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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDonnerstag, 30. Oktober 2014 

'In Auschwitz wurde niemand vergast'


von Markus Tiedemann

ISBN: 3570209903

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Unglaubliche Inkompetenz
Mir wurde aus diesem Buch der Artikel zu Katyn vorgelegt zur Prüfung. Das Ergebnis war erschreckend:

1. Sachfehler
Die Zahl der polnischen Opfer des russischen Massakers wurde um mehrere hundert heruntergerechnet.

2. Demagogie
Auf dieses objektive Kriegsverbrechen hinzuweisen, bewertet der Autor als eine "Übernahme von Nazi-Propaganda". Daraus folgt, daß ein Verbrechen keines mehr wäre, bzw. daß man nicht darüber sprechen dürfte, wenn es einmal in einer heute politisch verfemten Ecke erwähnt wurde. Daraus müßte der Eindruck entstehen, daß Verbrechen eigentlich keine sind, je nachdem, wie sie gerade zum ideologischen Zeitgeist passen oder nicht. Und dieser Autor will bald ein Buch veröffentlichen mit dem Titel "Ethische Orientierung für Jugendliche" !! Unglaublich ...

3. Unlogik
Das genannte russische Kriegsverbrechen, das der Autor in der Sache auch gar nicht bestreiten will, reiht er trotzdem ein unter Nr. 18 in die Rubrik "rechtsradikale Lügen". Kann man das noch begreifen? Wenn von einer Tatsache die Rede ist, die selbst solch ein Fanatiker nicht zu bestreiten wagt - worin liegt denn dann die Lüge? Hat der Autor überhaupt einen Schulabschluß? Hat er schon einmal etwas von Logik gehört?

4. Argumentative Inkompetenz
Das soll wohl die Konstruktion sein: "Rechtsradikale" sagen angeblich, daß man das Verbrechen von Katyn nicht der deutschen Seite in die Schuhe schieben soll, weil es von den Russen begangen wurde. Das soll eine Lüge sein, obwohl der Autor zugibt, daß die Faktenaussage richtig ist. Das Lügnerische entlarvt er mit folgendem Argument: "Aber was beweist das, hebt ein Verbrechen das andere auf?". Also: ein Faktum wird dadurch falsch, daß es andere Fakten zu anderen Themen gibt ... Nun denn: wenn ein Verbrechen das andere nicht aufhebt - wunderbar: dann ist und bleibt das russische Verbrechen ein Verbrechen und es kann keine Lüge sein, wenn man das erwähnt.

Mir wird deutlich, daß hier ein ideologischer Hetzer am Werke ist, der mit demagogischer Propaganda Leser irreführen will. Es wäre eine Beleidigung für Schülerzeitungen, wollte man sagen, daß dieses primitive Machwerk auf solch niedrigem Niveau liegt. Ungünstig, daß man mindestens einen Punkt als Bewertung vergeben muß, wo null schon zuviel wäre. Schade auch, daß es keine Minuspunkte hier gibt.

Aufklären oder Moralisieren?
Beides , so jedenfalls Markus Tiedemann, in seinem schon 1993 erschienen Buch. Zwar ist es nicht zu beanstanden, wenn rechtsradikales Gedankengut als ethisch nicht zu rechtfertigen und deshalb indiskutabel hingestellt wird, jedoch bei Jugendlichen , „die aus Unwissenheit oder Instabilität in den Dunstkreis rechter Kreise geraten“ seien klare Grenzen und Konturen notwendig um sich eine eigene Meinung bilden zu können und rechtsradikales gedankengut und rechte Lügen auch als solche zu erkennen. Der Autor stellt so denn auch Materialien,. Argumente und Dokumente zu 60 rechtsradikalen Lügen zusammen. Dabei kommt ihm sein geschichtsstudium zu Hilfe.
In neun bereiche gegliedert und mit einem reichhaltigen Anhang Literatur und Internet-Adressen versehen will das Buch für „jeden Pädagogen von enormen Wert“ sein um „schnell, direkt und unkompliziert auf rechtsextreme Behauptungen reagieren zu können“.
Im Vorwort zeigt der Autor zunächst die Struktur des Führerprinzips auf um dann folgerichtig sich mit der Person Hitlers zu befassen. Diesem Kapitel folgen dann NSDAP und Staat, Wehrmacht, Kriegsgegner, Euthanasie, Holocaust, Erfundenes Beweismaterial, Professioneller Revisionismus und das Kapitel Deutsche Bevölkerung. Unter jeder Überschrift werden verschiedene Aussagen zusammengetragen und einzeln unter Heranziehung von Quellentexten widerlegt. Dabei wird die erstaunliche Vielfalt der neonationalistischen Argumentation deutlich. Etliche Lügen sind bekannt, andere wiederum sind neueren datums und wieder andere lediglich eine Abwandlung schon bekannter Lügen. Jeder aber widmet sich der Autor voll und ganz.

Die Fülle des Materials ist so bemessen, dass es nicht möglich ist das Buch zu lesen und dann alles abrufbar bereit zu haben. Man muss immer wieder neu nachlesen. Der Autor wurde durch brennende Asylbewerberheime 1993 dazu motiviert sich in die Auseinandersetzung mit rechtsdenkenden Jugendlichen zu begegnen. Dem Buch merkt man diese Erfahrung an. Diskussionen in Klassenverbänden oder auf Elternabenden, etwa wenn es um zu wenig Kindergartenplätze oder um die Schüler anderer Nationalitäten geht, die unsere Kinder an „besserer Förderung hindern“, sucht man nach Argumentationshilfen gegen eine „Ausländer raus“ Mentalität. Dazu hilft das Buch, nicht sprachlos zu werden angesichts der Unwissenheit und der Pseudowissenschaftlichkeit revisionistischer Schriften. Der Verlag empfielt das Buch für ein Alter ab 13 Jahren. Dies scheint mir allerdings nur unter Begleitung und im gemeinsamen Bearbeiten sinnvoll.

Gute Argumentationshilfe
In Zeiten neu aufkommenden Geschichtsrevisionismus und Verharmlosung oder Leugnung der Deutschen Gräueltaten während der NS Zeit, wird es neben der wissenschaftlichen Lektüre und Auseinandersetzung auch zunehmend wichtig, kurz und einfach, auch einfach schlagfertig, den ewig gestrigen Thesen Paroli zu bieten. Die ernsthafte, wissenschaftliche Debatte kann sich, mit Recht, nicht die Zeit nehmen, die unter Holocaustleugnern üblichen, abstrusen aber leider manchmal "überzeugend" vorgetragenen Gedanken, zum Kern ihrer Auseinandersetzung zu machen. Hierbei hilft darum dieses Bändchen, auch wenn es die weiterführende wissenschaftliche Lektüre nicht ersetzen kann oder will.
Siehe auch:

> 'In Auschwitz wurde niemand vergast'
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