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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenFreitag, 31. Oktober 2014 

Die wunderbaren Wege.


von Magdalena Sadlon

Kategorie: Slowakei
ISBN: 3552049231

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Neue Zürcher Zeitung
Eigenschaften ohne Mann

Magdalena Sadlons Romanerstling «Die wunderbaren Wege»

Zur paradigmatischen Figur wie in der Schweiz hat es der (schreibende wie beschriebene) Lehrer in Österreich nie gebracht. Nicht, dass die Freuden und Leiden der Schulmeister kein Thema der österreichischen Gegenwartsliteratur gewesen wären, doch zum Ecce homo wollten die geplagten Hüter von Wohlstandsmittelmass und -wahn angesichts so viel historischer Traumatisierung nicht taugen. Wo «Kakanien» stets verkappter Wille und die Nazivergangenheit Zwangsvorstellung war, blühten die Verstörungen auch ohne das schulische Treibhausklima – in den Einsamkeitstiraden Thomas Bernhards ebenso wie in den Heimathöllen Franz Innerhofers oder den letzten Welten Christoph Ransmayrs.

1956 in der Slowakei geboren, 1968 mit ihrer Familie nach Österreich geflohen, ist Magdalena Sadlon nichtsdestoweniger ein Gewächs des Wiener Literaturbiotops. Gibt es etwas, was diese Autorin nicht kann? Ihr Romanerstling «Die wunderbaren Wege» zieht alle Themen und Register der jüngeren österreichischen Literatur von der Kultur des politischen Stillstands bis zum neuen Rechtsradikalismus, von der Geschlechterunordnung bis zum Körperkult. Keine Manier, die Sadlon nicht beherrschte: dialektisch schreibt sie wie Robert Menasse, ironisch wie Antonio Fian, kaltschnäuzig wie Elfriede Jelinek, wienfromm wie Robert Schindel, luzid wie Franz Schuh und vertrackt wie Helmut Eisendle.

Sadlons Roman ist ein Labyrinth – leicht ist man drinnen, doch weh dem, der den Ausweg sucht. Dabei lässt sich der auktorial erzählte Text zunächst realistisch als Protokoll einer gescheiterten Lehrerexistenz lesen. Jakob Sagmeister, (zu Unrecht) des sexuellen Missbrauchs verdächtigt und vorzeitig aus dem Dienst entlassen, hat seine Melancholie zur Erkenntnismethode gemacht. Ziellos und einsam streift er durch Wien, wenn er nicht gerade seine Nachbarn beargwöhnt; er belehrt Touristen, wo er nur kann, besucht das Kaffeehaus und verkehrt in Spelunken, sinniert über die Stadt und die Welt und die «Poesie» seines Junggesellendaseins, das ein einziges wunschloses Unglück ist. Über den Dingen möchte Jakob stehen, doch die Schule der Gleichgültigkeit lebt er, indem er sich hinter apodiktischen Urteilen verschanzt: «Der Mensch ist ein geschlossenes Instrument, ein Schnellzug. Seine Existenz schreit förmlich nach Notwendigkeit von Richtung und Ziel. Das Leben ist ein Gleichgewicht von Sätzen, die plaziert werden.»

Zwischen Konformismus und Renitenz, Selbstverleugnung und Grössenwahn, Weltverbesserertum und Daseinsekel oszilliert Jakob Sagmeister. Geschichtslehrer war er und ist darüber zerbrochen, denn Geschichten sind traurig allein schon dadurch, «dass sie sich ereigneten oder dass sie vergangen sind». Erinnerungen erweisen sich als «fette Maden im Hirn, die sich an der Gegenwart nähren», umgekehrt schätzt Jakob nichts so sehr wie die «Sicherheit der Zeitenfolge». Anderseits ist er ein «passionierter Zuhörer, aber mit Verstehen hat das nichts zu tun»; er «ist zwar nicht die breite Masse, er gehört aber gern zur Mehrheit». Als Möglichkeitsmensch vermeidet Jakob es tunlichst, «in eine Situation zu geraten», gleichwohl schätzt er die «unerwarteten Dinge», denn «wenn sie sich (. . .) bewährt haben, den Tag behaglich strukturieren, werden sie zu sinnvollen oder liebgewonnenen Gewohnheiten».

Die paradoxe Charakterisierung liesse sich ad infinitum fortsetzen – bis vom Mann ohne Eigenschaften nur mehr Eigenschaften ohne Mann übrigbleiben. So sehr sich Jakob Sagmeister (seinem Namen gemäss) als rasende Satzmaschine erweist, so sehr ist er selbst Opfer der Bestimmungswut der Verfasserin. Man wird den Eindruck nicht los, Sadlon habe anhand Jakobs primär ihren Zettelkasten entleeren wollen und der monomanen Figur daher den poetisch plausiblen Monolog verweigert. Auch die Ironie vermag das Heteronome nicht zusammenzuhalten, wobei der überquellenden Leere immerhin auch das Kalkül zugrunde liegen könnte, Biographie als Sprachspiel zu dekonstruieren und die Figur als solche zum Verschwinden zu bringen. So wie am Romanende als «Teil eines Teils» des Lebens jener «hoffnungsvolle Blick auf einer Fotografie» verbrennt, «die ausser Jakob keiner kennt».

Bestechend ist dieses Buch in seinen Einzelmomenten: Jakobs überhebliche Bescheidenheit und sein beflissenes Versagertum sind immer wieder in Szenen von absurder Komik gefasst, Personen werden mit schnellem Strich karikiert (etwa wenn von Kleinfamilien gesagt wird, sie hielten zusammen «wie ein einziger blutender Fleischklumpen»). Die Reflexionen sind kopfreinigend und herzerfrischend, auch wenn sie mitunter etwas angestrengt politisch unkorrekt daherkommen; die besten verfügen gar über aphoristische Schärfe und Widerständigkeit. «Die Illusion ist der Kampfer der Jahre», heisst es etwa, oder: «Das Leben ist zu kurz, um sich für alles zu interessieren; nur die Tage sind manchmal lang.»

Fast ganz unter geht im Dickicht der Meinungen Jakobs Kindheit in der Provinz. Sein Leid lässt sich erahnen, wenn es das höchste der kindlichen Gefühle darstellt, dem tyrannischen Vater – einem Schuldirektor, «vor ihm hatten sogar die Wände Respekt» – sonntags den Rücken zu kratzen. Die verstorbene Mutter wiederum «blieb gegenwärtig durch ihre Abwesenheit, wie sie es, als sie noch lebte, nie geduldet hätte». Magdalena Sadlon, kein Zweifel, wird Furore machen – wenn sich zum Talent denn die Gelassenheit einstellt. Dass der poetische Überdruck nicht autobiographischer Natur ist, spricht eher für als gegen die Autorin. Der Zweitling als Abglanz des Erstlings: das wird in diesem Fall kein Nachteil sein.

Andreas Breitenstein

Kurzbeschreibung
Wachsam streift Jakob Sagmeister durch Wien. Keine Veränderung entgeht seinem Blick. In Magdalena Sadlons erstem Roman begegnen wir einem Enkel der Monarchie, einem Sohn des Dritten Reiches - einem Kind Österreichs. Seit seiner erzwungenen Pensionierung gibt er sich den Passionen des Alltags hin: Kaffeehaus, Pfeife, Billard, Zeitungen und unregelmäßige Besuche in zwielichtigen Spelunken. Dieses mit trockener Ironie gezeichnete Porträt eines schrecklich normalen...


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