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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenMontag, 20. Mai 2013 

Was heißt ' soziale Konstruktion'? Zur Konjunktur einer Kampfvokabel in den Wissenschaften.


von Ian Hacking

Kategorie: Philosophie & Anthropologie
ISBN: 3596144345

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Neue Zürcher Zeitung
Konstruiert

Ian Hacking versucht eine Kampfvokabel zu verstehen

Wer höflich bleiben und dennoch einem Gegenüber zu verstehen geben möchte, es spinne – Seemannsgarn beispielsweise –, bedient sich noch stets mit Vorteil der neutral, weil technisch tönenden Wendung, das Vorgebrachte sei aber doch «sehr konstruiert». Jüngeren Datums – und kaum noch bildungssprachlich zu nennen – ist der harsche Ausruf: «Das ist doch ein Konstrukt!» Durch die Blume ist da gar nichts mehr gesagt. Ein – solches – Konstrukt nämlich ist, anders als das Ingenieursidiom es an sich nahelegen könnte, haltlos, abbruchreif von der Grundsteinlegung an.

Ebenfalls «kritisch», wiewohl nicht notwendig alleszermalmend gibt sich das Verdikt, mit dem der Philosoph und Wissenschaftshistoriker Ian Hacking sich in seinem soeben in deutscher Übersetzung erschienenen neuen Buch befasst. Ausgesprochen wird das Urteil in aller Regel in gesellschafts- und wissenschaftspolitischen Kontexten. Dies oder das, heisst es dann, sei «sozial konstruiert». Was alles sich dieser offenbar fragwürdigen Fabrikation verdanken können soll, listet Hacking eingangs auf, alphabetisch und an Buchtiteln überwiegend der vergangenen anderthalb Jahrzehnte abgelesen: Autorschaft, Bevölkerungsstatistik, Emotionen, Fakten, Flüchtlingsfrauen, Gender, Homosexuellenkultur, Jugendobdachlosigkeit, das Kind als Fernsehzuschauer, Postmoderne, Quarks, Realität, Serienmorde, Wissen, Zulu-Nationalismus.

Verstehen

Die Vokabel der Konstruktion hat – zweifellos – «Konjunktur», unübersehbar nicht nur in der Sphäre der Geschlechtsidentitäten; und sie ist – kaum in Abrede zu stellen – zu einer «Kampfvokabel» avanciert, wie der Untertitel der deutschsprachigen Ausgabe es ausspricht. Die Kämpfe toben in Nordamerika, wo sie «Kriege» heissen, «science wars» und auch «culture wars». Doch ist die Kampfzone nach Europa ausgeweitet worden. Worum bei diesen Kulturkämpfen – Kämpfen zwischen verschiedenen Wissenskulturen, zwischen Natur- und Sozialwissenschaften, zwischen «Realisten» und «Antirealisten» – gestritten werde, das, so Hacking, sei eben, ausgesprochen oder nicht, die These von der «sozialen Konstruktion» allen Wissens.

Ist diese These, könnte man unhöflich fragen, ihrerseits ein reines Konstrukt? Hacking, der an der University of Toronto lehrt, findet zwar die Terminologie der sozialen Konstruktion «nicht sonderlich sympathisch», hält ihren Protagonisten aber doch manches zugute. An einer Parteinahme für die eine oder andere Seite liegt ihm nicht sonderlich viel. Er versucht – eine schöne Tugend – zu verstehen: zu verstehen, was der Ausdruck, dies oder das sei «sozial konstruiert», für einen Sinn habe; letztlich auch, was seinen Gebrauch motiviere. Dabei begegnen in mancherlei Hinsicht alte Bekannte.

«Wunderbar befreiend» sei die Idee der sozialen Konstruktion (zumindest in ihrer Frühzeit gewesen). Soll heissen: Was konstruiert, was zusammengesetzt ist, kann auch wieder auseinandergenommen werden. «Mutterschaft» beispielsweise entpuppe sich in dieser Perspektive als keineswegs unabänderliche natürliche Folge des Kindergebärens, sondern als historisch variable soziale Rolle. Befreiung durch «Bewusstmachung»: das bestimmt nach Hacking die – «zutiefst moralische» – Verwendung des Ausdrucks «soziale Konstruktion». Wo es nichts bewusstzumachen gebe, nichts für selbstverständlich und unumstösslich Gehaltenes als unselbstverständlich und umstösslich erwiesen werden müsse, dort fehle auch der Reiz, von «sozialer Konstruktion» zu sprechen – selbst und gerade dann, wenn etwas offensichtlich «sozial konstruiert» sei: Niemand bezweifelt etwa, dass politisch-rechtliche Institutionen ein Resultat historischer Prozesse und sozialer Arrangements seien; dennoch und darum rückt man ihnen nicht mit dem Argument, sie seien «sozial konstruiert», auf den Leib.

