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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDonnerstag, 24. April 2014 

Krieg beenden, Frieden leben


von Claude A. Thomas

Kategorie: Militär, Polizei & Justiz
ISBN: 3896202200

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Über die Gewalt in jedem von uns
Claude AnShin Thomas' Geschichte ist zunächst die typische und alltägliche Geschichte eines Menschen, der in Gewalt großgeworden ist, Gewalt sich zu eigen gemacht hat und in männlicher Weise die Macht der Gewalt auf seine Seite zu bringen suchte, indem er der stärkere, der handelnde, der gewinnende sein wollte. So war er denn ein Gewaltopfer, schon bevor er sich freiwillig und voller Ideale als Soldat meldete. Dort erlebte er in unerträglicher Direktheit und Intensität das reale Leiden der blind ausbrechenden Gewalt des Krieges, schon in der Demütigung und Entmenschlichung der Rekrutierung und Schulung, erst recht im Krieg selbst. Tief traumatisiert kehrt er zurück in eine Gesellschaft, die ihn nicht mehr haben will. Er sucht alle Wege, um seinem Leiden zu entfliehen, Flucht von Ort zu Ort, Drogen, Sex, aber die Zerstörungen in seinem Inneren wirken in alles hinein und machen unmöglich, Frieden zu finden.

Der Wendepunkt ist die Begegnung mit Thich Nhat Hanh, dem vietnamesischen Meditationslehrer. Er wird in den unlösbaren Widerspruch geworfen auf der einen Seite dem vollen Spektrum postraumatischer Belastungssymptome ausgesetzt zu sein in dem Aufbrechen der Kriegsmomente in ihm, und gleichzeitig dem Vietnamesen, dem Feind, ins Gesicht zu sehen und tief in sich zu fühlen: Das ist nicht mein Feind. Wer einmal die Macht von Flashbacks, von überwältigenden Trauma-Erinnerungs-Erlebnissen gespürt oder auch nur miterlebt hat, wird Hochachtung finden vor der Kraft dieses Mannes, in dieser Situation standzuhalten und den Weg nach innen zu gehen. Er schreibt auch über die realen Kriegserfahrungen, die er gemacht hat, bis hin zum explodierenden Baby, das viele seiner Kameraden getötet hat, um nun zu erleben, daß der Feind der einzige ist, der für ihn im Leid da ist, der ihm zuhört, sich zu ihm gesellt. Dies führt zu einer inneren Wandlung, die ihn zum Wandermönch werden läßt, der überall in der Welt mit Menschen spricht, von sich erzählt, nicht nur vor "uns" Zivilisten, die diese Erfahrungen vielleicht zunächst als fremd und exotisch ansehen, sondern mit denen, mit denen sonst keiner spricht: Soldaten im Kriegsgebiet. Aus den Traumata und seiner Aufarbeitung ist eine innere Verantwortung erwachsen, die ihm zum Auftrag geworden ist, sein Wissen mit uns zu teilen.

Claude AnShin Thomas durchmißt in seiner persönlichen Erfahrung das ganze Spektrum von Zerstörung, Haß und Gewalt im Krieg bis hin zum Frieden des gelebten gegenwärtigen Augenblicks. Er erkennt und benennt die vielen Formen der Gewalt in jedem von uns, die in Kriegen nur ihren Gipfelpunkt finden. Die Art wie er kompromißlos ehrlich und offen seine inneren Prozesse und seine Erkenntnisse darstellt vermag unseren Schutzmantel des Nicht-wissen-wollens und nicht-wahrnehmen-wollens zu durchbrechen. Wer sich auf das Buch einläßt wird erkennen, daß Gewalt überall um ihn herum und auch in ihm selbst die Regie führt, daß Gewalt uns durchdringt wie die Luft die wir atmen. Es gibt keine Distanz zum Krieg, egal wo wir leben. Er hat keine "Heilung" von seinen Traumata gefunden im Buddhismus, aber er zeigt Wege, mit dem Trauma und dem Schmerz zu leben, ihm offen zu begegnen und so das eigene Leben zu formen, statt von der Gewalt bestimmt zu sein. Sich auf diese Erfahrungen einzulassen, egal ob der Leser im einzelnen mit den Betrachtungen übereinstimmt oder nicht, bringt uns zur Wieder-Erkenntnis der persönlichen Verantwortung, die wir für den kollektiven Prozeß der Menschheit haben, da mein Leben in vielerlei Weise gleichzeitig dem Leben aller Menschen verbunden ist. Es wird das Leben des Lesers verändern, wenn dieser sich von den Wahrheiten in diesem Buch berühren läßt.

