplinär konzipierte Aufsatzsammlung befaßt sich mit der Entstehung der Physiologie als Wissenschaftsdisziplin in ihrer "Wechselwirkung mit sozioökonomischen Bedingungen, gesellschaftlichen Interessen und kulturellen Deutungsmustern"(9).Trotz der wissenschaftshistorischen Ausrichtung der Beiträge wurde auf die Darstellung der Nachhaltigkeit der Wissensproduktion im Bereich der Physiologie besonders Wert gelegt. Philipp Sarasin und Jakob Tanner machen in ihrer Einleitung deutlich, das der Körper nicht mehr als "direkter Emittent des Wissens über ihn"(16) fungieren kann. In dieser Perspektive stellt sich der Körper immer nur als "unabgeschlossenes Produkt der eigenen Arbeit", als Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse und kultureller Bedeutungszuschreibungen dar. Damit ist denn auch der Anspruch des Bandes umrissen, der nach den Bedingungen und Praktiken der Produktion des "industriegesellschaftlichen Körpers" (17) in der Moderne fragt. Der Eingangsaussatz von Shigehisa Kuriyama versucht in diesem Sinne anhand der Körperkonzeptionen in China und Japan die Determiniertheit und Geschichtlichkeit des Körpers in der Abhängigkeit von jeweiligen kulturellen Kontext darzustellen. Damit wird auf die Historizität des Körpers hingewiesen, auf die Schnittstellen von akademischen Diskurs und praktisch-politischem Handeln, die Bedingung für sein Entstehen sind. Unter der Überschrift Physiologie als Wissenschaft wird die Konfrontation der hippokratisch-galenischen Tradition des Vitalismus mit der naturwissenschaftlich-mechanistischen Konzeption des organischen Körpers im ausgehenden 18.Jahrhundert anhand exemplarischer Beispiele beschrieben, wobei deutlich gezeigt wird, daß die Debatte nicht zu einer Auflösung in die eine oder andere Richtung führte, sondern vielmehr in eine Vermittlung der bis dato kontroversen Positionen "Vitalismus" und Mechanismus" geführt hat (Christiane Sinding). Tanner betrachtet die Transferleistungen zwischen den Sphären von Wissenschaft und Politik; anhand der Entstehung des Labors als Stätte der Wissensproduktion stellt er das mannigfaltige gesellschaftliche Erklärungspotential dar, welches durch die experimentelle Laborforschung freigesetzt wurde. Der Abschnitt Physiologie als Paradigma sucht nach den Übersetzungsstrategien und -prozessen von Modellen der experimentellen Physiologie in "gesellschaftswissenschaftliche Theorien, literarische Traditionen und populärwissenschaftliche Vorstellungswelten" (30), die den Erfolg der Physiologie fundamentierten. Anhand der Wissenschaftsdisziplinen Linguistik (Joachim Gessinger), Pädagogik (Jürgen Oelkers) und der Rechtswissenschaft (Hubert Treiber) wird die Übernahme des physiologischen Denkmodells und ihrer den wissenschaftlichen Diskurs strukturierenden Metaphern. aufgezeigt. Den Zusammenhang zwischen industriell-technologischer Entwicklung und der Vorstellung des Körpers als thermodynamisches System stellt Anson Rabinbach zum Beginn des vierten Abschnitts heraus (Die Physiologie des "menschlichen Motors"), der neben einer detaillierten Darstellung der Entwicklung der Sportphysiologie (John Hoberman) auch das Scheitern des Konzepttransfers darstellt. Das Phänomen der Ermüdung, die Unmöglichkeit seiner widerspruchslosen Beschreibung durch die Arbeitsphysiologen des Industriezeitalters gründet für Francois Vatin in der anthropozentrischen Grundstruktur dieser Modelle, "da sie auf den Kategorien der Arbeit als Mühe und Nützlichkeit beruhen" (368). Der Beitrag von Dietrich Milles untersucht im Abschnitt Physiologie und Gesundheitspolitik anhand der ärztlichen Invaliditätsversicherung im Deutschland des ausgehenden 19.Jahrunderts die Hervorbringung von flexiblen Körper (Emily Martin), die den Ansprüchen einer "industriegesellschaftlichen Nutzung" (374) unterlagen. Emily Martins Beitrag zu den Modifikationen von Körpermodellen in den USA bildet den Abschluß dieses faszinierenden Buches. Ein gelungener Abschluß, stellt sie doch die Frage nach dem emanzipatorischen Potential der gegenwärtig erzeugten flexiblen Körper oder ob nicht vielmehr das neue Körpermodell nichts anderes ist "als die Logifizierung des Körpers unter das Muster eines herrschaftlichen, normierenden Diskurses?" (39).
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