Hacking registriert verschiedene Grade des «konstruktionistischen Engagements»: Wer etwas lediglich als «historisch» geworden beschreibt, oder es – eine Schraubendrehung weiter nach links – als kontingent einstuft und gleichwohl für augenblicklich kaum änderbar erachtet, ihm gegenüber also eine «ironische» Haltung einnimmt, zeigt danach ein nur schwaches Engagement. Wer hingegen das ins Auge Gefasste nicht nur für historisch kontingent, sondern auch für schlecht und zumindest partiell umgestaltbar hält, wird sich «reformistisch» oder auch «entlarvend» betätigen. Zum «rebellischen» Engagement kommt es, sobald die Einsicht sich hinzugesellt, es sei besser, das vermeintlich Unvermeidliche und jedenfalls Schlechte abzuschaffen; zum «revolutionären», wenn die engagierte Konstruktionistin die Welt der Diskurse verlässt . . .

Sortierende Analysen dieser Art geben den vier Kapiteln ihr beinahe heiteres Gesicht. Wer nach einem Motiv des Autors sucht, findet es in dem Bestreben, die suggestive Alternative «real» oder «konstruiert» ausser Kraft zu setzen. Bereits sein 1995 publiziertes Buch über die Geschichte des modernen Krankheitsbildes der «multiplen Persönlichkeit» ist von dem Impetus getragen, die «Erfindung» einer pathologischen Klassifikation und die Realität des individuellen Leids unter einen Hut zu bekommen. Ähnlich abwägend gelangt er nun, im vierten seiner Essays, für den Bereich der Psychopathologien zu dem Schluss, sowohl an den Lehrmeinungen der «Konstruktionisten» wie auch an denen der «Biologisten» sei etwas daran.

Die pragmatische Note überwiegt zwar in seinen schwungvollen Reflexionen, doch ist der Wissenschaftshistoriker noch Philosoph genug, um in Anbetracht des Einerseits-Andererseits ein Dilemma zu empfinden. Darum die Anläufe, ein gewissermassen integratives Konzept zu skizzieren. Es knüpft, bemerkenswerterweise, an «konstruktionistische» Vorgaben an, die bei dieser Gelegenheit über sich selbst aufgeklärt werden. Das geht etwa so: Werde beispielsweise von «The Social Construction of Women Refugees» gesprochen, müsse man sich erst einmal klarmachen, dass nicht die einzelne Flüchtlingsfrau «konstruiert» werde, sondern die Klassifikation, die Idee oder der Begriff der Flüchtlingsfrau. Die «Konstruktion» geschehe nicht im luftleeren Raum, vielmehr in einem Komplex aus Institutionen, Gesetzen, Juristen, Zeitungsartikeln, Gerichtsentscheiden, Sozialarbeitern, Grenzanlagen, Auffanglagern usw., den Hacking «Matrix» nennt. Das Resultat: «Flüchtlingsfrau» werde als Terminus in Gebrauch genommen, wie wenn es sich um eine – selbstverständliche – «Menschenart» handle.

Ziehe man nun noch in Betracht, dass die soziale Klassifikation die Selbstwahrnehmung und das Verhalten der von ihr Betroffenen beeinflusse, dann lasse sich – «wenn man so will» – sogar sagen, dass die einzelnen Menschen selbst, als eine bestimmte Art von Person, «sozial konstruiert» würden. Freilich bleibe in dieser Blickrichtung unterbelichtet, dass es sich nicht um eine «Einbahnstrasse» handle: Auch die Bedeutung des Begriffs «Flüchtlingsfrau» unterliege der Veränderung, sobald die so Klassifizierten sich zu ihrer Klassifikation zu verhalten begännen. Weil, so betrachtet, Begriffe, Praktiken und Personen miteinander «interagieren», tauft Hacking die entsprechenden Gebilde auf den Namen «interaktive Arten». Liesse sich das sich abzeichnende Konzept aus den Kinderschuhen, in denen es noch steckt, herausheben, so wäre, wie der Autor zu verstehen gibt, dem «konstruktionistischen Anliegen» Genüge getan, einem radikalen «Antirealismus» aber der Weg versperrt.

Aber noch ist es nicht soweit. Und ob die «harten» Naturwissenschaften je in ein solches eher «humanwissenschaftliches» Konzept eingebaut werden könnten, steht dahin; schon deshalb, weil sie es nicht mit «interaktiven Arten» zu tun haben, sondern mit «natürlichen» oder «indifferenten», wie Hacking sie nennt: Quarks, anders als Flüchtlingsfrauen, wissen nicht, dass und wie sie klassifiziert werden. Zudem sind – auch darauf macht der Autor aufmerksam – die fundamentalen Fragen, an denen die Geister der Naturwissenschafter und die der sie beobachtenden Wissenschaftstheoretiker sich scheiden, Fragen mit Ewig

Kurzbeschreibung
»Sozialer Konstruktivismus« ist en vogue. Man muß nur die Verzeichnisse der theoretisch ambitionierten Neuerscheinungen in den Sozialwissenschaften durchblättern, um sich davon zu überzeugen. Und die »science wars« führen vor, daß die Debatten über die »soziale Konstruiertheit« von Theorien und Fakten auch die Naturwissenschaften erreicht haben. Grund genug also, sich angesichts der erhitzten Diskussionen einmal die Frage vorzulegen,...


Siehe auch:
Philosophie & Anthropologie > Was heißt ' soziale Konstruktion'? Zur Konjunktur einer Kampfvokabel in den Wissenschaften.
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