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Franz Werfel, "Der Sonntag-Abend"
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Foren-Übersicht -> Deutsch-Forum -> Franz Werfel, "Der Sonntag-Abend"
 
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mathematikkitamehtam
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Anmeldungsdatum: 29.04.2006
Beiträge: 109

BeitragVerfasst am: 06 Dez 2007 - 19:30:10    Titel: Franz Werfel, "Der Sonntag-Abend"

Hallo liebe Forengemeinde!
Ich muss morgen ein Referat über Franz Werfel halten...ich habe mir dafür unter anderem das Gedicht "Sonntag-Abend" von ihm ausgesucht...

„Der Sonntag-Abend“

Ha! Noch habe ich diesen Stern nicht verlassen!
Noch umfängt mich süß untätiges Leid.
Doch eh' mich Bestimmung der Seele
Flutet aufs morgige Gestirn,
Fließe ich noch durch die lange Welt-Nacht,
Flattre ich noch mit den Abgeschiedenen
Durch unerwachte Forste und Wiesen.
Süße sinken durch mich
Des Verlassenen weinende Bilder.
Eh' die ersten Stürme schmettern,
Eh' die fremden Strahlen fallen,
Eh' im bitteren Arm das furchtbare Morgen mich hält.


Nun sollt ich auch eine Interpretation liefern.
Ganz grob interpretiere ich das so:

Das "lyriche Ich" befindet sich noch im Wochenende (Sonntag-Abend), sorglos und frei, fern von Arbeit & Stress. Aber es graut ihm schon vor dem nächsten Morgen, dem Montag-Morgen und dem damit verbundenen Beginn von Arbeitsalltag und Stress.

Lieg ich da halbwegs richtig?
Leoni
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Anmeldungsdatum: 19.05.2005
Beiträge: 1096
Wohnort: Bochum

BeitragVerfasst am: 12 Dez 2007 - 03:00:22    Titel: Re: Franz Werfel, "Der Sonntag-Abend"

mathematikkitamehtam hat folgendes geschrieben:
Das "lyriche Ich" befindet sich noch im Wochenende (Sonntag-Abend), sorglos und frei, fern von Arbeit & Stress. Aber es graut ihm schon vor dem nächsten Morgen, dem Montag-Morgen und dem damit verbundenen Beginn von Arbeitsalltag und Stress.

Lieg ich da halbwegs richtig?


Das kann ich nicht richtig nachvollziehen. Wo findest du denn den Arbeitsalltag und den Stress?
mkay1337
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Anmeldungsdatum: 02.05.2007
Beiträge: 86

BeitragVerfasst am: 12 Dez 2007 - 04:04:23    Titel:

Hmmm .. ich versuche mal meine Gedanken zu diesem , wie ich finde sehr komplexen Gedichte wiederzugeben <.<

Die Situation geht aus dem Titel hervor. Der Sonntag Abend. Also der Tag vor Montag , der Tag vor dem Beginn der neuen Woche , der Tag vor Beginn der Arbeit.

"Ha! Noch habe ich diesen Stern nicht verlassen!
Noch umfängt mich süß untätiges Leid"

Hämisch äußert , freut er sich darüber das noch nicht Montag ist. Gleichzeitig scheint ihm dabei nicht wohl zu sein.

Ihn umfängt ein "süß untätig Leid" -
Meiner Meinung nach soll das einfach heissen er langweilt sich.
Er sollte sich freuen untätig seien zu "dürfen" , ein Tag ohne Arbeit zu haben , gleichzeitig sehnt er sich aber nach Beschäftigung , denn sonst wäre es kein Leiden.

"Doch eh' mich Bestimmung der Seele
Flutet aufs morgige Gestirn,"
Fließe ich noch durch die lange Welt-Nacht,
Flattre ich noch mit den Abgeschiedenen

Schwierig.. Bestimmung der Seele evtl. seine Arbeit gemeint..

Ich verstehe das so , dass bevor er wieder morgen zur Arbeit muss (morgige Gestirn) , noch schläft also träumt und dann folgen Erläuterungen zu seinen Träumen :

"Flattre ich noch mit den Abgeschiedenen
Durch unerwachte Forste und Wiesen.
Süße sinken durch mich
Des Verlassenen weinende Bilder."

Aber wer ist der Verlassene?
Sind ist vielleicht Erinnerungen aus seinen Kindheitstagen?
Die Abgeschiedenen = Abgeschiedene von jeglicher Art von Arbeit ?
Diejenigen die unbekümmert noch durch Forste und Wiesen wandern konnten und ist der Verlassene er selber ?
Weil er diese Welt der Unbekümmertheit verlassen hat?
Das wäre jedenfalls meine Interpretation ..
wie gesagt ich finde das Gedicht schon sehr schwer..

"Eh' die ersten Stürme schmettern,
Eh' die fremden Strahlen fallen,
Eh' im bitteren Arm das furchtbare Morgen mich hält. "

Naja und dann denke ich mir das damit halt die Situation gemeint ist , wo er aufwacht am Morgen..
Die fremden Strahlen von der reellen Sonne , nicht aus seiner Traumwelt..
Der furchtbare "Morgen" etc..

