Narzissmus. Grundlagen - Störungsbilder - Therapie
 | von Otto F. Kernberg
Kategorie:
Psychiatrie ISBN: 3794522419 | Nur Mut. Warum soll ein interessierte Laie, wie es der Rezensent ist, über das 750-seitige Buch von Kernberg und Hartmann etwas Sinnvolles schreiben können? Die Antwort ist einfach: Das Werk bietet, neben der Darstellung des hochkomplexen psychoanalytischen Forschungsstandes, einen hervorragenden Einblick in verständlicher Sprache, wie ein narzisstisch gestörter Mensch denkt, fühlt und sich verhält. Das Leiden der Patienten wird ebenso deutlich, wie die Schwierigkeiten und sogar Grenzen, die in der psychoanalytischen Behandlung auftreten können.
Der Begriff Narzissmus" ist in aller Munde und wenn wir ihn gebrauchen, so denken wir an einen selbst verliebten Menschen, jemand, der sich in den Vordergrund spielt, von sich übermäßig überzeugt ist und andere ausbeutet. Das ist die eine Seite der Medaille. Doch damit ist es nicht getan. Die international renommierten Autoren, die vor allem aus Amerika und Deutschland kommen, allen voran Forscher wie Otto Kernberg, und Praktiker kommen zu Wort und nehmen den Leser mit auf eine Reise, die das Erleben der eigenen Person und der Umwelt eines narzisstisch gestörten Menschen plastisch machen. Das geschieht auf eine sehr unprätentiöse Art und Weise.
Durch Fallbeispiele wird dem Leser erklärt, wie das Denken und Fühlen narzisstisch gestörter Menschen beeinträchtig ist. Damit werden die Qualen deutlich, die ein Patient durchmacht, getrieben auf der Suche nach Selbstbestätigung. Das Selbstwertgefühl ist ständig bedroht durch äußere Einflüsse, sei es durch die Kritik der Mitmenschen oder dadurch, dass negative Erlebnisse die ganze Person in Frage stellen. Durch Abwertung anderer wird versucht das Selbstwertgefühl zu regulieren. Dazu ist sehr erhellend das Kapitel von Frederick Rhodewalt und Carolyn Morf, die das Paradoxon des Narzsimuss erklären und ein selbstregulatorisches Prozessmodell entwickeln". Vereinfacht gesagt, bewirkt der narzisstisch gestörte Mensch mit seinem ausbeuterischen und egozentrischen Verhalten, genau das Gegenteil dessen, was er sucht. Statt Empathie von seinen Mitmenschen, erfährt er Ablehnung. Statt Bewunderung zu erhalten, wird er von den Menschen gemieden. Menschen die vom Patienten bewundert und idealisiert werden, sind ausschließlich dazu da, die eigene Bedeutung hervorzuheben. Zeigt sich das Idol menschlich" mit all seinen Fehlern, wird es still oder ganz direkt vernichtet".
Weil der Patient dies als eigene Kränkung erlebt oder nun völlig desillusioniert ist, geht die Suche nach dem Idealen und nach Identifikation von vorne los.
Viel Platz nimmt zugegebenermaßen die Darstellung der Entwicklung der psychoanalytischen Forschung zum Narzissmus seit Freud ein. Und auch die verschiedenen Schulen innerhalb der Psychoanalyse zu dem Thema werden vorgestellt. Das ist in der Tat schwere Kost für einen Laien.
Dagegen sind beispielsweise die Kapitel wie sich Narzissmus bei Politikern manifestiert sehr erhellend. Ein Kapitel widmet sich der Frage, ob wir in einer narzisstischen Welt leben. Ebenso wird ausführlich und leicht verständlich dargestellt, wie verloren der narzisstisch Gestörte sich in Liebesbeziehungen fühlen kann. Professor Friedemann Pfäfflin, Lehrstuhlinhaber für Forensik and der Uni Ulm, beschreibt das Abdriften in sexuelle Perversionen. Und der Amerikaner Michael Stone widmet sich in seinem Beitrag dem Narzissmus und Kriminalität. Dabei stellt er berühmte Fälle der amerikanischen Kriminalgeschichte vor, unter anderem den von Dorothy Puente, die 25 Personen ermordete. Paulina Kernberg beschreibt, durch welche ungünstige Voraussetzungen sich krankhafter Narzissmus in der Kindheit entwickeln kann und geht auf Therapiemöglichkeiten ein. Schließlich ist Otto Kernbergs Beitrag über den nahezu unbehandelbaren Patienten" mit sehr viel Demut geschrieben. In diesem Beitrag schildert Kernberg, diesmal aus der Sicht des Praktikers, wie Patienten, die zusätzlich zu einer schweren narzisstischen Persönlichkeit noch ein antisoziales Verhalten an den Tag legen, therapeutisch schwer zu erreichen sind. Das mag daran liegen, dass sie inhaftiert sind oder waren und dadurch ihre Moralvorstellungen noch weiter abgebaut haben. Eine ungünstige Prognose gibt Kernberg auch jenen Patienten, die Drogen- und Alkoholmissbrauch betreiben. Subtiler, aber deshalb nicht weniger ungünstig bezeichnet Kernberg Pathologien von Persönlichkeiten, die ein sozial-parasitäres Verhalten an den Tag legen, wie beispielsweise eine gewisse Gruppe unter den Sozialhilfeempfängern. In diesem Zusammenhang spricht Kernberg vom sekundärem Krankheitsgewinn". Will heißen, der Patient macht seine Umwelt für seine Probleme verantwortlich. Ihm gelingt es nicht zu erkennen, dass Eigenverantwortung eine Chance bietet, ein zufriedeneres Leben zu führen. Schließlich weist Kernberg noch auf solche Patienten hin, die in der psychoanalytischen Behandlung, die therapeutische Beziehung zerstören. Ausgehend von der Tatsache, dass narzisstisch schwergestörte Menschen nicht in der Lage sind Empathie an den Tag zu legen, geschweige denn sie von anderen Menschen anzunehmen, wird derjenige versuchen den Therapeuten, der ihm Verständnis entgegenbringt, zu entwerten, weil er seine wahren" Gefühle und damit den Kern seiner Kränkung anspricht. Dazu will, so Kernberg, der Patient nicht wahrhaben, dass er vom Psychoanalytiker abhängig ist, so wie er generell nicht wahrhaben will, dass er von stabilen zwischenmenschlichen Beziehung abgängig ist. Bleibt festzustellen, dass Hartmann und Kernberg ein auch für Laien sehr schönes und interessantes Werk herausgegeben haben, das die menschliche Interaktion insgesamt verständlicher macht. Es regt zum nachdenken an und die ausführlichen Literaturhinweise bieten viele Vertiefungsmöglichkeiten an. Das Werk eignet sich sicherlich nicht dazu, es von vorne bis hinten durchlesen. Vielmehr kann man einzelne Kapitel unabhängig voneinander lesen. Hervorzuheben ist auch die exzellente Übersetzung der englischen Beiträge von Petra Holler.
Siehe auch:|
Psychiatrie > Narzissmus. Grundlagen - Störungsbilder - Therapie |
|