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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenMittwoch, 22. Mai 2013 

Die andere Bildung


von Ernst P. Fischer

ISBN: 3548364489

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Aufreger&Abenteuer, Leckerbissen&Lesefreude
Whaau! Was für ein Buch! Zumindest, wenn Sie wissen wollen, "was die Welt im Innersten zusammenhält" (Goethe) oder warum Nietzsche behaupten konnte, dass wir "einen tanzenden Stern gebären können", wenn wir "noch Chaos in uns tragen".
Die wissenschaftliche Antwort darauf lautet: weil wir alle aus Sternenstaub gemacht sind. Als "Kinder" des Urknalls, der nicht nur die Sterne , sondern auch uns erst ermöglicht hat.
Was das mit "Bildung " zu tun hat? Das kommt darauf an, wie Sie die definieren. Die "gebildeten" Menschen (inklusive bekannte Kritiker wie Reich-Ranitzcki oder Schwanitz) verstehen darunter nur die Kenntnis von alten und aktuellen Dichtern, Romanautoren und Philosophen (naja, ein bisschen E-Musik muss wohl auch noch sein). Wissenschaftler? Nein, die gehören nicht zum Kreis jener, die sie als gleichberechtigt und gleich hochstehend anerkennen.
Was für ein Quatsch! Und was für eine Überheblichkeit. Ernst Peter Fischer, Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Uni Konstanz, beweist es mit diesem Buch. Er zeigt
1. dass Wissenschaft viel, viel spannender ist als die neusten Bücher von Handke, Lenz oder den jungen "Pop-Literaten" (die ich, ehrlich gesagt, zum Gähnen finde). Fischer führt vor, dass
2. Wissenschaftler uns weit aufregendere Erkenntnisse als Dichter und dass
3. Wissenschaft unser tägliches Leben viel tiefer beeinflusst, uns mehr verändert und weiter vorwärts bringt als noch ein literarischer Roman über eine schwierige Kindheit oder die Leiden der Liebe.
"Die andere Bildung" ist ein Buch der Wunder. Ob es um die Frage nach der "Struktur" des Lichtes als Welle oder Teilchen geht (und warum das wichtig zu wissen ist) oder um Galaxien, Strings und Schwarze Löcher, um unsere Abstammung von einer Amöbe im Urmeer oder um das aktuelle Klonen von Menschen - Fischer erklärt die schwierigsten wissenschaftlichen Fragen so brillant, dass selbst eine mathematische Nullnummer wie ich sie versteht. Und das nicht nur für einen kurzen Aha-Moment, sondern tatsächlich auf Dauer.
Nichts gegen Gedichte, Dramen, einfühlsame Lebensbeschreibungen. Vom Hohen Lied Salomons aus der Bibel über Shakespeares Hamlet bis zu (meinetwegen) Walser und Handke. Auch gute Romane sind, ich gebe es als Suchtleser gern zu, eine Bereicherung. Wissenschaftliche Bildung bedeutet mehr, und "Die andere Bildung" ist gleichzeitig Gehirntraining, geistiger Leckerbissen, Auf- und Anreger. Und Lebenshilfe. Weil man zwar weiterleben könnte, ohne je wieder ein Gedicht zu lesen (ungern!), aber nicht ohne neue wissenschaftliche Erkenntisse. Sie betreffen uns zu direkt.
Ernst Peter Fischer liefert den Schlüssel zu ihnen. Danke!

Naturwissenschaften für den Normalbürger
Vor ein paar Jahren machte der Hamburger Anglistikprofessor Dietrich Schwanitz mit seiner „Bildung – Alles was man wissen muss“ von sich reden. Darin machte er in unterhaltsamer Weise auf die Grundlagen unserer Kultur aufmerksam. Oder zumindest auf das, was ein Hamburger Literaturwissenschaftler dazu zählt. Es verwundert nicht, dass so etwas banales wie die Naturwissenschaften keineswegs dazu gehören. Sie schließt Schwanitz ebenso arrogant wie kategorisch aus dem Kanon seiner umfassenden Bildung aus.

