Studium, Ausbildung und Beruf

web uni-protokolle.de
 powered by
NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenMontag, 23. Oktober 2017 

PolyPlay


von Marcus Hammerschmitt

ISBN: 3886199746

Kommentar abgeben
Wir schreiben das Jahr 2000, zehn Jahre nach der Wende. Bei der Untersuchung des ausgesprochen gewaltsamen Todes, der den computerfanatischen Jungen Michael Abusch ereilt hat, gerät Kommissar Kramer mit der Staatssicherheit aneinander, die den Fall an sich ziehen möchte. 2000? Stasi? Stimmt genau, denn Polyplay ist ein klassischer Alternativweltroman -- die Wende ist umgekehrt verlaufen, und die BRD wurde an die DDR angeschlossen, nachdem der kapitalistische Westen in einer Wirtschaftskrise zusammengebrochen war.

Abgesehen von dieser Prämisse liest sich der Roman auf den ersten hundert Seiten wie ein typischer Berlin-Krimi. Polyplay schildert deprimierend deutsche Verhältnisse, die ständig zwischen Großstadtschmutz und gelecktem Bürokratismus schwanken. Die Groß-DDR erscheint verglichen mit der realexistierenden BRD weder wünschenswert noch Schrecken erregend. Die Unterschiede stecken eher im Detail: Da wird zum Beispiel erwähnt, dass die öffentlichen Verkehrsmittel im sozialistischen Berlin konkurrenzlos billig sind, oder die Protagonisten ärgern sich über die Wessi-Altreichen. Nazischläger sind im realsozialistischen Gesamtdeutschland ebenso präsent wie in der BRD-Wirklichkeit -- nur kommen sie bei Polyplay normalerweise aus dem Westen. Sogar unser aktueller Außenminister bleibt uns in Hammerschmitts Roman erhalten.

Kommissar Kramer tappt immer ratloser durch diese Welt und sucht nach Antworten. Sein Fall wie auch sein Privatleben entgleiten ihm zunehmend. Nach und nach verliert er nicht nur das Vertrauen in seine Freunde und Kollegen, sondern auch das in seinen Sinn für die Wirklichkeit. Als Leser kann man Kramers Ratlosigkeit und später sein verbittertes Aufbegehren voll und ganz nachfühlen. Das furios-verblüffende Finale sollte schließlich auch jene zufrieden stellen, die von Hammerschmitt SF-lastigere Kost erwarten. Polyplay ist ein im besten Sinne kritisches Buch, das bei allem Pessimismus nie ganz die Hoffnung auf eine zumindest ansatzweise bessere Welt aus den Augen verliert. Mitdenken und mitfiebern -- Hammerschmitt at his best! --Jakob Schmidt

Fängt langsam an, aber dann!
Zugegeben, durch die ersten Seiten habe ich mich durchgekämpft, da konnte selbst die klassische Leiche am Anfang des Utopie-Krimis nicht so recht in die Geschichte reinziehen. Eine scheinbar im Nichts stehende "Jonasklage", die vielen Abkürzungen, die, wenn sie einem nicht geläufig sind, einfach ein wenig das flotte Lesen bremsen, das Müller-Lohmann-Prinzip etc. Aber dann schafft es Hammerschmitt, die Handlung nach und nach so in Schwung zu bringen, dass man das Buch einfach nicht mehr weglegen kann. Ich habe es in einer sehr langen Nacht und einem halben Tag verschlungen. Spannend bis zum überraschenden Ende - und beim Schluss ist mir beim Aha-Erlebnis die Kinnlade runtergelappt.

Deutsche Demokratische Matrix
Zwei Ideen, die nicht neu, aber durchaus reizvoll sind:"Was wäre, wenn nicht die BRD die DDR geschluckt hätte, sondern das wiedervereinte Deutschland unter sozialistischen Vorzeichen stände?" und "Was wäre, wenn unser Leben nichts als eine Lüge wäre und wir alle nur Figuren in einem gigantischen Computerprogramm?". Hammerschmitt kombiniert die beiden Ansatzpunkte und hat damit schon fast gewonnen. Er läßt seinen Protagonisten Rüdiger Kramer in einem rätselhaften Mordfall ermitteln, der ihn immer tiefer verstrickt in Ungereimtheiten seiner eigenen Existenz und seiner Umgebungswelt. Kramer steht auf der "Sieger"seite der Wiedervereinigung. Interessanter und ergiebiger für Seitenhiebe auf unsere bundesrepublikanische Wirklichkeit wäre es wohl gewesen, ihn im unterlegenen Westen agieren zu lassen. Der Schluß des Romans bleibt blaß und läßt den Leser etwas unbefriedigt zurück, denn die Beweggründe der "Götter", der Spieler des Computerspiels, bleiben unklar und überzeugen nicht genug. Vielleicht entführt uns Hammerschmitt mit dem nächsten Buch wieder in ferne Zukünfte und Welten; da kann er seine starke Fabulierkunst wieder besser ausspielen.

auferstanden aus Ruinen
Kriminaloberleutnant Kramer muß einen neuen Fall übernehmen. Ein Jugendlicher wurde ermordet und die Umstände sind alles andere als appetitlich. Hinzu kommt, daß sich der Fall schon frühzeitig zu einem Politikum zu entwickeln scheint. Kramer ist darüber nicht besonders glücklich. Er wird von verschiedenen Stellen unter Druck gesetzt. Doch was er herausfindet, ist irgendwie nicht das, was seine Vorgesetzten hören wollen.
Eigentlich beginnt die Geschichte wie ein Krimi. Allerding fällt schon früh auf, daß Ort, Zeit und Gesellschaftsstruktur irgendwie nicht stimmen können. Marcus Hammerschmitt hat eine äußerst interessante Alternativwelt geschaffen, in der die deutsch-deutsche Wende und Wiedervereinigung anders verlief, als wie wir es kennen. Das ist gewagt, anspruchsvoll und wohl auch gnadenlos überspitzt. Aber der Autor hat es bravorös geschafft, daß die Geschichte trotzdem rund wirkt. Alles paßt gut zusammen, und die Handlung fesselt sehr. Und das Finale hat es auch in sich. Die Sprache wirkt stellenweise zwar ein wenig holprig, fügt sich aber durchaus in das dargestellte Bild ein.
Siehe auch:

> PolyPlay
ImpressumLesezeichen setzenSeite versendenSeite drucken

HTML-Code zum Verweis auf diese Seite:
<a href="http://www.uni-protokolle.de/buecher/isbn/3886199746/">PolyPlay </a>