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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenMittwoch, 19. Juni 2013 

Lateinischer Faschismus. Über Carl Schmitt - den Römer und Katholiken.


von Richard Faber

Kategorie: Faschismus
ISBN: 3825702286

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Neue Zürcher Zeitung
Kronjurist und Ewiger Römer?

Neue Studien zu Carl Schmitt

Auf der letzten Station seiner an Brüchen so reichen Karriere ist Carl Schmitt zum Zankapfel der Disziplinen geworden. Nachdem lange Zeit seine Herkunftswissenschaft das Auslegungsmonopol behauptet hatte, wurde 1986 auf dem legendären Speyerer Symposion die Devise ausgegeben, es gelte endlich, Schmitt den Juristen zu entreissen. Das hatte Erfolg. Für ein gutes Jahrzehnt waren es vor allem Philosophen, Literaturwissenschafter und Theologen, die dem Werk neue Aspekte abgewannen. Seit kurzem strecken nun auch die Historiker ihre Hände nach ihm aus. Kindheit und Jugend des Streitobjekts werden rekonstruiert, seine Aktivitäten in der Endphase der Weimarer Republik analysiert, seine Wirkungen in der zweiten Nachkriegszeit thematisiert.

Nationalsozialismus

In die Reihe der Bemühungen, Carl Schmitt als historische Figur zu behandeln, fügt sich auch das Buch von Dirk Blasius über Schmitt im Dritten Reich. Sein Hauptinteresse geht dahin, die Mittlerstellung Schmitts zwischen den alten «nationalkonservativen» Eliten und der neuen, nationalsozialistischen Führungsschicht zu beleuchten, ihn als Repräsentanten jener Gruppen kenntlich zu machen, die mit Hitler kooperieren zu können glaubten und dabei zu dessen Vasallen wurden. Schon beim «Preussenschlag», so die These, habe Schmitt ein Doppelmandat wahrgenommen, indem er sowohl das Vorgehen Papens gegen das demokratische Preussen verteidigt als auch alles unternommen habe, die Nationalsozialisten vom Odium des Verfassungsfeindes zu befreien. Später habe er, etwa durch seine Mitwirkung bei den beiden Gleichschaltungsgesetzen vom Frühjahr 1933 oder durch seine Parteinahme für die Reichswehr im Konflikt mit der SA, die nationalsozialistische Machtergreifung vorangetrieben und dabei immer wieder den «Konservativen» Sinnangebote gemacht, um sie als Mitstreiter zu gewinnen. Seine wichtigste Funktion sei es gewesen, die Fassade eines autoritären Staates aufrechtzuerhalten, mit deren Hilfe Bürokratie und Armee über das wahre Wesen des NS-Systems hinweggetäuscht und zur Kooperation bewogen wurden.

Als Aussage über die objektive Wirkung der Tätigkeit Schmitts kann man das akzeptieren. Problematisch wird es dort, wo Blasius darüber hinausgeht und eine subjektive Affinität Schmitts zum Nationalsozialismus unterstellt. Dass Schmitt als «der einflussreichste Interpret der NS-Herrschaft» agiert habe, wird nur behauptet, nicht bewiesen. Dass er wenn schon kein Rassenhygieniker, so doch ein «Vordenker der ‹Praxis› der Rassenhygiene» gewesen sei, wird einzig mit der von Schmitt 1933 bereitgestellten Maxime belegt, wonach die Grundsätze des Nationalsozialismus für die Anwendung und Handhabung der Generalklauseln durch die Justiz verbindlich seien. Tatsächlich hat Schmitt damit nur zwei Leerformeln kurzgeschlossen, von denen die eine, der Nationalsozialismus, eine ganze Bandbreite von Positionen enthielt, über deren Status erst durch die konkreten Machtverhältnisse zwischen den verschiedenen Fraktionen der NSDAP entschieden wurde. Ob darunter auch die Rassenhygiene, und wenn ja: welche ihrer Strömungen, sein würde, war, als Schmitt seine Leitsätze schrieb, nicht absehbar.

Rein rechtslogisch betrachtet, öffnete Schmitt übrigens nicht weniger der von Röhm favorisierten (und von ihm, Schmitt, perhorreszierten) «Revolution in Permanenz» die Bahn ins Recht, so dass auch von hier aus eine subjektive Affinität in Frage gestellt werden muss. Man kann Schmitt vorwerfen, das Recht der politischen Programmatik unterworfen zu haben. Ihm eine Option für sämtliche Facetten dieser Programmatik zu unterstellen, geht zu weit.