Also das hab ich jetzt rausbekommen , kann sein das es komplett falsch ist ^^

mfg mkay
Leoni
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Anmeldungsdatum: 19.05.2005
Beiträge: 1096
Wohnort: Bochum

BeitragVerfasst am: 12 Dez 2007 - 05:29:40    Titel:

Je weiter ein Text historisch entfernt ist, desto schwerer kann das Textverständnis sein. Ich würde zunächst ein wenig auf den Kontext eingehen.

Ich sehe gerade, das Gedicht stammt aus dem Gedichtband "Wir sind. Neue Gedichte. Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1913".

Werfel hat in dem Verlag von 1912-14 als Lektor gearbeitet.

Dazu finde ich bei Wikipedia über "Leipzig":

Zitat:

Einwohnerentwicklung

Leipzig zählt nach umfangreichen Eingemeindungen Ende der 1990er-Jahre zu den flächengrößten Städten Deutschlands.

Vorher war es, im Gegensatz dazu, eine der kompaktesten Städte, die 1870 mit 100.000 Einwohnern zur Großstadt wurde. Die gegenwärtige Bevölkerungszahl hatte Leipzig bereits vor 1914 erreicht. Zum Ende des 19. und in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts holte die Bevölkerungszahl Leipzigs sprunghaft auf die größten Städte auf: Vor Beginn des Ersten Weltkriegs war es mit fast 590.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt Deutschlands. Um 1930 hatte die Bevölkerung mit etwas mehr als 700.000 Einwohnern den historischen Höchststand erreicht.



Der Sonntag Abend scheint im Expressionismus kein unbekanntes Motiv zu sein. Georg Heym hat sein bekanntes Berlin-Gedicht 1910 ursprünglich "Sonntag Abend" genannt:

Zitat:


Georg Heym (April 1910)

SONNTAG-ABEND

Wir saßen, wo der Straße Dämme ragen
Zum Walde auf, und sahen in der Enge
Den Strom des Großstadtvolks in riesger Länge
Den Städten zu, die schon im Dunkel lagen.
Die Kremser mühten sich durch das Gedränge,
Zerrißne Fähnchen waren drangeschlagen,
Die Omnibusse, die verstaubten Wagen,
Automobile, und der Hupen Klänge.
Dem Riesensteinmeer zu. Doch westwärts sahn
Wir an der grauen Straße Baum an Baum,
Der blätterlosen Kronen Filigran.
Der Abendstern erglänzte an dem Raum,
Wie eine Insel fern in blauer Bahn.
Und rotes Licht lag auf der Wälder Saum.



So, jetzt kann man, denke ich, besser arbeiten. Es ergeben sich eine Vielzahl von Vergleichspunkten, gerade was die Motive und die Metaphern angeht. Das Gefühl des Großstadtmenschen, Leipzig, die Großstadt, der Sonntag Abend - die Ruhe vor dem Sturm und dagegen der dualistische Kontrast von der Abgeschiedenheit der Natur, von unerwachten Forsten und Wiesen.

"Des Verlassenen" muss keine Person sein, sondern wird viel mehr der Ort sein, etwa: "Süß(e) sinken durch mich des verlassenen (Ortes) weinende Bilder". Allein zu so einer Metapher kann man eine ganze Seite schreiben. Wink
mkay1337
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Anmeldungsdatum: 02.05.2007
Beiträge: 86

BeitragVerfasst am: 12 Dez 2007 - 18:16:02    Titel:

hmm ok , was würdest du denn zu den Zeilen sagen :

"Fließe ich noch durch die lange Welt-Nacht,
Flattre ich noch mit den Abgeschiedenen
Durch unerwachte Forste und Wiesen.
Süße sinken durch mich
Des Verlassenen weinende Bilder. "

Ich hab ja gesagt das er davon träumt während des Schlafes , würdest du mir da Recht geben? ^^
Er könnte sich auch so die Bilder einfach ins Gedächtnis rufen , aber dazu sind die Zeilen etwas zu ausgeprägt , oder ?
"Fließen" .. durch die lange Welt-Nacht und "Flattern" mit den Abgeschiedenen
Leoni
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Anmeldungsdatum: 19.05.2005
Beiträge: 1096
Wohnort: Bochum

BeitragVerfasst am: 12 Dez 2007 - 22:26:48    Titel:

mkay1337 hat folgendes geschrieben:
Ich hab ja gesagt das er davon träumt während des Schlafes , würdest du mir da Recht geben? ^^


Im Heym-Gedicht ist es ja so, dass die lyrische Wir-Gruppe am Sonntag die Stadt verlässt und von einer Anhöhe im Wald aus die Rückehr der Menchen in die Stadt beobachtet. Das (angewiderte) Beobachten der Massen und des hektischen Treibens in der Stadt ist überhaupt ein Grundmotiv des Expressionismus, die Flucht aus der Stadt ein logisches Verlangen. Hier ist der Expressionist aber nicht alleine, viele Bürger machen sonntags einen Landausflug. Was den Expressionisten nach Aussage der Gedichte unterscheidet, ist vielleicht, dass er seine Rückkehr noch so lange wie möglich aufschieben möchte, später als die anderen zurückkehrt oder bis zum Anbruch der Nacht wartet.
mathematikkitamehtam
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Anmeldungsdatum: 29.04.2006
Beiträge: 109

BeitragVerfasst am: 17 Dez 2007 - 19:55:10    Titel:

Danke Smile
Da lässt sich jetzt schon ganz gut damit arbeiten Smile
Referat wurde übrigens auf morgen verschoben.
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