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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenSonntag, 21. Dezember 2014 

Die Elixiere der Wissenschaft. Seitenblicke in Poesie und Prosa.


von Hans Magnus Enzensberger

Kategorie: Gedichte
ISBN: 3518413139

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Neue Zürcher Zeitung Vom Fliegenden Robert lernen Hans Magnus Enzensbergers«Elixiere der Wissenschaft» Eine Grundregel für Anthologien besagt, dass die Summe ihrer Teile mehr ergeben muss als die Addition einzelner Texte. Da das, was in ihnen versammelt wurde, in der Regel bereits an anderen Orten zu haben war, hat der Leser ein Recht auf einen ästhetisch-intellektuellen Überschuss, der sich ergibt, wenn Texte aus unterschiedlichen Zeiten und Zusammenhängen nun erstmals beginnen, miteinander zu sprechen. «Die Elixiere der Wissenschaft», das neue Buch von Hans Magnus Enzensberger, ist eine Anthologie, genau genommen eine Lyrikanthologie, in der 8 Essays zwischen 57 Gedichte eingearbeitet wurden. Mit Texten aus 10 seiner Bücher, mit Zeitungsartikeln (deren Erstdruck leider nicht angegeben wurde) und Unveröffentlichtem hat Enzensberger eine manchmal provozierende, immer anregende Schnittmenge aus denjenigen seiner Texte gebildet, die ein deutliches naturwissenschaftliches Wasserzeichen tragen. Wie sehr es sein Werk prägt, ist nun erstmals klar und umfassend zu sehen. Hier hat ein Lyriker seine eigene Wissenschaftsgeschichte komponiert, mit streitbaren Passagen: Einem Zeitungsartikel über die Genforschung ist ein ebenso langer Kommentar als Antwort auf Zuschriften angefügt. Das Buch verknüpft elegant Probleme und Persönlichkeiten der Mathematik, Physik, Biologie, Medizin, Anthropologie, stellt aus diesen unterschiedlichen Perspektiven immer wieder die faustische Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, und staunt darüber, warum immer wieder ein Mensch bis zur Selbstaufgabe sich anschickt, Unerhörtes zu erforschen und Unglaubliches zu erfinden. Enzensberger verfolgt, wie zwischen Marktgesetzen, Eigensinn und Zufallsprinzip sich letztlich unvorhersehbar herausbildet, was wir mit dem ambivalenten Begriff «Fortschritt» belegen. Zentral sind denn auch die zwanzig «Balladen aus der Geschichte des Fortschritts», Porträts, die über die Hälfte der Texte des «Mausoleums» (1974) ausmachen – Arbeiten, die vermutlich zu den aufwendigsten seiner lyrischen Produktion gehören und die sich auch heute überraschend frisch lesen. Überhaupt wundert, wie sehr dieser Autor, der unter dem Signum «Zickzack» (so der Titel seines letzten Aufsatzbandes) seine Unabhängigkeit und Nichtfestlegbarkeit hütet, sich doch in seinen Grundinteressen treu geblieben ist. Schon das frühe Gedicht «Bibliographie» aus «Blindenschrift» (1964) spielt die Kunst (das von Menschen Gemachte) aus gegen die Natur und setzt folglich die genaue Naturbeobachtung als eine primäre Lektüre («Dies ist für dich geschrieben /Windungen unter der Rinde») gegen die sekundäre des Bücherfreundes. Das Gedicht weist auf die unbegreifliche Ästhetik der Schöpfung hin – «Libellenaugen zu konstruieren / ist keine Kunst» oder in der Gegenfigur: «Diese Brennnessel / könnte von Proust sein» – und endet mit dem Imperativ: «Wirf das Buch weg und lies.» Dieser Gestus des 35- Jährigen, der Andacht und Hochmut vereint, ist dem 73-Jährigen geblieben. Reizvoll variieren die «Elixiere» Themen in Essay und Gedicht. So endet der Aufsatz «Das digitale Evangelium» mit einer Absage an die «Medienpropheten, die sich und uns entweder die Apokalypse oder die Erlösung von allen Übeln weissagen», und mit einem Glaubensbekenntnis an die Wirklichkeit: «Wer Cybersex mit Liebe verwechselt, ist reif für die Psychiatrie. Auf die Trägheit des Körpers ist Verlass. Das Zahnweh ist nicht virtuell. Wer hungert, wird von Simulationen nicht satt. Der eigene Tod ist kein Medienereignis. Doch, doch, es gibt ein Leben diesseits der digitalen Welt: das einzige, das wir haben.» Es gehört seit je zur Strategie von Enzensbergers Rhetorik, ein Klischee aufzubauen, um damit einen stärkeren Aufwind für die eigene Argumentation zu haben. Im «Postskriptum», das das Verhältnis von Poesie und Naturwissenschaften reflektiert, geht er darin jedoch ein wenig zu weit und rennt Flügeltüren ein, die er selbst immerhin schon vor über 40 Jahren im «Museum der modernen Poesie» (mit Berufung nicht zuletzt auf Poes «The Philosophy of Composition») geöffnet hat. Kein ernst zu nehmender Lyriker der Gegenwart wird die «Poesie ausschliesslich als Spezialistin für den Ausdruck von Gefühlen» verstehen – was um Himmels willen heisst «Gefühl»? –, und so mutet es seltsam an, wenn einer der grossen Lyriker unserer Zeit über seine Kollegen sagt: «Auch manche Lyriker haben sich vom Schema des neunzehnten Jahrhunderts emanzipiert und begriffen, dass die Poesie von allem handeln kann, was der Fall ist.» Vom Fliegenden Robert zwischen den Disziplinen muss sich auch der gemeine Leser manchmal schulmeistern lassen: «Die beiden Unvollständigkeitssätze Gödels (. . .) sind bekannt genug. Auch dürfte sich herumgesprochen haben, dass Fermats letzter Satz (. . .) bewiesen worden ist.» Die Rezensentin gesteht, dass sie beides ohne weitere Recherche nicht erklären kann – und hat sich damit disqualifiziert. Sie hat das Buch aber trotzdem sehr gerne gelesen. Angelika Overath

Kurzbeschreibung Hans Magnus Enzensberger hat sich seit seinen literarischen Anfängen immer wieder mit naturwissenschaftlichen Themen, mit Wissenschaftsgeschichte und mit den Erkenntnismethoden und Biographien der Forscher beschäftigt. Seine mittlerweile legendären »Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts« wurden vor mehr als einem Vierteljahrhundert in dem Band Mausoleum veröffentlicht. Für ihn ist es ganz selbstverständlich, daß die Poesie...

Autorenportrait Hans Magnus Enzensberger, geboren 1929 in Kaufbeuren, lebt heute in München. Seit einiger Zeit schreibt der Autor auch Kinder- und Jugendbücher. Sein Buch "Der Zahlenteufel" wurde mit dem 'Luchs' ausgezeichnet.


Siehe auch:
Gedichte > Die Elixiere der Wissenschaft. Seitenblicke in Poesie und Prosa.
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