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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDienstag, 2. September 2014 

Achill in Vietnam. Kampftrauma und Persönlichkeitsverlust.


von Jonathan Shay

Kategorie: Psychische Krankheiten
ISBN: 3930908360

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Neue Zürcher Zeitung
Die Wunden des Krieges

Jonathan Shays Pathologie des Vietnam-Veteranen

Nach dem Waffenstillstand ist der Krieg nicht zu Ende. Viele der heimkehrenden Soldaten sind gezeichnet, verkrüppelt oder seelisch verwundet. Noch heute wird rund eine Viertelmillion amerikanischer Vietnam-Veteranen von den Spätfolgen des Kriegstraumas heimgesucht. Sie finden sich in der Zivilgesellschaft nicht zurecht, leiden an chronischer Schlaflosigkeit, Verfolgungsängsten und Vernichtungsgefühlen. Obwohl sie überlebt haben, sind Wahrnehmung, Gedächtnis und soziales Vertrauen zutiefst gestört. Die Schrecken des Dschungelkrieges haben sich festgefressen in den Sinnen, den Knochen, im Gehirn.

ZORN DES ACHILLES?

Um Entstehung und Wirkungsweise der Kriegsleiden zu erklären, bemüht Jonathan Shay, als Psychiater mit dem posttraumatischen Syndrom wohlvertraut, eine literarische Analogie. Homers Ilias liefert ihm das Modell für die Verwandlung, die dem Soldaten während eines Feldzugs widerfährt. Wie Achilles nach dem Wortbruch seines Heerführers Agamemnon und dem Tod seines Gefährten Patroklos zu einem Wüterich mutiert, so sollen sich viele Gls an der Front in rasende Berserker verwandelt haben. Sie malträtierten Zivilisten und Gefangene, zerstückelten die Leichen gefallener Vietcong, kämpften tollkühn ohne Rücksicht aufs eigene Überleben. Dem «Zorn des Achilles» entspricht, will man Shay Glauben schenken, der wilde Kampfesrausch des Marineinfanteristen oder Helikopterpiloten. Nachdem sie alle zivilen Hemmungen und Ehrbegriffe hinter sich gelassen hatten, wurden sie zu menschlichen Killermaschinen. Troja – ein frühes My Lai, der Heros Achill ein Vorläufer des Leutnant Calley?

Dass der Krieg, zumal der moderne, nicht wenigen Überlebenden die seelische Gesundheit kostet, ist bekannt. Die Verluste durch «shell-shock» im Ersten Weltkrieg waren erheblich. Im Zweiten Weltkrieg galten auf angelsächsischer Seite rund ein Drittel der Verwundeten als psychiatrische Fälle. Selbst unter den britischen Fallschirmjägern des Falkland-Krieges war das posttraumatische Syndrom nicht selten. Es hätte mithin gar keines Rückblicks auf die frühe Antike bedurft, um besser zu verstehen, was der Krieg den Soldaten antut. So vermag Shay dem zeithistorischen Kenntnisstand nur wenig hinzuzufügen: einige Originalerzählungen seiner Patienten sowie eine fragwürdige Theorie des Kriegstraumas.

Es beginnt, so Shay, stets mit einem Verstoss gegen das moralische Empfinden, mit dem Gefühl, von Offizieren oder Politikern verraten und verkauft zu sein. Die Entwürdigungen des Militärdienstes, schlechte Ausrüstung, die mutwillige Abordnung zu einem «Himmelfahrtskommando», all dies unterminiert das Rechtsempfinden und das Vertrauen in die Autorität. Kommt auf einem Spähtrupp oder einer Patrouille der nächste Kampfgenosse zu Tode, schlägt die Verstörung in blinde Rachsucht um. Das Opfer der Schikane verwandelt sich in einen blutgierigen Haudegen, der nach und nach innerlich abstumpft und nicht nur für den Feind, sondern auch für sich selbst und seine Kameraden zu einer tödlichen Gefahr wird. In dieser Transformation des Charakters vermutet Shay den Kern des Kriegstraumas. Den explosiven Affekten und Schuldängsten bleibt der Veteran auch späterhin ausgeliefert.

FRUSTRATION, AGGRESSION

Die Hauptthese des Buches vermag indes nicht zu überzeugen. Sie ist kaum mehr als eine moralistische Variante des altbekannten Frustration-Aggression-Modells: Moralische Verletzung und sozialer Verlust erzeugen Rachegier, und die Bluttat erzeugt bleibende Ängste, Schuldgefühle und innere Isolation. Der Soldat im Fronteinsatz, dessen Handwerk und Beruf das Töten ist, erscheint bei Shay als geradezu argloses Opfer, ausgeliefert der Heimtücke des Feindes, der Willkür der Vorgesetzten, den Zufällen des Krieges.

Die Einwände liegen auf der Hand. Shay vermag nicht zu erklären, weshalb Soldaten in Raserei geraten, ohne jemals zuvor einer «moralischen» Verletzung ausgesetzt gewesen zu sein. Ebensowenig kann er verständlich machen, weshalb Kriegstraumata auch ohne vorherige Selbstenthemmung aufzutreten pflegen. In den Unterständen und Geschützstellungen der Materialschlachten gab es nur wenig Gelegenheit, sich in einen wütenden Berserker zu verwandeln. Trotzdem waren seelische Zerrüttungen an der Tagesordnung. Gruppenzusammenhalt und Führungspräsenz waren bei den britischen SAS-Einheiten auf den Falklands ungleich höher als im Vietnamkrieg, und dennoch kam es zu einer Reihe psychischer Zusammenbrüche. Andererseits kehrten nicht wenige Soldaten des deutschen Vernichtungsfeldzugs im Osten, die kaltblütig die ärgsten Grausamkeiten begangen hatten, relativ unbelastet in die Heimat zurück, ohne die Spur eines Schuldgefühls, ohne jedes klinische Symptom.

Für Shay ist der Krieg vornehmlich ein Problem der Moral. Geradezu treuherzig wirkt sein Appell, den Todfeind zu achten und ihn in seiner Ehre anzuerkennen. Als sei das Töten und Getötetwerden vornehmlich eine Frage gegenseitigen Respekts und der moralischen Persönlichkeit. Nach allem, was man weiss, sind die Ursachen des Kriegstraumas unmittelbar und hautnah: andauernde Lebensgefahr, ohrenbetäubender Dauerbeschuss, vollständige Desorientierung im Chaos des Kampfes, panische Übererregung, die Strapazen des Ausnahmezustands, die fortwährende Gegenwart des Todes. Erst nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands steht die Gesellschaft vor dem Problem, wie sie die Soldaten, die sie selbst zum Töten entsandt hat, moralisch bewerten soll.

Wolfgang Sofsky

Kurzbeschreibung

Welche seelischen Verwüstungen richtet der moderne Krieg an.
Jonathan Shays kluges, einfühlsames Buch zeigt, dass Krieg eine fortdauernde individuelle Pathologie sein kann; es zeigt, dass die dabei durchlaufene psychische Transformation universell ist, den klassischen Krieger mit dem modernen Soldaten verbindet; und es zeigt nicht zuletzt, welch permanente Zerstörungen der Krieg in jedem Zeitalter hervorruft. Der Krieg ist nicht die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln,...


Siehe auch:
Psychische Krankheiten > Achill in Vietnam. Kampftrauma und Persönlichkeitsverlust.
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