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NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenMittwoch, 19. Juni 2013 

Schwitters in Norwegen.


von Kurt Schwitters

Kategorie: Schwitters, Kurt
ISBN: 393315636X

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Neue Zürcher Zeitung Die Melancholie

des Anarchisten

Kurt Schwitters in Norwegen

In den zwanziger Jahren trat Kurt Schwitters, der «Erfinder von Merz», als vielseitig begabter Entertainer des Grotesken auf, der sein Publikum mit grossem Charme umgarnte, um ihm anschliessend das Gift seiner anarchisch-ironischen Welthaltung und seines im Fragment nach Ganzheitlichkeit strebenden Merz-Kunstbegriffs einzuträufeln. Dieser Kurt Schwitters ist bis heute Projektionsfigur, um nicht zu sagen: Opfer einer unspezifischen Zuneigung, die die Bewunderer seiner Assemblagen und Collagen, seiner Lautgedichte und absurden Dramolette zur Produktion meist unreflektierter Erzeugnisse «in seinem Geiste» animieren.

In den achtziger Jahren legten Michael Erlhoff und Klaus Stadtmüller insgesamt zehn Ausgaben des Kurt-Schwitters-Almanachs vor, welche die Technik des Künstlers, aus Bruchstücken des Alltäglichen ein gedankliches Universum zu montieren, zu imitieren versuchten und meist doch nichts anderes als geistiges Verpackungsmaterial in Form von Marginalien und Fussnoten zur Zeitgeschichte offerierten. Die schlichten Bändchen haben nun eine opulent aufgemachte Fortsetzung gefunden in einer Publikation, die sich mit Schwitters' Jahren im norwegischen Exil befasst. Die von Sponsorengeldern begünstigte, optische Seriosität kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es hier ein weiteres Mal darum geht, Miszellen und diffuse Stimmungsbilder zusammenzutragen, um dem Psychogramm eines vom Schicksal Entwurzelten noch einige Mosaiksteinchen hinzuzufügen.

In grosser Zahl abgedruckt sind die Erinnerungen von Freunden oder Zufallsbekannten, die in Lysaker, Molde oder auf der Fjordinsel Hjertøy zwischen 1937 und 1940 mit Kurt Schwitters zusammentrafen. Das Chaos in seinem Hotelzimmer in Djupvasshytta, wo er sich gerne aufhielt, seine Vorliebe für Nachspeisen, seine stets gute Laune und unproblematische Art, auf Menschen zuzugehen: was alles sagt dies aus über die stilistischen Brüche der Merzkunst zu dieser Zeit, über den Wandel des Materials und des künstlerischen Verfahrens oder über das Selbstverständnis eines Menschen, der in die Abgeschiedenheit der norwegischen Landschaft flüchtete, obwohl Urbanität, Geselligkeit und lebhaftes Agieren auf der öffentlichen Bühne sein Lebenselixier waren?

Eindringlich berichten Schwitters' Texte, Briefe und Petitionen dieser Zeit von zunehmender Angst und Isolation, von einem melancholischen Gemütszustand, der nur noch selten den leichtfüssigen Witz seiner früheren Jahre zuliess. Dieser so befremdlich sentimentale, oft larmoyante Einsiedler der Exilzeit hätte es verdient, in seiner Arbeit kritisch kommentiert und analysiert zu werden. Ansätze dazu finden sich in den Aufsätzen von Jutta Nestegård zu Schwitters' figurativem Werk und in Dietmar Elgers Bericht über die völlig oder fast zerstörten Nachfolger des hannoverschen «Merzbaus» in Lysaker und Hjertøy. Kongenial jedoch ist der Versuch des Malers Per Kirkeby, eine Verbindungslinie zu ziehen zwischen dem Romantiker C. D. Friedrich, dem Neuromantiker Schwitters und der Philosophie Ludwig Wittgensteins, der 1913 im norwegischen Skjolden seinen «Tractatus logico-philosophicus» zu schreiben begann.

Hier, in der grundsätzlichen Betrachtung über die «inneren Regeln des Bildes», über die Ohnmacht und die drohende Entfremdung des Künstlers von der Wirklichkeit, findet Kurt Schwitters endlich die ihm angemessene Würdigung, die das zähflüssige Auflisten alltäglicher Widrigkeiten, mit dem dieses Buch so gespreizt seine Chronistenpflicht erfüllt, vergessen lässt.

Beatrix Nobis


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