Die unsichtbaren Wunden des Krieges
Traumatisiert, den Orden als Trostpflaster, so kehrten zu allen Zeiten aus allen Kriegen Soldaten heim, und war dieser Krieg noch im Gange oder siegreich beendet, dann wurden sie als Helden empfangen. Denn das Grauen, das sie erlebt und verdrängt hatten, das ihnen noch gar nicht so ganz bewusst geworden war, sollte sie nicht eines Tages einholen können.

Helden zeigen ihre Wunden und Narben, die sichtbaren Wunden des Krieges, und sie sind stolz darauf. Sie zeigen nicht die unsichtbaren Wunden, an denen sie leiden, an denen sie solange leiden werden, wie sie sie vor sich selber verbergen. Auch die Zu-Hause-Gebliebenen sollen davon nichts erfahren. Das Selbstbildnis bekäme Risse, und ein Krieg ohne Helden wäre für die Daheim-Gebiebenen dasselbe wie eine Religion ohne Heilige. Also versucht man, das Leiden, das unsichtbare, klein zu halten, das immer wieder versucht, sich größer zu machen, und da es nicht wahrgenommen wird, sichtbar zu werden.

Es trägt die Züge des Alkoholikers. Es bekommt die Augen des Drogensüchtigen. Es spricht die Sprache des Gewalttätigen. Und wenn der Held dann ganz vom Sockel stürzt, heißt es, dieser Mann gehört nicht mehr zu uns. Er hat sich ja selber von uns abgewendet.

Kriegsveteranen, die am Rande der Gesellschaft leben, an denen geht man, ohne hinzusehen, vorbei. Denn sie könnten ja einen, der zu Hause geblieben war, daran erinnern, dass der Zu-Hause-Gebliebene für diesen Krieg und das ganze Elend ebenso verantwortlich war (oder ist) wie der Soldat.

Diese für manche, die es lesen, merkwürdigen Sätze sind nicht aus dem Nichts entsprungen, sondern Niederschlag bitterer Erfahrung, die Viele „gemacht haben": Veteranen von 14/18, von 39/45, von vorherigen, von nachherigen Kriegen. Veteranen des Indochinakrieges, Veteranen des darauf folgenden Vietnamkrieges. Veteranen, die auf dem Balkan, in Afghanistan, im Irak Soldaten waren und nun in Kameradschaftsverbänden und bei Nationalfeiertagen ihre mit Orden geschmückte Brust schwellen lassen oder die 1969 oder 1970 zusammen mit hunderten anderer Vietnamveteranen in Washington D. C. ihre Orden über den Zaun vorm Weißen Haus geschmissen haben. Einer von ihnen war Claude AnShin Thomas.

Claude war siebzehn, als er zur Army ging und noch nicht zwanzig, als er aus Vietnam, schwer verwundet, nach Hause kam - stigmatisiert. Er fühlt sich für den Tod vieler Menschen verantwortlich und betäubt sich: Medikamente, Drogen, Alkohol. 23 Jahre später, 1990, begegnet er Thich Nhat Hanh. Der buddhistische Mönch darf nicht mehr nach Vietnam zurückkehren und betreut in den Vereinigten Staaten und in Frankreich Vietnam-Flüchtlinge und US-Kriegsveteranen. Claude lernt, über seine Erfahrungen zu sprechen und sich von seinem Kriegstrauma zu befreien. Er lebt mehrere Jahre in Plum Village, einem buddhistischen Zentrum bei Bordeaux, das Thich Nhat Hanh gegründet hat. Er wird Mönch. Er wird im Peace-Maker-Orden aktiv. Er veranstaltet Seminare und Straßenretreats und kümmert sich um Strafgefangene. Er pilgert, von einer Gruppe Gleichgesinnter begleitet, durch Nordamerika, Asien und Europa, einmal von Auschwitz nach Hiroshima, mitten durch Kriegsgebiete.

