Neue Zürcher Zeitung
Lebenszeugnis mit Folgen Eliseo Alberto: «Rapport gegen mich selbst»
«In Kuba ist die Politik überall, nur nicht in der Politik.» Der Kalauer des kubanischen Historikers und Literaturkritikers Rafael Rojas lässt sich durchaus auf den Inhalt wie auch auf die Begleitumstände des Erscheinens von «Rapport gegen mich selbst» übertragen. Dessen Verfasser, der 1951 in Havanna geborene Eliseo Alberto, gehörte in den achtziger und frühen neunziger Jahren als Journalist, Literat und Drehbuchautor (u. a. «Guantanamera») zu den geschätzten und anerkannten Figuren des kulturellen Lebens auf
der Insel. Über mehrere Jahre pendelte er als «temporärer Emigrant», wie so viele andere seiner Landsleute, zwischen Kuba und dem Ausland vornehmlich Mexiko hin und her.
Mit dem Erscheinen von «Rapport gegen mich selbst», der 1997 im Original («Informe contra mí mismo») von einem spanischen Verlag publiziert wurde, hat sich dies grundlegend geändert; die kubanischen Behörden verweigern seither dem Schriftsteller die Erlaubnis, nach Kuba einzureisen. Eliseo Alberto teilt damit das Schicksal seiner bei uns wesentlich bekannteren Literatenkollegen Zoé Valdés und Jesús Díaz; auch sein Buch trägt den Stempel der «Dissidentenliteratur». Zu Unrecht. «Rapport gegen mich selbst», eine eigenwillige Mischung aus Autobiographie, politischem Essay, Briefroman und Pamphlet, ist keine hasserfüllte Abrechnung mit Castros bankrotter Diktatur wie Zoé Valdés' «Das tägliche Nichts» und auch kein bitterer Rückblick auf eine durch die Mitarbeit im System verlorene Jugend wie etwa Jesús Díaz' «Die verlorenen Worte». Eliseo Albertos «Rapport» ist vielmehr ein gelungener Versuch, die vergangenen vierzig Jahre der kubanischen Geschichte in ihrer ganzen Verworrenheit und Komplexität zu betrachten und dabei stets sich selber als Teil und nicht nur als Zuschauer des Dramas zu begreifen.
Ausgangspunkt von Albertos Buch ist das Jahr 1978. Damals durften erstmals seit 1959 wieder Exilkubaner besuchsweise auf die Insel zurückkehren. Die militärischen Vorgesetzten des Offiziers Eliseo Alberto, Sohn des berühmten Poeten Eliseo Diego, befahlen dem eingeschüchterten Reserveleutnant aus diesem Anlass, zuhanden der Staatssicherheit einen detaillierten Bericht über seine Familie und deren Kontakte nach dem Ausland zu verfassen. Mit dem Bekenntnis, nie besonders mutig gewesen zu sein, macht sich der Ich-Erzähler an die Arbeit. Auf den folgenden dreihundert Seiten vermischt Alberto dann in einer aus zwölf Kapiteln bestehenden Collage persönliche Anekdoten mit politisch-philosophischen Betrachtungen, verbindet Auszüge aus Briefen von Freunden aus Kuba und dem Exil mit der Erörterung historischer Ereignisse im «revolutionären» Kuba und mixt Slogans der Regierungspropaganda mit Textzeilen aus der populären Musik. Entstanden ist so ein durchwegs spannend zu lesender Text voller Witz und Wehmut, der stets auch durch seinen sprachlichen Rhythmus überzeugt.
Geri Krebs
Eliseo Albertos Buch wird am 4. Juli im Zürcher Kino Xenix vorgestellt; im Anschluss ist der kubanische Film «Alicia en el pueblo de maravillas» zu sehen (Beginn 15 Uhr).