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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDienstag, 9. Februar 2010 

Der Traum des Ruhelosen.


von Bruce Chatwin

Kategorie: Chatwin, Bruce
ISBN: 3596137292

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Neue Zürcher Zeitung
Nomadentum als Alternative

Verstreute Schriften von Bruce Chatwin

Bruce Chatwin starb 1989 im Alter von 48 Jahren. Er hatte verbreitet, er leide an einer seltenen Pilzerkrankung, die das Rückenmark zerstöre und durch den Verzehr eines mehrhundertjährigen Eies in China ausgelöst worden sei. Diese Mystifikation war typisch für jemanden, dessen Leben und Persönlichkeit alle, die ihn lasen, zum Träumen brachte und dessen Enthusiasmus allen, die ihn kannten, die Welt aufregender und interessanter erscheinen liess.

Laufbahn

Mit 18 Jahren wurde Chatwin Laufbursche bei Sotheby's, mit 22 Direktor der Impressionistenabteilung – einer der jüngsten Direktoren, die das Auktionshaus je hatte. Auf eine vorübergehende psychosomatische Erblindung folgte eine Reise nach Sudan, wo Chatwin eine Art Bekehrung erlebte. Er quittierte seine Stellung und begann, prähistorische Archäologie zu studieren. Und er arbeitete an einem Buch, das immer dicker und immer unpublizierbarer wurde. Währenddessen schrieb er als freier Journalist für die «Sunday Times». 1975 sandte er das inzwischen mythische Telegramm an den Redaktor: «Bin nach Patagonien gefahren.»

Von dort brachte Chatwin das Material für sein erstes und bekanntestes Buch, «In Patagonien» (1977), mit. Künftig schrieb er für die angesehensten englischen und amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften. Fünf weitere Bücher folgten; sie sind so verschieden, als stamme jedes von einem anderen Autor, wäre da nicht eine gewisse Einheit des Stils, der Obsessionen, der Weltsicht. «Was mache ich hier?», eine Sammlung von Kurzprosa und journalistischen Texten, hatte Chatwin noch selbst zusammengestellt; sie erschien wenige Monate nach seinem Tod an Aids. Dann übernahmen die Verleger.

Zweifelhafte Nachlassverwaltung

Chatwin hat rund 50 schwarze, kleinformatige Moleskin-Hefte mit Reisenotizen hinterlassen. Auszüge daraus erschienen im Bildband «Auf Reisen» (1993), der zeigte, dass Chatwin auch mit dem Photoapparat umzugehen verstand. Diese Notizen aus Mauretanien, Westafrika und Afghanistan sind nicht uninteressant, aber es sind eben Notizen. Man fragt sich, ob Chatwin, ein besessener Stilist, einer Publikation zugestimmt hätte. Und jetzt haben Verleger und Nutzniesser von Chatwins Werk die Zitrone weiter ausgepresst: «Anatomy of Restlessness» (1996), auf deutsch unter dem pathetisch-raunenden Titel «Der Traum des Ruhelosen» veröffentlicht, ist eine Sammlung verstreuter, mehrheitlich journalistischer Texte. Einige fanden sich bereits in «Was mache ich hier?» und werden jetzt rezykliert.

Als ich Chatwin 1987 in London besuchte, arbeitete er gerade an seinem letzten Roman, «Utz» (1988). Er wohnte in Belgravia in einer kleinen Wohnung im obersten Stock; das winzige Schlafzimmer hatte ein Glasdach, auf das der Regen prasselte. In diesem Pied-à-terre, karg ausgestattet, hell und luftig, hielt sich einer auf, der dauernd auf dem Sprung war und ohne Neigung, sich im Kokon einer saturierten Häuslichkeit einzuspinnen. Wie Chatwin in den Besitz dieser Wohnung gekommen war und was sie ihm bedeutete, erfährt man im Text «Ein Ort, wo man seinen Hut aufhängen kann».

