Change X
Jeder kennt diese unerfreulichen Momente in Meetings, Workshops oder Seminaren: endlose Vorträge, gähnende Langeweile und zäh ermüdendes Sitzfleisch. Man hangelt sich von einer Kaffeepause zur nächsten. Entziehen kann man sich dem vorher festgelegten Ablauf sowieso nicht. Alles soll im Bann der Referenten und Moderatoren stehen. Dahinter versteckt sich die Annahme: Nur wenn eine Tagung effizient und straff durchorganisiert ist, zieht der Teilnehmer einen Nutzen daraus. Eine Einsicht, die zunehmend ins Wanken gerät. Warum? Ganz einfach: Offenbar gibt es, wenn Menschen zusammentreffen, einen Zusammenhang zwischen Nicht-Kreativität und Alles-im-Griff-Zwang. Harrison Owen beschäftigt sich seit vielen Jahren mit diesem Thema. Sein Gegenmittel: "Vorausplanung im Sinne einer festgelegten Tagesordnung ist überflüssig." So entwickelte er den so genannten Open Space-Ansatz, den er "in fast allen Ländern der Erde in fast allen Branchen und Non-Profitorganisationen zum Einsatz gebracht hat". Das Prinzip ist verblüffend einfach: Die Teilnehmer treffen sich, ohne den weiteren Ablauf zu kennen. Nicht einmal ein Moderator muss anwesend sein. Zunächst werden nur Thema und die verbindlichen Grundsätze der Zusammenkunft bekannt gegeben. Jeder kann daraufhin eine damit zusammenhängende Thematik oder Frage benennen, die er als Kleinworkshop anbietet. Und los geht's!
Der Schock für jeden deutschen Seminarapostel muss, wenn er derlei liest, groß sein. Vor allem bei der Buchstabierung der vier Grundsätze im Einzelnen: "Wer immer kommt, es sind die richtigen Leute." "Was immer geschieht, ist das Einzige, was geschehen kann." "Es fängt an, wenn die Zeit reif ist." "Vorbei ist vorbei." Kurzum: Keine Regeln, keine Grenzen, es zählen nur innere Überzeugung und Integrität. Und "das Gesetz der zwei Füße", das da lautet: "Wenn zu irgendeinem Zeitpunkt der Zusammenkunft irgendein Teilnehmer den Eindruck hat, dass er weder etwas beiträgt noch etwas lernt, sollte er seine beiden Füße benutzen und sie in Bewegung setzen." Fragt sich nur, welches Gedränge in hiesigen Managementseminaren durch Open Space entstehen würde.
So sehr man mit dieser neuen Anarchie "bei Meetings von fünf bis tausend Menschen" auf Anhieb sympathisiert, so ist das ganze metaphysische Brimborium, das Owen dazu mitliefert, ein bisschen zu dick aufgetragen. Leider spannt sich ein manchmal seltsam schimmernder Esoterikschleier über die eigentlich spannende Grundidee. Trotzdem: Mehr als eine Denkanstrengung!
(c) changeX - Online-Magazin für Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft
Kurzbeschreibung
"Es fängt an, wenn die Zeit reif ist..."
Harrison Owen, der Erfinder von Open Space, zeichnet die Entwicklungsgeschichte dieses kreativen Konferenzmodells für Berater und Führungskräfte und alle, die Großveranstaltungen durchführen, nach. Open Space wird heute von den unterschiedlichsten Unternehmen, Institutionen, Kommunen und Organisationen rund um den Globus angewendet."Das Beste waren die Kaffeepausen."
Wer hätte das nicht schon einmal gedacht, nachdem er an...
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