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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDonnerstag, 23. Mai 2013 

Aus der Finsternis geborgen. Erzählungen jiddischer Autorinnen.


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Kategorie: Literatur
ISBN: 3701309930

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Neue Zürcher Zeitung Vom Schtetl in die Neue Welt

Eine Anthologie stellt jiddische Autorinnen vor

Die jiddische Literatur war, wie Kafka einmal schrieb, Volksliteratur, denn sie gründete in der gemeinsamen Lebenspraxis und Lebenserfahrung von Erzähler und Leser und reflektierte ein kollektives, durch das Exil bestimmtes Bewusstsein. Der Talmud, jene Sammlung von Bibelauslegungen, die als Quelle allen Wissens diente, und die jiddische Literatur, die Sammlung weltlicher Geschichten von Juden über Juden, bestimmten die jüdische Kultur in der Diaspora. Das Jiddische, das, mit hebräischen und slawischen Elementen durchsetzt, auf mittelhochdeutschen Mundarten beruht, war als Idiom des osteuropäischen Schtetls «die Sprache des Exils», wie der Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer definierte.

Die jiddische Sprache und mit ihr die Literatur sind der Auswanderung aus der Alten Welt und schliesslich dem Völkermord zum Opfer gefallen. Versuche, das Jiddische künstlich wiederzubeleben, hat es in den letzten Jahrzehnten immer wieder gegeben – immer wieder sind sie fehlgeschlagen. Aber als «toter Sprache» haftet dem Jiddischen ein besonderer Reiz an, der einerseits mit der nostalgischen Verklärung des Schtetls zusammenhängt, andererseits mit der linguistischen Verwandtschaft mit dem Deutschen, dank der die fremde Sprache vertraut erscheint.

Eigene Stimme

Im Gefolge des internationalen Erfolgs von Isaac Bashevis Singer wurden auch die klassischen jiddischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, Mendele Mocher Sefarim, Scholem Alejchem und Isaac Leib Perez, weiter bekannt. Und im Gefolge der Frauenbewegung wurden schliesslich jiddische Schriftstellerinnen der Vergangenheit und der Vergessenheit entrissen: 1994 erschien in einem kanadischen Kleinverlag eine erste Anthologie, die etwa zwanzig Prosatexte, Erzählungen und Romanausschnitte jiddischer Schriftstellerinnen in englischer Übersetzung vorstellte. Ein einleitender Essay der Literaturwissenschafterin Irena Klepfisz, Spezialistin für jiddische Literatur und Mitherausgeberin der feministischen Zeitschrift «Bridges», stellte die Texte in einen literatursoziologischen Kontext; biographische und bibliographische Angaben vermittelten einen Eindruck vom Lebens- und Werdegang der Autorinnen; ein Glossar erläuterte die jiddischen Ausdrücke. Diese Anthologie wollte nicht nur ein unbekanntes Stück Literatur bekannt machen, sondern auch zeigen, dass die jüdische Frau trotz der Benachteiligung durch eine männlich dominierte Tradition eine eigene Stimme hatte. So war der Titel «Found Tresures», «Gefundene Schätze», durchaus programmatisch, und die amerikanischen Rezensent(inn)en würdigten denn auch diese Schätze als Teil einer jiddischen Frauenliteratur, die also die besondere Rolle der Frau in der jüdischen Gemeinschaft des Schtetls, unter den mörderischen Bedingungen der Verfolgung oder in der wiederum prekären Lage von Aus- beziehungsweise Einwanderung reflektierte.

Das Jiddische wurde dabei geradezu zu einer Frauensprache stilisiert, denn anders als Männer durften die Frauen die heilige Sprache der Thora, Hebräisch, nicht lernen. Sie konnten also nicht zwischen der niederen Sprache des Alltags und der höheren des Sabbat wechseln – das Jiddische war ihre einzige Sprache, und weil sie auch keinen Zugang zur Bildung hatten, war ihr Idiom keineswegs an der Literatur geschult. Während Dichter wie Alejchem, Perez oder Sefarim dem Jiddischen literarische Gestalt gaben, begnügten sich Chava Rosenfarb, Rachel Korn, Sarah Hamer-Jacklyn, Miriam Raskin oder Schira Gorschman mit der gesprochenen Sprache als Medium. So sind die Texte der jiddischen Schriftstellerinnen auch ein linguistisches Dokument, weil Einfachheit und Direktheit ihrer Sprache eine Authentizität haben, die dem Jiddischen in der literarischen Ausprägung abhanden gekommen ist.

Reinigung der Handlung

Zum Realismus der Sprache kommt derjenige der Handlung: Familiengeschichten, in denen Weltlichkeit und Orthodoxie aufeinanderstossen; Liebes- und Heiratsgeschichten, in denen sich romantische Wunschvorstellungen gegen die Unbeugsamkeit der Tradition zu behaupten versuchen; Entwicklungsgeschichten, in denen politisches Erwachen zur Selbstfindung führt; Verfolgungsgeschichten, in denen Todesangst und Todessehnsucht ineinander übergehen; Einwanderungsgeschichten, in denen die Neue Welt der Alten entgegengestellt wird – der alltägliche Lebens- und Überlebenskampf der jüdischen Frau im Schtetl, im Lager und in der Emigration sind die Themen dieser Erzählungen. Dabei kommt die Betroffenheit, die sie hervorrufen, nicht so sehr aus der literarischen Ausformung des Stoffes, sondern aus dem Stoff selbst: aus der sexistischen Geringschätzung des weiblichen Nachwuchses, wie in Esther Singer Kreitmans «Die neue Welt», wenn ein neugeborenes Mädchen von der Familie ignoriert wird; aus der Grausamkeit der politischen Verhältnisse, wie in Rachel Korns Erzählung «Der letzte Weg», wenn die jüdischen Familien aufgefordert werden, selber ein Familienmitglied der deutschen Besatzung auszuliefern; oder aus der psychologischen Tragödie, wie in Chava Rosenfarbs «Edgias Rache», wenn die Figur an der «Nachbefreiungshölle» zugrunde geht.

Meistens gehen diese Geschichten auf autobiographisches Material zurück, und auch wenn sie narrative Techniken wie Wechsel der Erzählperspektive, Ich-Erzählung oder Durchdringung der Zeitebenen ausprobieren, bleiben sie mehr Zeugnisse, als dass sie zur Literatur werden – was der Herausgeber der deutschen Ausgabe, Armin Eidherr, in seinem knappen Vorwort auch zugibt. Eidherr, der die Texte aus dem Jiddischen ins Deutsche übersetzt hat, übernahm Auswahl und Anordnung von der kanadischen Ausgabe, so dass die Anthologie etwa hundert Jahre jüdischen (Frauen-)Lebens abdeckt und eine geographische Bewegung vom osteuropäischen Schtetl in die nordamerikanische Neue Welt vollzieht.

Stefana Sabin

Kurzbeschreibung Diese Anthologie jiddischer Frauenliteratur gliedert sich in vier Abschnitte: Die alte Welt; Die neue Welt; Jene, die überlebten, und jene, die umkamen; Das verheissene Land. 18 wenig beachtete Autorinnen hat dieses Buch versammelt, die selbstbewusst und kritisch zu einer hohen literarischen Qualität gefunden haben.


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