Sade / Surreal.
Aus der Amazon.de-Redaktion
1984 erschien in der verdienstvollen Anderen Bibliothek ein Buch, das schon haptisch überzeugte: Diabolische Geschichten von Jules Barbey d'Aurevilly (1808-1889), ein Autor, der später in André Bretons Anthologie des schwarzen Humors Aufnahme fand. Das literarische Schmuckstück war in rosa Samt eingeschlagen: Da rann einem schon beim Griff ins Bücherregal ein wohlig-surrealer Schauder durchs Gemüt. Derlei taktiler Finesse hat man sich auch bei der Einbandgestaltung des Ausstellungskatalogs Sade surreal bedient, und das ist gut so: Die Finger lesen ja bekanntlich mit. Besonders hübsch illustriert ist das auf dem offenherzigen Gemälde Die Leserin (1853) von Antoine Wiertz oder auf dem anonymen Frontispiz Der Autor aus dem 18. Jahrhundert, auf dem der Verfasser offenbar erotischer Zeilen, umsorgt von einer luziferisch nackten Muse, während der Lektüre an seiner phallisch prall gefüllten Hose nestelt. Beide Bilder schmücken das unzüchtige Innere des rotsamtigen Buchs: Anders als der Titel vermuten lässt widmet sich der von hervorragenden Texten getragene Band also nicht nur der unbestrittenen Vorreiterrolle des "göttlichen Marquis" für den Surrealismus ("Sade ist Surrealist im Sadismus", gestand Breton dem Verfasser von Justine und der 120 Tage von Sodom 1924 zu), sondern auch dem Einfluss seiner erotisch-grausamen Bilderwelt von der "schwarzen Romantik" bis hin zu Klossowski und Pasolini: eine Art bebilderte Dialektik der Aufklärung aus Sicht des literarischen und künstlerischen Boudoirs. Neben den Fingern wird in Sade surreal also auch dem Auge viel geboten: ob der Menge der abgedruckten Kupferstiche, Zeichnungen, Gemälde und Fotografien von Füssli, Kubin, Masson, Bréton, Man Ray, Max Ernst, Hans Bellmer oder Clovis Troille weiß man oft gar nicht, wo man zuerst wegschauen soll. Wo immer einem also Sade surreal in die Hände fällt, sollte man es kaufen: Wohlig-surreale Schauder werden garantiert. --Thomas Köster
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