Der Titel von Ernst Peter Fischers neuestem Buch („Die andere Bildung – Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte“) lässt sofort an Schwanitz denken. Das ist wohl auch so gewollt, denn schon auf der Seite zwei springt einem dieser Name entgegen. Tatsächlich ist die „andere Bildung“ des Konstanzer Professors für Wissenschaftsgeschichte eine direkte Antwort auf das Werk seines Hamburger Kollegen.

Es gehört keine große Weisheit dazu, zu erkennen, dass die Wissenschaft in nicht geringerem Maß den Ort und das Bild des Menschen bestimmt als die „große“ Philosophie. Um das zu beweisen, führt Fischer durch die Geschichte der Naturwissenschaft – die beiden großen Stationen auf seiner Reise sind die Zeit der Renaissance und das 19./20. Jahrhundert. Auf nur wenige Schlüsselthemen aus der unüberschaubaren Fülle von wissenschaftlichen Disziplinen wirft Fischer seinen intelektuellen Scheinwerfer: Die Physik des Mikro- und des Makrokosmos,sowie Evolution und Genetik.

In meist leicht nachvollziehbaren Erklärungen schildert er, wie es zu den großen wissenschaftlichen Durchbrüchen wie Kopernikus‘ Erkenntnis der Bewegung der Planeten und Plancks Einsicht in die Sprunghaftigkeit der Energieniveaus kam. Vor der einen oder anderen mathematischen Formel schreckt Fischer auch nicht zurück, trotz des verlegerischen Grunsatzes, dass jede Formel in einem Buch dessen Auflage halbiert. Doch keine Angst, die wenigen Ausflüge in die Welt der mathematischen Symbole sind eher als Illustration gedacht und können übersprungen werden ohne Gefahr zu laufen, die Aussage des Buches nicht zu verstehen.

Bei der bloßen Aneinanderreihung der Erreignisse belässt Fisches es nicht, gleich zu Anfang konfrontiert er den Leser mit Problemen der menschlichen Wahrnehmung und dem Verhältnis von Kunst und Wissenschaft. Wer also von diesem Buch ein naturwissenschaftliches Kuriositätenkabinett a la „Galileo“ oder „Planetopia“ erwartet, der wird enttäuscht.

Oder überrascht. Fischer versteht es nämlich, die wenigen wissenschaftlichen Umwälzungen, die er auswählt so in einen erkenntnistheoretischen Zusammenhang zu stellen, dass selbst ich als zwar wissenschaftlich interessierter, aber doch laienhafter Leser es verstanden habe. Ich hatte schon lange den Verdacht gehegt, dass die Einsichten zu der die Erforschung des sehr Kleinen (Elementarteilchen) und des sehr Großen (Kosmos) führen, an den Grenzen der menschlichen Verstandes rütteln. Fischer jedoch drückt dies in leicht verständlicher Sprache aus und bringt so ein wenig Licht in die kognitive Nische zwischen Mikro- und Makrokosmos in dem mein kleiner Geist operiert.

Sehr aufschlussreich fand ich den Abschnitt über das Leben, wo Fischer nach dem Kapitel über die Evolution und die Revolution, die dieses Konzept ausgelöst hat, deutlich macht, dass der Genetik-Fanatismus der neuesten Gegenwart als Ausdruck einer deterministischen Sehnsucht des menschlichen Verstandes verstanden werden muss, dem in dieser Beziehung schon von Heisenbergs, Bohr und Co zu viel abverlangt wird. Und dass ist keine reine Polemik, sondern wird gestützt von harten Fakten der allerneuesten Forschung. Wissenschaftler haben nämlich in den vergangen zwei Jahren herausgefunden, dass Gene unser Leben nämlich gar nicht in der simplifizierenden Weise bestimmen, wie es gern von den Medien dargestellt wird. Dieses Kapitel sollte Pflicht Lektüre für alle sein, die in der Gen-Debatte mitreden wollen. (Und für alle, die in Biotech-Aktie investieren möchten.)