Nach einem Monat am selben Ort werde er unruhig, nach zwei Monaten unausstehlich, schrieb Chatwin. Er begeisterte sich für Nomaden und ihre Kultur und wollte über das In-Bewegung-Sein ein Buch schreiben, das er seinem Verleger in einem ausführlichen, im vorliegenden Band enthaltenen Brief erläutert und das «Die nomadische Alternative» heissen sollte. Ein Kapitel dieses schliesslich aufgegebenen Projekts ist in «Der Traum des Ruhelosen» abgedruckt; es erschien ursprünglich im Katalog zu einer Ausstellung in New York über die Kunst der Nomaden, die Chatwin 1970 mitorganisiert hatte. Erfrischend darin sind Chatwins breites Wissen und sein Enthusiasmus, der ihn zu Thesen inspirierte, denen die Wissenschaft nicht unbedingt zustimmte. Chatwins ausgeprägt persönlicher Blickwinkel macht alle seine Gelegenheitstexte lesenswert. Wenn Chatwin etwa den autobiographischen Band «Mountain, Marsh and Desert» von Wilfred Thesiger rezensiert, der sein Leben unter afrikanischen und arabischen Nomaden verbrachte, erfährt man soviel über Autor und Buch wie über Chatwin selbst. Das Reisen ist der rote Faden im Leben und Werk Chatwins, wobei der gelegentliche Überschwang seinen Blick für den Unterschied zwischen echtem Nomadentum und seinem eigenen, durch materiellen Überfluss ermöglichten Umherziehen nicht trübt.

Horizonte

Ich fragte Chatwin damals, was ihm das Reisen bedeute: «In der Schule brachte man uns bei, dass ein Mann nicht nur Ingenieur oder Anwalt werden kann, sondern auch Beamter in den Kolonien. Es gab ein Empire, eine ganze Welt jenseits des insulären England. Irgendwie glaubten wir, die Welt sei Englands Hinterhof. Diese Vorstellung hielt an bis zur Suezkrise 1956, als Harold Macmillan die veränderte Situation im berühmten Diktum ‹The winds have changed› zum Ausdruck brachte. Für uns Junge war Reisen damals nicht Selbstzweck, es gehörte einfach dazu. Man konnte nach London, aber ebensogut in die Südsee gehen. Diese Vorstellung hat mich bis heute nicht verlassen. Wenn ich meine Sachen packe, nehme ich mir nicht vor, eine Reise zu unternehmen. Ich gehe einfach weg.»

«Der Traum des Ruhelosen» ist in fünf Abteilungen gegliedert: Autobiographisches, Erzählungen, Texte zum Nomadentum, Buchrezensionen, Texte zur Kunst. Im letzten Kapitel beeindruckt ein Aufsatz über Capri und die «Narzissten» Munthe, Malaparte und Adelswärd-Fersen, die auf dieser Insel lebten und sich in einem übersteigerten architektonischen Rahmen selbst inszenierten. Aufschlussreich ist auch Chatwins ikonoklastischer Vortrag, gehalten 1973 anlässlich einer Benefizauktion zugunsten des Roten Kreuzes. Er zeigt, wie tief sein Dégoût vor dem Kommerz mit der Kunst war, als er 1965 Sotheby's, einer brillanten Karriere und den Artefakten den Rücken kehrte und sich der Askese und dem Unterwegssein zuwandte.

Atmosphärisches

Wie eine Rezension in Chatwins Hand zu Literatur werden kann, demonstriert sein Aufsatz über Osvaldo Bayers Studie «Die Rächer des tragischen Patagonien». Geschrieben, als er «In Patagonien» abgeschlossen hatte, vermittelt der Text eine geraffte Darstellung der Anarchistenaufstände auf den britischen Schaffarmen Südpatagoniens in den zwanziger Jahren. Geschichte und eigene Erlebnisse und Begegnungen, Kritik und einen stupenden Sinn fürs Atmosphärische verbindend, lässt Chatwin hier das Bild einer fremden, grausamen, melancholischen Welt entstehen, so halluzinierend, dass die Fakten, die Namen und die Daten den Eindruck von Irrealität nur noch verstärken.

Georg Sütterlin

Kurzbeschreibung
Bruce Chatwin gilt als einer der bedeutendsten Reiseschriftsteller unseres Jahrhunderts. Doch immer schon hat er sich unterschiedlichen Metiers gewidmet. Er war Kunstexperte bei Sotheby's, Archäologe, Sammler, Rezensent und Reporter. In diesem Band finden sich Texte aus seinem Nachlaß, die diese Vielfalt spiegeln. Es sind Geschichten und Reiseskizzen, Artikel und Essays, durch die sich wie ein roter Faden die Motive ziehen, die Chatwins Denken und Schreiben seit jeher bestimmen:...


Siehe auch:
Chatwin, Bruce > Der Traum des Ruhelosen.
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