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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenMittwoch, 1. Oktober 2014 

Frühling


von Thomas Lehr

Kategorie: Lehr, Thomas
ISBN: 3746621844

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Nachdem Thomas Lehr bereits für sein Debüt Zweiwasser oder Die Bibliothek der Gnade den Rauriser Literaturpreis (Beste deutschsprachige Prosa-Erstveröffentlichung) erhielt und auch seine beiden anderen Romane, Nabokovs Katze und Die Erhörung, lobende Kritiken ernteten, wendet er sich nun mit Frühling einem anderen Genre zu: der Novelle. Ein wichtiges (inhaltliches) Charakteristikum der Gattung Novelle ist nach Goethe die Tatsache, dass sie ein "unerhörtes Ereignis" schildere; auf einer formalen Ebene besticht sie allem voran durch eine stilisierte, strenge Form. Wie geht Lehr nun in seiner Novelle eines -- so viel sei vorweg genommen -- deutschen Traumas mit dieser klassischen Tradition um?

Das Buch beginnt mit einem doppelten Suizid: Christian und seine Geliebte Gucia erschießen sich -- doch bis der Tod des Protagonisten eintreten wird, dauert es noch 39 Sekunden. Diese 39 Sekunden finden ihren Niederschlag in 39 Kapiteln, rückwärts gezählt, und lesen sich zunächst wie ein wild assoziativer Strom aus Erinnerungen an zentrale Lebensereignisse, die in diesem Zwischenreich von Leben und Tod wie ein kurzer Film nochmals vor seine Augen treten. Die Stakkato-Worte sind trunken, die Sätze zerhackt und auch die Interpunktion bietet dem Leser keinen Halt, folgt sie schließlich keinen (erkennbaren, vielleicht rhythmischen?) Regeln. An zentraler Stelle dieses atemlosen, den Leser völlig in seinen Sog ziehenden Monologs, plötzlich ein "unerhörtes Ereignis", ein geradezu traumatisches Erlebnis, um das alles zu kreisen scheint: Es ist ein Sommertag im elterlichen Garten. Christian ist mit seinem Bruder Robert vom Angeln zurückgekehrt, als sie einen (vermeintlich irren) Exhibitionisten vor der eigenen Tür sehen. Die Polizei wird gerufen und sorgt für dessen Entfernung. Robert jedoch weiß, dass der Vater Arzt im Konzentrationslager von Dachau war und gerade von einem seiner Opfer besucht wurde -- ein Wissen, das Robert drei Jahre später in den Selbstmord treiben sollte, in einen Suizid, auf den Christian noch Jahrzehnte wartete, ihn nun vor den Augen des Lesers vollzieht und endlich -- durch permanente Verdrängung -- das Ausmaß seiner Lebenslüge erkennen kann.

Der Leser selbst kann sich dieser Sterbeszene nicht entziehen: All die Schilderungen eines von Verdrängungen und Verletzungen gezeichneten Lebens sind in eine Sprache transferiert, die konsequent die Syntax der Sätze zersplittert, ja mit all ihren Normen zu brechen scheint: Die Bilder driften zusehends ins Apokalyptische ab und offenbaren eine deutsche Tragödie in einer deutschen Novelle von großem (sprach-)experimentellen Ausmaß. --Kristina Nenninger

Kleine Blitze zwischen dunklen Gehirnwalzen
Was uns Lesern hier entgegenwächst, ist ein Sprachzauberer allererster Güte. Denn schon bei Beginn seines Erzählstranges umfängt uns (Lesern) das Gefühl "bekannter Fremdheit", um es einmal vorsichtig auszudrücken. Hier sucht, besser gesagt, hier bestimmt ein Sprachkünstler den Weg, den er zielgrichtet gehen wird. Und wir werden mitgenommen, anfänglich in betörend schrill-verstellten Sätzen, deren Aufbau und Grammatik sich ständig verändern, um nicht zu sagen ersteinmal in die "Irre" führen, dann aber ins Ziel. Dann wieder werden die Sätze auf den ersten Blick sofort verständlich, um sich wieder später zu entflechten. Aber: immer ist alles, beim genussvollen, langsamen Lesen, eindringlich u n d spannend. Das kommt ja auch noch hinzu, diese Leichtigkeit der schwebenden Spannung.

Der in Speyer geborene Thomas Lehr ist mir insbesondere dadurch vertraut, weil auch ich in dieser Stadt, zwar beengt im Internat, aber durchaus angetan vom Flair einer durch und durch vom Katholizismus und Dom beherrschten Umgebung (mit Freunden in der Stadt) vertraut bin und gerne ab und an noch hierher komme. Aber hier, in dieser luftigen, intelligenten, spannend und modern geschriebenen Novelle versteckt sich mehr als nur ein Sprachkünstler. Hier sind, wer sie nur sucht, die "Ostereier" der Kindheit zu finden und die Sehnsucht manches Erwachsenen nach mehr als nur alltäglichem Stoppeln findet oft einen Hafen der Erkenntnis und des Friedens. Das Boot der Erzählung gleitet vielgestaltig mal über ruhige See und dann wieder durch schäumende Gischt. So aber mag auch das Leben sein. Ich finde, diese Novelle ist ein sprachliches Meisterwerk, ein Kleinod zwischen seinen großen Werken.

Einzigartiges Erlebnis
Ich kann dieses Buch nur jedem weiter empfehlen. Es ist mal wieder ein absolutes Meisterwerk von Thomas Lehr. Es werden die letzten 39 Sekunden eines Menschen geschildert. Aber nicht von aussen, sondern von innen, von ihm selbst. Die ganze vielzahl von Gedanken und Geisterblitzen finden hier einen Weg auf das Papier. Und diese 39 Sekunden sind wahrlich sehr schnell vorbei. Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Wem Thomas Lehr schon vorher gefallen hat, wird ihn nun noch mehr mögen. Und für Leute die ihn noch nicht kennen, erfahren die ganzen Möglichkeiten seiner Ausdrucksweisen. Man sollte es gelesen haben.
Lehr, Thomas > Frühling

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