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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenSamstag, 25. Mai 2013 

Was ich davon halte


von Eckhart Nickel

Kategorie: Deutschland
ISBN: 3886793486

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What the world is waiting for
Ich kenne eine von den Erzählungen bereits als Vorabdruck aus dem jetzt-Heft im letzten Jahr und kann nur sagen: Wenn der Rest der versammelten Geschichten auch nur halb so gut ist wie die Sonnenfinsternis-Story, dann gibt es in diesem Herbst kein anderes Buch für mich. Eckhart Nickel schließt in meinen Augen eine lange offen gebliebene Tür bei den "jungen" Autoren: Die zu den Autoren vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Texte oszillieren für mich irgendwo zwischen Knut Hamsun, F.Scott Fitzgerald und Thomas Mann. Sprachirrsinn, Style und Selbstironie. Volle Punktzahl.

Schön gemacht, Eckhart Nickel!
Ich gehöre nun wirklich nicht zu den Lesern und Goutierern der sogenannten "Pop-Literatur", eine solche gibt es seit Rolf-Dieter Brinkmann nicht mehr, vielleicht Rainald Goetz mag man noch dazuzählen. Doch Eckhart Nickel ist anders, anders zumindest als die immergleichen Stuckrad-Illies-Kracht-Bessing-Geschichten, die er alle vier souverän aussticht, als seien sie Eintagsfliegen (was sie ja vermutlich auch sind). Nickels Buch besteht aus Erzählungen, die vordergründig das Schreckliche, den Schrecken im Alltag beleuchten; auf den zweiten und dritten Blick entstehen vor dem Auge des Lesers mäandernde Gedankenspuren, die wie Leuchtraketen sich himmelwärts schrauben, um dort, einer ausglühenden Endstufe gleich, zu verglühen und in die Retina ein unauslöschliches Bild hineingebrannt zu haben. Ein solches Bild: Das kontinuierliche Besteigen eines Interregios zwischen Heidelberg (offenbar der Wohnort Eckhart Nickels) und Frankfurt am Main, die Erlebnisse in diesem Zug, das Schreckliche und Fratzenhafte der Mitreisenden, das Groteske ihres Lebens, die Bekümmerung, die der Autor verspürt, tangiert er kurz mit ihnen auf diesem Narren- und Totenschiff der deutschen Bundesbahn. "Was ich davon halte" erinnert in seiner Stringenz, seiner atmosphärischen Strenge an Knut Hamsun, aber auch an die Dichter des deutschen Expressionismus, an Kasimir Edschmid und Benn, an manche modernere Russen wie Paustowski. Ein bißchen hingeschludert ist das Buch trotzdem, man möchte dem Autor wohlwollend zuwinken und ihm sagen: Weiter so, wann kommt die Langstrecke?!

Ästhetik statt Zynismus
Der Kurzgeschichtenband des ehemaligen "Tempo"-Autors Eckhart Nickel stellt in erster Linie ein Buch über das Reisen, über das Gefühl des Sich-Fortbewegens an sich dar. Dabei steht für Nickel jedoch nicht Chatwins romantische Idee des Reisens als Rückkehr zu unseren nomadischen Wurzeln im Mittelpunkt. Die hilflose Suche nach Verbindlichkeit, die Nickels Figuren in entlegene Orte treibt, mündet eben nicht, wie noch bei Chatwin, in die Erlösung, sondern in Verzweiflung und Tod. Das erinnert an Paul Bowles: Nickels Helden glauben an Neuanfang, doch die Vergangenheit holt sie überall ein; es gibt für sie kein Entkommen. Aufgrund ihrer absurden Komik stehen die Geschichten jedoch auch in der Tradition von Evelyn Waugh oder Robert Byron. Formal fällt ein starker Experimentierwille auf; zudem arbeitet Nickel viel mit Zitaten aus der Popkultur der 80er und 90er Jahre. Dass man das alles gern liest, liegt wohl am leichten, aber doch sehr überlegenen und anspruchsvollen Erzählton. Zwar versteht Nickel es zu unterhalten, jedoch tut sich hinter der glitzernden Oberfläche zumeist ein tiefer Abgrund auf. In den oft traurigen, manchmal humorvollen Episoden übt Nickel subtile Kritik an den Verhältnissen: Nickel ist kein Zyniker, sondern ein Ästhet.
Siehe auch:
Deutschland > Was ich davon halte
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