Katholische Kirche

Gleichwohl: Wegen der Fülle der in ihm enthaltenen Informationen, der Klarheit und Sachkundigkeit der Darstellung ist dieses Buch auch für denjenigen von Wert, der manche seiner Deutungen nicht teilt. Genau dies kann man von der zweiten Neuerscheinung nicht sagen, die Carl Schmitt als Vertreter eines «lateinischen Faschismus» vorstellt. Richard Faber ist ein verspäteter Voltairianer, der das écrasez l'infâme nicht mehr nur auf die katholische Kirche, sondern auf alle Varianten «politischer Religion» erstreckt wissen will, vom römischen Cäsaropapismus über die Theokraten der Restaurationszeit und die positivistische «Soziokratie» bis hin zu den diversen Faschismen der Action Française, Mussolinis und Hitlers.

Die Vorgaben dafür stammen von Ernst Niekisch und August Thalheimer. Von dem einen übernimmt Faber die Behauptung, der Faschismus habe sein eigentliches Vorbild in der Papstkirche als der Synthese von Cäsarismus und Messianismus, von dem anderen die Gleichung Faschismus = Bonapartismus = Cäsarismus; beides zusammen ergibt die These, dass sich Katholizismus und Nationalsozialismus nur als Unterfälle einer Gattung, «innerhalb einer vorgängigen Identität» unterscheiden liessen; woraus wiederum folgt, dass «selbst der katholische ‹Widerstand› gegen den deutschen Faschismus ein faschistischer war». Irgendwelcher Nachweise dafür, dass Carl Schmitt für den Nationalsozialismus eingetreten ist, bedarf es bei solchen Prämissen nicht mehr. Es reicht, ihn als Katholiken, als «Römer» zu entlarven, was von Faber immerhin, es sei zugegeben, mit einiger Überzeugungskraft geleistet wird.

Das Böse in der Geschichte?

Planierraupen sind nützliche Geräte, aber nicht für alle Zwecke gut. Was wird hier nicht alles eingeebnet, was es doch gerade auseinanderzuhalten gälte: die Differenz zwischen einer zweitausend Jahre alten Institution, die eines der erfolgreichsten Beispiele in der Geschichte für die Veralltäglichung des Charismas darstellt, und einem Regime, das an eben dieser Aufgabe auf katastrophale Weise gescheitert ist; die Differenz zwischen dem Cäsarismus als einer aus der traditionalen Honoratiorenherrschaft einer aristokratischen Republik hervorgehenden Herrschaftsform und dem modernen Phänomen einer demokratischen Diktatur, wie sie unter Napoleon III. verwirklicht war; die Differenz zwischen der letzteren als einer plebiszitär abgestützten charismatischen Monokratie, die mittels eines rational-bürokratischen Verwaltungsstabes herrschte, und dem NS-Regime, unter dem die Proliferation «führerunmittelbarer» Sonderexekutivorganisationen zu einer fluiden und unsteten Konfiguration führte, in der die Rationalität bürokratischer Herrschaft immer weiter zurückgedrängt und schliesslich zerstört wurde.

Von alledem weiss Faber nichts. Für ihn ist Carl Schmitt nur der Anlass, dem Bösen in der Geschichte auf die Spur zu kommen, das für ihn mit dem «Ewigen Römer» identisch ist. Und so gräbt er sich wie der Hegel'sche Maulwurf in die Geschichte ein und durchpflügt sie in umgekehrter Richtung: von Adenauer und Franz-Josef Strauss über Franco und Salazar, Friedrich II. von Hohenstaufen und Konstantin, um endlich bei Romulus und Remus zu landen. Die naheliegende Frage, was diese Unheilsserie angestossen hat, bleibt leider unbeantwortet. Vorschlag zur Güte: Es könnte die Wolfsmilch gewesen sein, womit man auch gleich die Brücke zum Hobbes-Axiom hätte, das unter Schmitt-Exegeten so beliebt ist: Homo homini lupus . . .

Stefan Breuer

Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 03.07.2001
In einer Doppelrezension bespricht Stefan Breuer zwei Bücher, die sich mit Carl Schmitt und seiner Rolle im Nationalsozialismus befassen.
1.) Dirk Blasius: "Carl Schmitt. Preußischer Staatsrat in Hitlers Reich" (Vandenhoeck und Ruprecht)
Nach Breuers Diagnose geht es dem Autor hier vor allem darum, Schmitts Mittlerstellung "zwischen den alten 'nationalkonservativen' Eliten und der neuen, nationalsozialistischen Führerschicht...


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