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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenFreitag, 19. September 2014 

Gestohlene Welten


von Miles Harvey

Kategorie: Kartografie
ISBN: 3896670794

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"Die wahren Orte", so heißt es in Hermann Melvilles Walfängerroman Moby Dick, "sind auf keiner Karte verzeichnet", und der Erzähler in Robert Walsers Kurzprosatext "Moskau" nutzt den Atlas um die Jahrhundertwende zu einer Reise in die eigene Fantasie. Auch die alten Kartografen vermischten gerne Dichtung mit Wahrheit: Bis hinein ins 17. Jahrhundert eröffneten sie durch Reiche von Nixen und Seeungeheuern, kopflosen oder sechsarmigen Eingeborenen, Minotauren und Menschenmonstern in Randzeichnungen der Terra incognita als "wahre Orte" in der Ferne eine neue Welt. Auf der Erdkarte von Jodocus Hondius (um 1597) lauert gar der Teufel an deren Rand.

Was liegt da näher, als in den alten Chroniken zu blättern und in Atlanten in die fremden Gewässer der Seefahrer einzutauchen, um sich in der Vorstellungswelt der Kartenzeichner zu tummeln? Der Amerikaner Gilbert J. Bland war offenbar so besessen von diesem Gedanken, dass er jahrelang die kostbaren kartografischen Atlanten und Pergamente aus Instituten und Museen stahl -- 250 Exemplare im Wert von 500.000 US-Dollar umfasste seine Sammlung, als die Polizei ihn ihrerseits lokalisierte.

In Gestohlene Welten zeichnet der Wissenschaftsjournalist Miles Harvey die Geschichte des unscheinbaren Einzelgängers Bland in ihren Einzelheiten nach. Gleichzeitig beschreibt er die eigene wachsende Faszination den alten Karten gegenüber, erzählt von der historischen Bedeutung kartografischer Methoden -- und nimmt die Biografie Blands so letztlich vor allem zum Anlass, um eine Kriminalgeschichte der Kartografie aufzurollen, die bereits 400 Jahre früher in Portugal beziehungsweise Holland begann: zu einer Zeit also, als der Diebstahl von Landkarten nicht aus Liebhaberei geschah, sondern über die Vormachtstellung der Seefahrtnationen in der Welt entschied.

So ist Harvey mit Gestohlene Welten eine spannende, kundig und flüssig geschriebene Entdeckungsfahrt in frühere Welten gelungen, die nicht zuletzt hineinführt ins Herz der Finsternis kolonialer Politik. Da ist es eigentlich nur schade, dass seinem Buch so wenig Illustrationen beigegeben sind. Liebhaber der Kartografie werden ihre Karten also auch weiterhin stehlen müssen. --Thomas Köster

Vergeudete Zeit
Dieses Buch ist weder Fisch noch Fleisch, d.h. weder ein guter Krimi noch ein taugliches Sachbuch. Als Krimifan wartet man vergebens auf spannende Momente, als passionierter Kartenliebhaber erhält man aber auch nur wenig Erhellendes über die Geschichte der Kartographie, und sei es auch nur die Kriminalgeschichte der Kartographie.
Der Autor gibt auf den späteren Seiten zu, dass er vor dem Schreiben des Buches nur wenig mit Karten anfangen konnte ' man merkt es dem Buch auf fast allen 320 Seiten an. Bezeichnend ist ausserdem, dass die Person, die das Buch tragen soll ' der Kartendieb Gilbert Bland ' dem Autor bis zum Schluss nach eigener Bekenntnis unbekannt bleibt. So fragt man sich: was soll das Buch ???

kein großer Wurf
Dem Autor ist leider wirklich kein großer Wurd gelungen. Die Geshichte mag leider in keiner Weise zu fesseln. Miles Harvey scheint eher die riesige Menge an Informationen die er in seiner Recherche gesammelt hat unterbringen zu wollen. Der Untertitel "Eine Kriminalgeschichte der Kartographie" führt leider in die Irre. Zu einer Kriminalgeschichte reicht es nicht und auch das Spezialgebiet Kartographie mit seinen vielen Finten und Gaunereien wird in einer eher langweiligen Abhandlung beleuchtet. Kurzweile kommt leider nur selten auf.
Im Grunde dennoch ein solides Werk, dass aber wohl keinen vom Hocker reißen wird.

Wer alte Karten liebt, wird dieses Buch mögen
"Kartomanie ist eine Krankheit, ein Zwang. Wenn man erst einmal bis zu den Knöcheln drinsteht, will man bis zu den Knien rein und dann bis zum Bauch." Dieses Zitat eines Kartenantiquars auf S. 212 von "Gestohlene Welten" bringt das Thema des Buchs auf den Punkt. Hier wird kein Abriss über die Kriminalgeschichte der Kartografie geboten, wie man mit Blick auf den Untertitel meinen könnte. Miles Harvey rollt einen einzelnen Fall auf, den von Gilbert Bland, der bis 1995 hunderte von alten Karten aus Bibliotheken in Nordamerika gestohlen hatte, um sie an Sammler und Antiquare zu verkaufen. Und da die meisten seiner Kunden bis zum Bauch in der Kartomanie steckten, hatten sie nicht so genau darauf geachtet, woher die Karten ursprünglich stammten. So weit der Rahmen.

Und was steckt drin? Zahlreiche Informationen über die Welt der alten Karten - ihre Herstellung, der Handel mit ihnen, die Besessenheit der mit ihnen Handelnden. Einige Karten werden vom Autor genauer beleuchtet. Besonders gelungen ist dies in Kapitel 8, in dem er sich auf John Charles Frémont konzentriert. Frémont hat in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts wichtige Expeditionen in den Westen der USA unternommen und so dazu beigetragen, die dortige Besiedlung zu beschleunigen. Der erzählerische Kreis schließt sich dann, wenn Miles Harvey, über eine von Frémonts Originalkarten gebeugt, die Biografien des Entdeckers und des Diebes miteinander verschränkt und nebenbei erwähnt, dass auch diese Karte von Bland gestohlen worden war.

Gegen Ende verliert sich das Buch leider in Details, die lediglich belegen, dass der Autor vier Jahre an seiner Geschichte recherchiert hat und nichts unerwähnt lassen möchte, das er in dieser Zeit herausgefunden hat - eine deutliche Grenzüberschreitung. "Gestohlene Welten" ermuntert zwar dazu, beim nächsten Schaufenster eines Kartenantiquariats nicht vorbeizuhasten, sondern zu verweilen. Über seine ganzen 321 Seiten zu fesseln, vermag es jedoch nicht.
Siehe auch:

Kartografie > Gestohlene Welten
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