In Bosnien spricht er mit Scharfschützen beider Seiten, in Wien und Rom zu Studenten und Professoren. Ein echter Bhikkhu, der nichts besitzt als zwei paar Schuhe und seine drei Roben, ein Hausloser, ein Wandermönch wie zu des Buddhas Zeiten.

Jetzt hat Claude AnShin seine (Selbst)Erfahrungen in diesem Buch zusammengefasst. Darin schildert er das Leiden, aus dem Gewalt, Krieg, hervorgeht. Er spürt den tieferen Ursachen nach. Wir sind gewohnt, sie „draußen", bei Anderen, zu suchen. Claude AnSAhin findet sie in sich selber, in unserer Natur, in unserer Kultur:

„Krieg ist nicht etwas, das uns äußerlich geschieht; meinem Verständnis und meiner Erfahrung nach ist Krieg ein kollektiver Ausdruck individuellen Leidens."

Krieg, sagt er, werden wir nie ganz abschaffen können. „Wir können jedoch das Antlitz des Krieges verändern." „Wir müssen mit dem Feind zusammensitzen, denn der Feind ist niemand anders als wir selbst." „Wenn wir das verstehen und akzeptieren, dann werden wir anfangen, Frieden zu finden."

Claude hat diesen Frieden gefunden - in sich selber. Das befähigt ihn, Frieden zu stiften. Er zeigt uns, dass es möglich ist, unsere eigenen Gewalterfahrungen zu transformieren, indem wir lernen, Konflikte, wo immer sie auch auftreten, friedlich zu lösen.

Sein Buch könnte vor allem vielen jungen Menschen, die Militär- und Kriegsdienst leisten wollen, die Augen öffnen. Mich hat es tief berührt, denn auch ich bin als Soldat in Vietnam gewesen, 1951-54, als Pazifist heimgekehrt und Buddhist geworden - dank eines Vietnamesen: Thich Nhat Hanh.

Im April 2002 bin ich C. A. T. bei seinem Vortrag über „Die Grundlagen des Friedens" in Bochum begegnet. Wir hatten ein langes und sehr bewegendes Gespräch.

Tief berührt
Dieses Buch kann ich jedem Menschen und in jeder Lebenslage empfehlen - ich denke, es ist in jedem Fall eine Bereicherung.
Der Autor schreibt von sich und seinen Erfahrungen, von seinen Nöten, äusseren Zwängen und regt damit das eigene Denken an. Es werden keine moralischen Werte vermittelt, was richtig oder falsch ist - oder was zu tun oder zu unterlassen ist.
"Wo bin ich im Krieg und welche Bezüge habe ich dazu. Gefällt mir das und wenn nicht, möchte ich es ändern" - diese und weitere Fragen habe ich mir gestellt. Wie kann ich lernen umzugehen mit mich quälenden Fragen, mit Lasten, mit Schuldgefühlen? Auch das Thema "Betäubung mit Suchtverhalten" oder Kompensation mit Wut oder Ärger wird grundlegend Angesprochen.
Es ist nicht notwendig, gleich selbst ein Dasein als Mönch zu führen, um mit grosser seelischer Bereicherung teilzuhaben an den Anstössen, welche durch das Lesen der Lektüre vermittelt werden (...als Potential jedenfalls vorhanden wäre).

Ich bin diesem Autor dankbar, dass er mich an seinen Gedanken, seinen Erfahrungen teilhaben und nach meinen Möglichkeiten lernen lässt.
Siehe auch:

Militär, Polizei & Justiz > Krieg beenden, Frieden leben
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