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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenSonntag, 26. Oktober 2014 

Summerhill - Kindern ihre Kindheit zurückgeben


von Matthew Appleton

Kategorie: Demokratie
ISBN: 3896766252

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intensiver blick auf 'summerhill at 80'
dieses buch des ehemaligen summerhill-mitarbeiters matthew APPLETON füllt zum diesjährigen 80. geburtstag der schule eine bedeutende lücke im feld der summerhill literatur , die auch in letzter zeit immer wieder bezug auf die nun schon recht angejahrten veröffentlichungen alexander s. NEILLs nimmt, und die die lebenswirklichkeit der schule zumeist auf basis der kaum weniger bejahrten bücher POPENOEs (1971) und SEGEFJORDs (1971) ins licht rückt. APPLETON nun gewährt einen durch seine 10jährige tätigkeit an der schule gut fundierten aktuellen einblick in das alltägliche leben im internat sowie seine philosophie.

schnell wird der leserIn deutlich, summerhill basiert nicht auf einer weiteren pädagogischen methode, einem konglomerat instrumenteller psycho- und soziotechniken. wie der autor durch plastische schilderungen verdeutlicht, lebt summerhill durch „eine haltung, die nicht als methode gelernt und mechanisch angewendet werden kann - eine haltung dem leben gegenüber, die man fühlen, in die man vertrauen setzen muß ... summerhill ist nicht von einer großen theorie geformt worden" (APPLETON, s. 2). diese charakterisierung steht ganz in der tradition des schulgründers, der 1948 schrieb: „vielleicht denke ich nicht mehr dasgleiche, was ich vor vierzehn jahren gedacht habe, doch das tut nichts zur sache, solange ich noch das gleiche fühle. damals fühlte ich, daß das kind frei sein muß von der führung der erwachsenen, von moralpredigt und religion, und das gleiche fühle ich auch jetzt." das NEILL dereinst leitende und summerhill der schilderung nach noch immer prägende gefühl ist der glaube an das ursprüngliche gutsein der kinder (vgl. APPLETON, s. 25), und das hieraus abgeleitete „vertrauen der erwachsenen darin, daß kinder in der ihnen eigenen zeit lernen, daß sie eben nicht von besorgten erwachsenen angetrieben werden müssen, um ordentliche mitglieder der gesellschaft zu werden" (s. 2). „summerhill ist darauf angelegt, sich den bedürfnissen der kinder anzupassen und ihnen keine unnötigen einschränkungen und erwachsenen-ideologien aufzubürden" (s. 70). somit vermeide summerhill das "um-zu-syndrom", einen „geheimen erziehungsplan" (s. 42): „dieses syndrom bewirkt, daß man ein ding tut, um ein anderes hervorzubringen, statt daß man um ihrer selbst willen tut. interaktionen zwischen erwachsenen und kindern sind einen minenfeld von solch verborgenen motiven. wir in summerhill nehmen kinder nicht zu spaziergängen mit in den wald, damit sie die natur lieben lernen sollen. (...) wir sprechen nicht über unsere ideen und ansichten, um sie dem kind bewußt zu machen, sondern nur weil wir freude daran haben, über unsere ideen und ansichten zu reden. das fehlen geheimer absichten läßt erwachsene und kinder sich wohl fühlen. jeder spürt die aufrichtigkeit des anderen" (ebd.).

auch verzichtet summerhill in der unterrichtsgestaltung auf jede scholastik der kindesanregung, -förderung und -beglückung (wie VON HENTIG dies einmal treffend formulierte). „es gibt keine besonderern lehrmethoden" (APPLETON, s. 104), wodurch eine wohlmeinende manipulation der kinder vermieden werden soll, die ihnen dinge näherbrächte, die sie nicht aus sich heraus interessieren. die unterrichtsteilnahme selbst ist bekanntlich absolut freiwillig.

herzstück des in seiner tagesstruktur eingehend dargestellten lebens in summerhill sind die gemeinschaftsmeetings, die alle belange der gemeinschaft basisdemokratisch regulieren und in denen erwachsene wie kinder, egal welchen alters, gleichberechtigt über eine stimme verfügen. konfliktfälle weden hier behandelt (z.b. lärm nach der demokratisch ermittelten schlafenszeit, das drangsalieren bestimmter kinder, diebstähle usw.). „unsoziales verhalten wird akzepiert, aber nicht unterstützt" (s. 77), basis hierzu ist die einschätzung, nach der „jeder boshaften handlung ... ein natürlicher wunsch nach einem lebensbejahenden kontakt zugrunde (liegt), der vereiltelt wurde" (ebd.). daher bleiben moralisierende und schuldgefühle erzeugende bestrafungen aus, praktische lösungen stehen im vordergrund. wie APPLETON verhorhebt, sind es sind die älteren kinder, die bei der organisation des gemeinschaftslebens „am aktivsten sind und die verfahrensweisen, die sich in der gemeinschaft entwickelt haben, an die neuen und jüngeren kinder weitergeben. dies gilt für die selbstregelung im organisatorischen wie auch im sozialen bereich" (s. 70). wie der autor schildert, verspüren die kleineren kinder häufig großen ehrgeiz, den größeren nachzueifern und ihrem vorbild zu folgen, wodurch sich die spezifische kultur summerhills erhält und reproduziert. „summerhill hat seine eigene kultur und seine eigentümliche traditionen, die sich über generationen hinweg entwickelt haben und von einer gruppe älterer schüler an die nächste weitergegeben werden" (s. ebd).

es ist dem herausgeber zu danken, der deutschsprachigen leserIn dieses intensive buch, das in england keinen verleger finden konnte, zugänglich gemacht zu haben.

lebendiger Einblick in Summerhill
Dieses Buch macht Freude zu lesen, Appleton ist jahrelang persönlich in Summerhill gewesen und schildert seine Erfahrungen sehr hautnah. Wir bekommen als Lesende nicht nur ein anschauliches Bild der Schule, sondern auch viele Anregungen, wie Schule anders sein könnte.
Siehe auch:

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