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Der Liebe ganze Härte. Tagebuch einer liaison dangereuse


von Marie Jo

Kategorie: Erotik & Sexualität
ISBN: 3980539938

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TWILIGHT, Vol. 17, Juli 1997
Dieses Buch hat mich zutiefst erschüttert, und wollte ich meiner Erschütterung einen Namen geben, würde ich an dieser Stelle viel zu viel von mir selbst preisgeben müssen. Ich scheine aber nicht die einzige Person zu sein, die sich durch die Lektüre betroffen gefühlt hat, dazu werde ich später noch etwas schreiben. Ich kann dieses Buch auch nicht von mir weisen, weil es etwas von "therapeutischem Schreiben" hat, die Qualität des Tagebuchs, das der Schreiberin hilft, Quälendes abzuarbeiten. Dafür ist die analytische Komponente um einiges zu ausgeprägt, zu nachhaltig, in seiner Nabelschau zu weit über sich selbst hinausreichend. Dieses differenzierte, in sich selbstzerstörerische Tagebuch stellt so viele Fragen, die es zum Teil selbst beantwortet, daß es weit über das Aufarbeiten persönlicher Erfahrungen hinausreicht. Ich will versuchen, den Inhalt in meiner Interpretation zusammenzufassen:

Eine junge Jurastudentin in Berlin will, nach einer jüngst beendeten Beziehung, ihre Unterwerfungsphantasien, für die ihr letzter Freund wenig Verständnis hatte, in der Berliner "Szene" ergründen. Sie hat eine kurze, erste Erfahrung mit dem Besitzer einer Fetish-Boutique, in der sie begreift, daß sie tatsächlich ein Sklavendasein ersehnt, obwohl (oder weil?) sie eine sonst sehr eigenständige, selbstbewußte Persönlichkeit ist. Schließlich lernt sie über einen S/M-Club ihren zukünftigen Meister D. kennen. Der Roman beschreibt, durchwirkt von einer teilweise schonungslos kalten, klaren Selbstanalyse, in Tagebuchform den allmählichen, vertraglich auf dreieinhalb Monate festgelegten "Zähmungsprozeß", den die Erzählerin durchläuft, ein Festhalten an Selbstwert, verzweifeltes Wehren gegen die Aufgabe ihrer Persönlichkeit, letzten Endes aber gegen und gleichzeitig für die Liebe, die sie für ihren Herrn empfindet, um deren Erwiderung sie sowohl mit ihrer Hingabe als auch mit ihrem Trotz kämpft, wohl wissend, daß sie nie erwidert werden kann. Denn der Herr würde seine Position aufgeben, sobald er sie ebenbürtig liebte, und dann bliebe die Frage, ob er die gezähmte Sklavn oder die trotzige, selbstbewußte Marie lieben würde, denn eigentlich wünscht sie sich, das behaupte ich, in der Rolle der Sklavin als die Person Marie geliebt zu werden. Doch die denkende, analysierende Marie ist dem Gebieter eindeutig einige Nummern zu groß. Die kluge, komplizierte, um ständiges Ergründen bemühte Marie, die sich ihrem Meister zur freien Verfügung hingibt, um unter seinen Schlägen, seinen Demütigungen, seiner Nonchalance und scheinbaren Unabhängigkeit von ihr eine heftige sexuelle Abhängigkeit zu entwickeln, ist diesem Mann haushoch überlegen. Nicht das Ausmaß der Erniedrigung, der Qualen, der Schmerzen ist das für mich Erschütternde an dem Buch, sondern die Tatsache, und vielleicht interpretiere ich hier zu weit, vielleicht ist meine Interpretation zu sehr von meiner eigenen Erfahrung eingefärbt, daß diese Frau, die zu so klarer, sachlicher Analyse fähig ist, welche die Mechanismen, die in ihrem Verhältnis zu ihrem "Hernn" greifen, so glasklar erkennt, diesen letzten gedanklichen Schritt nicht wagt: zu erkennen, daß es ihre Kraft und Intelligenz ist, an der sich der Mann, den sie abgöttisch liebt, bereichert.

Ich habe zwei Leserbriefe zu dem Buch vorliegen, die an den Verlag geschickt wurden. Einer bezieht sich direkt auf das Buch und wurde von einem Mann geschrieben, der sich als dem S/M-Bereich nicht zugehörig bezeichnet. "Die Sehnsucht nach der Zuneigung hinter den Schlägen, nach der Liebe hinter der Erniedrigung scheint mir weit qualvoller als die Schläge oder die Demütigung selbst. Und egal, ob der Vertrag drei Monate, ein Jahr oder länger dauert: dieser Schmerz wird nie nachlassen." Aus demselben Brief stammt auch der meiner Ansicht nach kaum treffender zu formulierende Satz: "... hier berührt der Höllenhimmel der Masochisten die Himmelhölle der ‚Normalen'." Die Frage ist nämlich nicht, warum diese Masochistin ausgerechnet diesen Dominus so selbstaufopfernd liebt, daß sie dafür ihren Alltag vernachlässigt, ihre Freunde aufgibt, ihre Selbstbestimmung hingibt, sondern welche Angst es ist, die Menschen (und ich behaupte, in erster Linie Frauen!) dazu führt, ihre unbändige Energie, ihre Intelligenz, ihre Seele an jemanden zu verschwenden, der es, abgesehen von der unbeschreiblichen Lust, die er zu bereiten versteht, objektiv nicht wert ist. Maries Herr ist nicht zufällig in einer festen Beziehung mit Kind. In der vertraglichen Absicherung, die er mit Marie genießt, muß er ihr nicht einmal, wie es in solchen Verhältnissen sonst üblich ist, laufend leere Versprechungen machen. Er hat es nicht nötig, die Trennung von der Partnerin anzukündigen. Marie ist eine Mätresse, die nicht einmal das Glück (oder Unglück?) von Liebes-Lippenbekenntnissen, einer Hoffnung auf Zukunft hat. Und an dieser Stelle spaltet sich der "Höllenhimmel" von der "Himmelhölle": Sie weiß, ahnt oder fühlt, ohne es sich letztlich einzugestehen, daß die Leidenschaft außerhalb des Vertrages keinen Bestand hätte. Sie will die Grenzüberschreitung, die Qual, die Abhängigkeit. Sie will auskosten, wieviel sie verträgt, wie weit sie in ihrer Auflösung gehen kann, weil es sie, wie die Abhängigkeit von einer Droge, der Verantwortung für ihr eigenes Leben enthebt. Das WARUM, was an dieser Stelle bleibt, ist für mich das Spannende an diesem Buch. ...

Auszug aus Der Liebe ganze Härte. Tagebuch einer liaison dangereuse von Marie Jo. Copyright © 1998. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ich will, daß es weitergeht, will es ganz. Ich bin nie feige gewesen. (Nur manchmal unvernünftig.) Ich unterschreibe ein zweites Mal, daß er Sir Stephens Rechte hat. "Gut", sagt er. "Gut so." ...

Eben nahm er mich noch einmal kurz in die Arme, dann drückt er mich nach unten, bis mein Gesicht seine Schuhe berührt. Dann sitze ich vor ihm auf dem Boden, während er sich auf meinem Sofa ausstreckt. Die Atmosphäre zwischen uns hat sich plötzlich...


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