Wie gesagt, Fischers Ziel ist nicht die bloße Beschreibung. Sein größtes Anliegen ist das Plädoyer für eine neues Bündnis von Kunst und Wissenschaft, die sich seit der Descartes (Trennung von Geist und Materie) und Kopernikus (Trennung von sinnlich wahrnehmbaren und verstandesmäßig Erfassbaren) immer weiter voneinander entfernt haben und inzwischen als unvereinbare Gegenspieler angesehen werden: Fischer möchte beide als nicht nur gleichberechtigte sondern auch als sich ergänzende und bereichernde Partner verstanden wissen.

Fischers Buch ist in diesem Sinne zwar als Antwort auf Schwanitz beschränktes Bildungsverständnis zu sehen, ergänzt dessen Buch aber nicht einfach nur um die fehlenden naturwissenschaftlichen Grundlagen. Dazu geht es zu wenig ins Details. Fischer leistet aber viel mehr – er ordnet ein und bewertet und zeigt wie nicht nur die sogenannte Kultur die Art bestimmt in der Wissenschaft betrieben wird, sondern dass dieser Mechanismus auch in umgekehrter Richtung wirkt.

Ansonsten gilt: Wer schon immer mal wissen wollte, was es mit dieser Quantenmechanik auf sich hat, was Einstein mit seiner Realtivitätstheorie wirklich gemeint hat, oder wie es passieren konnte, dass sich aus Affen halbwegs vernunftbegabte Wesen entwickelten und auch vor den erkenntnistheoretischen Zusammenhängen nicht zurückschreckt, die all diese Fragen verbinden, der sollte sich schleunigst „Die andere Bildung“ zulegen. Absolut empfehlenswert.

Etikettenschwindel
Die durch den Titel geweckten Erwartungen werden nahezu gänzlich verfehlt. Man erfährt gerade nicht alles, was man von den Naturwissenschaften wissen sollte, sondern nur einiges, willkürlich ausgewähltes. Außerdem erfährt man vieles, was nicht zum naturwissenschaftlichen Allgemeinbildungskanon gehört.

Es fehlt nahezu die gesamte Chemie und Mathematik. Aus dem Bereich der Physik findet man nichts über Elektrizität (!), Magnetismus und Optik, dafür aber vieles über Relativitätstheorie und Quantenphysik. Die Mechanik wird nur angesprochen, um darzulegen, wie falsch sie aus modernem Blickwinkel ist. Biologie scheint nur aus wenig Verhaltenslehre, etwas mehr Evolutionstheorie und vor allem aus der gerade populären Genetik zu bestehen. Die Pflanzenwelt und das Tierreich kommen fast nicht vor. Diese nur beispielhaft aufgezählten Lücken sind um so unverständlicher, wenn man berücksichtigt, dass der Autor sich um Themen kümmert wie Astrologie, Alchemie und die Idee der Komplementarität. Ganz offenbar hat der Autor nur ein weiteres Buch geschrieben, das den Titel tragen könnte "Einige Gedanken zur modernen Physik und Biologie", als das Schwanitz-Buch so erfolgreich war, dass man (der Verlag?) auf den Erfolgszug aufspringen wollte. Der potentielle Leser sollte sich darüber klar sein, dass hier unter falscher Flagge gesegelt wird.

Stilistisch wirkt das Buch oftmals unsympathisch belehrend. Der Autor scheint unendlich eitel zu sein. Nur so ist zu erklären (es ist geradezu bezeichnend), dass er wertvollen Platz verschwendet, um darzulegen, wie naturwissenschaftlich ungebildet Schwanitz doch ist ("Seht her, ich bin viel toller"). Beispielsweise schrieb Schwanitz nebenbei zur Relativitätstheorie - ganz offenbar witzig gemeint - , alles sei irgendwie relativ . "Falsch", ruft der Gockel Fischer, das ist alles viel komplizierter. "Ach was", denkt der Leser und wundert sich.

Sehr zu bemängeln ist das fehlende Stichwortverzeichnis und ein unzureichendes Inhaltsverzeichnis. Als Nachschlagewerk ist das Buch daher nicht zu gebrauchen.

Durchgelesen habe ich das Buch trotzdem. Denn bei aller Kritik: Fischer versteht es, komplizierte Zusammenhänge anschaulich zu erklären.

Fazit: Thema verfehlt, stilistisch bedenklich, gleichwohl streckenweise interessant.
Siehe auch:

> Die andere Bildung
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