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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenSamstag, 23. August 2014 

Evolutionäre Erkenntnistheorie


von Gerhard Vollmer

ISBN: 3777612057

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Wie sicher ist unser "Wissen" über die Welt?
Ist die Welt außerhalb von uns so wie sie uns erscheint? Gibt es überhaupt eine von uns unabhängige Außenwelt? Hat der naive Realismus ("Es gibt eine Außenwelt und sie ist so beschaffen wie sie uns erscheint.") oder der Solipzismus ("Es existiert keine Außenwelt!") recht? Können wir überhaupt eine Antwort auf diese Fragen finden; oder bleibt uns nur die Flucht in den radikalen Skeptizismus?
Vollmer bemüht sich all diesen Fragen gerecht zu werden, und die philosophischen Fragestellungen mittels einer naturwissenschaftlichen Theorie - der Evolutionstheorie - zu beantworten. Seine erkenntnistheoretische Position bezeichnet er als "hypothetischen Realismus" ("Wir nehmen an, dass es eine reale Welt gibt, dass sie gewisse Strukturen hat und dass diese Strukturen teilweise erkennbar sind.").
Erkenntnis kommt nun folgendermaßen zustande: Signale und Reize der Außenwelt überfluten den Menschen. Einige dieser äußeren Reize werden sinnesspezifisch verarbeitet. Anhand dieser Daten nimmt unser Erkenntnisapparat eine hypothetische Rekonstruktion der Außenwelt vor.
Unser Erkenntnisapparat (re-)konstruiert also die Außenwelt und schafft in uns ein Bild derselben. Die Annahme, dass dieses Bild in uns tatsächlich mit der realen Außenwelt zumindest teilweise übereinstimmt, resultiert aus der Tatsache, dass sich der menschliche Erkenntnisapparat im Laufe der Evolution, in Anpassung an die Umwelt entwickelt hat. Das, was wir wahrnehmen muss zumindest "überlebensadäquat" mit den Strukturen der realen Welt übereinstimmen. D.h.: Wenn unsere Wahrnehmung der Welt nicht auf die Strukturen der realen Welt "passen" würde, dann hätte die Gattung Mensch nicht überleben können.
Vollmer argumentiert also dafür, dass jeder Mensch angeborene (oder verbbare) Strukturen der Erkenntnis besitzt. Der menschliche Geist ist also nicht die "tabula rasa" des Empiristen, sondern es gibt etwas dem kantischen "synthetischen Apriori" ähnliches.

Vollmers Argumentation ist interessant, zuweilen geistreich und mit vielen Exkursen in die Naturwissenschaften und in den Bereich der Wissenschaftstheorie angereichert. Am Ende räumt seine Argumentation aber leider nicht die Zweifel des Skeptikers aus. Seine Plausibilitätsüberlegungen wirken zuweilen zwar einleuchtend und es gibt wahrscheinlich ohnehin niemand außer den Philosophen, der wirklich an der Existenz der Außenwelt zweifelt, doch eine schlüssige Argumentation, die das Bejahen der Außenwelt zu einem Gebot macht, sucht man hier vergeblich. Zudem krankt Vollmers Argumentation daran, dass er ständig auf der Basis von Annahmen argumentiert, die ihrerseits noch zu beweisen wären und bestenfalls mit dürftigem Datenmaterial unterfüttert sind. So bleibt oft nur die Berufung auf Autoritäten (wie Kant oder Chomsky), die nicht immer überzeugend wirkt.
Mein Fazit: 4 Sterne für einen fruchtbaren, aber wissenschaftstheoretisch nicht immer gelungenen Versuch, die Existenz einer realen Außenwelt zu beweisen.

Interessante Begegnung von Philosophie und Naturwissenschaft
Gerhard Vollmer ist Physiker und Philosoph, und genau diese Mischung aus harter Naturwissenschaft und der philosophischen "Meta-Betrachtung" macht die von ihm maßgeblich mitentwickelte "Evolutionäre Erkenntnistheorie" aus. Fragen nach den Grenzen und Möglichkeiten menschlicher Erkenntnisfähigkeit werden von zwei Seiten in Angriff genommen. Da ist zum einen die philosophische Entwicklung in der Erkenntnistheorie - Namen wie Hume und Kant dürften dem philosophisch Vorgebildeten bekannt sein. Zum anderen wird die immer stärker werdende Relevanz des Evolutionsprinzips durch Mutation und Selektion in den Naturwissenschaften auf menschliche Kognition und Wahrnehmung angewendet.

Wo berühren sich nach Meinung Vollmers diese beiden Ansätze? Beide stellen sich die Frage, in welchem Verhältnis (objektive) Realität und (subjektive) Wirklichkeit zueinander stehen, wie gut oder schlecht das "Bild", was wir uns von der Welt machen, tatsächlich passt. Hier stellt Vollmer die Frage, warum sich gerade unser spezieller komplexer Denk- und Wahrnehmungsapparat im Laufe der Evolution durchsetzen konnte, bzw. sich vergleichbare Sinnesorgane unabhängig voneinander bei verschiedenen Spezien entwickelt haben. Seine Grundargumentation lautet: "Unser Erkenntnisapparat ist ein Ergebnis der (biologischen) Evolution. Die subjektiven Erkenntnisstrukturen passen auf die Welt, weil sie sich im Laufe der Evolution in Anpassung an diese reale Welt herausgebildet haben. Und sie stimmen mit den realen Strukturen (teilweise) überein, weil nur eine solche Übereinstimmung das Überleben ermöglichte."

Dies ist der Kern des Forschungsprogramms der Evolutionären Erkenntnistheorie und Vollmer belegt seine Idee mit Beispielen und Befunden aus diversen Disziplinen, etwa der Biologie, der (Kognitions-)Psychologie, der Philosophie und speziell der Wissenschaftstheorie. Dabei scheut er sich nicht, sich mit Kant einzulassen.

Natürlich kann hier nicht detailliert auf die raffinierten Argumentationen Vollmers eingegangen werden, Gleiches gilt für die erkenntnistheoretischen Schwierigkeiten, die diese Verquickungen und zirkulären Begründungen mit sich bringen. Interessante zu überprüfenden Hypothesen werden jedenfalls abgeleitet, und der recht junge Zweig der Neurowissenschaften dürfte auch heutzutage einen breiteren Raum einnehmen. Lohnenswert ist die Auseinandersetzung mit Vollmers Ausführungen allemal. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
Siehe auch:

> Evolutionäre Erkenntnistheorie
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