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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDienstag, 3. März 2015 

Stromhandel. Institutionen, Marktmodelle, Pricing und Risikomanagement


von Jörg Borchert

Kategorie: Handel
ISBN: 3791025422

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Viel Wissen, ausfĂŒhrlich wiedergebeben.
Das Buch bietet (in deutscher Sprache!) einen umfassenden Überblick ĂŒber Theorie und Praxis des Stromhandels. Besonders der große Theorieteil bietet eine reichhaltige Anzahl an Konzepten und Techniken. Außerordentlich hervorzuheben ist dabei, dass dies alles anhand einer klaren Strukturierung der Gesamtthematik in die Themenblöcke Modellierung, Pricing und Risikomanagement geschieht. Ausgehend von grundlegenden Basics wie einfachen Randomwalks wird das Spektrum sukzessive erweitert. Selten auftauchende fehlende mathematische Herleitungen lassen sich meist schnell durch die Zuhilfenahme einer guten Begleitliteratur (z.B Hull) eliminieren.
Recht gut nachvollziehbar werden auch schwierige Exoten-Themen wie die Bewertung von Swing-Optionen besprochen, wobei man sich nicht auf das ĂŒbliche theoretische Wissen beschrĂ€nkt. Die empirische konzeptanalyse an nahezu allen Stellen ist besonders hervorhebenswert. Eine Empfehlung fĂŒr jeden, der Orientierung im Dschungel der Konzepte sucht und praktisch mit Stromhandel zu tun hat.

Gutes Fachbuch fĂŒr Energieexperten
Im deutschen Energiesektor kommt der Wettbewerb nur langsam in Gang. Obwohl die Liberalisierung schon 1998 begonnen hat, entwickeln sich die MĂ€rkte fĂŒr Energie nur zögerlich. Am weitesten ist der Handel mit Strom an der Strombörse in Leipzig vorangekommen. Die Autoren dieses Buches arbeiten fĂŒr die Stadtwerke Leipzig und kennen den Handelsplatz daher aus eigener Erfahrung. Bis ins mathematische Detail hinein stellen sie die handelbaren Stromprodukte, die Marktgepflogenheiten und Modelle vor. Bei dieser sehr praxisbezogenen finanzmathematischen Darstellung, die sich an Insider des Strommarktes richtet, fehlt allerdings der Blick aufs große Ganze, auf die Perspektiven der Branche. Wir empfehlen dieses Buch Energieexperten, die wissen wollen, wie Sie die Chancen des deregulierten Strommarktes nutzen und die Risiken beherrschen können.

Gutes Thema - Schwache Umsetzung
Das Buch behandelt ein Thema, das vielen Energiewirtschaftlern auf den NĂ€geln brennt: Marktmodelle in liberalsierten EnergiemĂ€rkten und hier primĂ€r die Stromwirtschaft. Das Buch hat die StĂ€rken in den allgemeinen und nicht mathematischen EinfĂŒhrungen in das Thema, kann aber hier nicht an das Standardwerk dieser Branche "Risikomanagement" von Claus Bergschneider heranreichen. Nervig ist die konsequent falsche Bezeichnung des Börsenproduktes "Futures" - er wird in dem Buch grundsĂ€tzlich Future (sic) genannt. Die wichtige finanzmathematische Abgrenzung zwischen einem Futures und einem Forward fehlt.

Das eigentlich interessante Thema, die mathematische Modellierung von stĂŒndlichen Spot-Preisprozessen steht auf wackeligen Beinen. Die sehr wichtige SaisonalitĂ€t wird mit einer PCA ermittelt und die Faktorladungen dieser PCA werden stochastisch modelliert. Momentan ist es aber Stand der Technik den logarithmierten Preisprozeß als Summe einer Saisonfunktion und eine stochastischen Komponente zu betrachteten. Insofern stellt der in diesem Buch dargestellte Ansatz ein Novum dar und der lakonische Hinweis, dass Nichthandelstage der EEX (Strombörse in Leipzig) zusĂ€tzlich mit einer Regression berĂŒcksichtigt werden mĂŒssen, hilft nicht wirklich weiter. FĂŒr mich war das Verfahren in letzter Konsequenz nicht nachvollziehbar und weitere und detailiertere ErklĂ€rungen von Nöten gewesen. Eine Bewertung und ein statistischer Vergleich der Ergebnisse fehlt.

An anderer Stelle besprechen die Verfasser die risikoneutrale Welt im Zusammenhang mit risikoneutralen Wahrscheinlichkeiten. Dabei handelt es sich nach meiner Meinung um reale Wahrscheinlichkeiten, die mit einem risikoneutralen Zinssatz diskontiert werden. Im Gegensatz dazu werden in einer Welt die nicht risikoneutral ist, die risikoneutralen Wahrscheinlichkeiten diskontiert. Ein kleiner und feiner Unterschied, der Newcomern oft Probleme bereitet. Hier sollten interessierte Leser lieber das Standardwerk von Hull zu Rate ziehen an dessen mathematische Herleitung sich die Autoren ohnehin angelehnt haben. Hull trifft die verbalen ErklÀrungen aber wesentlich besser. Eine Referenz an das zentrale Theorem von Girsanov fehlt in diesem Zusammnehang vollkommen. Dem Leser wird eine Menge Recherche-Arbeit bevorstehen, wenn er das Thema wirklich fassen und verstehen möchte.

Last but not Least eine typische SchwĂ€che von BĂŒchern dieser Art: Einfache und triviale Themen werden ad nauseum besprochen. Die EinfĂŒhrung der Brownschen Bewegung wird z.B. so ausfĂŒhrlich behandelt, dass man die entsprechenden Seiten unweigerlich ĂŒberschlĂ€gt. An anderen Stellen werden dann aber wichtige Themen wie z.B. das ITO-Calculus (wer kennt das schon) lediglich mit einem Satz eingefĂŒhrt und ohne weitere ErklĂ€rungen benutzt. Wie ein Leser, dem im Buch zunĂ€chst wirklich grundlegende mathematische Axiome vermittelt werden, plötzlich die Welt des ITO-Calculus begreifen soll bleibt mir schleierhaft.
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