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Selbstgeschriebene Gedichtanalyse 2 - bitte Bewerten
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Jume
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Anmeldungsdatum: 29.12.2007
Beiträge: 2

BeitragVerfasst am: 01 Jan 2008 - 22:15:52    Titel: Selbstgeschriebene Gedichtanalyse 2 - bitte Bewerten

Zu allererst herzlichen Dank an

Leoni und kater1922

für eure doch sehr nützlichen Kommentare !!

Very Happy


Ich habe eine weitere Gedichtinterpretation geschrieben in der ich versucht habe, so weit es mir möglich war eure Verbesserungsvorschläge einfließen zu lassen.

Ich hoffe allderings auf eine noch größere Resonanz als beim letzten Mal (...) Wink


Gedichtanalyse – Expressionismus

Georg Trakl (1887 – 1914): Die schöne Stadt

Alte Plätze sonnig schweigen.
Tief in Blau und Gold versponnen
Traumhaft hasten ernste Nonnen
Unter schwüler Buchen Schweigen.

Aus den braun erhellten Kirchen
Schaun des Todes reine Bilder,
Großer Fürsten schöne Schilder.
Kronen schimmern in den Kirchen.

Rösser tauchen aus dem Brunnen.
Blütenkrallen drohn in Bäumen.
Knaben spielen wirr von Träumen
Abends leise dort am Brunnen.

Mädchen stehen an den Toren,
Schauen scheu ins farbige Leben.
Ihre feuchten Lippen beben
Und sie warten an den Toren.

Zitternd flattern Glockenklänge,
Marschtakt hallt und Wacherufen.
Fremde lauschen auf den Stufen.
Hoch im Blau sind Orgelklänge.

Helle Instrumente singen.
Durch der Gärten Blätterrahmen
Schwirrt das Lachen schöner Damen.
Leise junge Mütter singen.

Heimlich haucht an blumigen Fenstern
Duft von Weihrauch, Teer und Flieder.
Silbern flimmern müde Lider
Durch die Blumen an den Fenstern.



Gedichtinterpretation

Georg Trakls Gedicht „Die schöne Stadt“ aus der Epoche des Frühexpressionismus stammend befasst sich mit der Thematik der Romantik. Auf den ersten Blick könnte man gar meinen, dass es sich hierbei überhaupt nicht um ein expressionistisches sondern um ein romantisches Gedicht handelt.
Wortfelder wie „[t]raumhaft“, „schimmern“, „Abends“, „farbige[s] Leben“ oder gar das „Lachen schöner Damen“ suggerieren dem Leser ein Umgebung voller Ruhe, Sinnlichkeit und Harmonie. Somit wirken die beiden Schauplätze die Stadt und vermutlich ein Wald oder ein ähnlich idyllischer Ort wie der perfekt Lebensraum für den Menschen.
Doch da es sich in Wirklichkeit um ein expressionistisches Gedicht handelt zerreißen mit zunehmendem Maße zahlreiche düstere Bilder diesen romantischen Schleier.
So „hasten ernste Nonnen traumhaft“ durch die Stadt und zeichnen einen paradoxen Kontrast zur beschriebenen Stimmung. Wie kann eine Atmosphäre durch ernste Personen als traumhaft bezeichnet werden? Bereits in der ersten Strophe deutet damit Trakl einen fortwährenden Bruch mit der Romantik an, der sich wie in einer steigernden Felszerlüftung äußert. In der zweiten Strophe wird dabei auch ein Hinweis auf den Grund für die Stimmung geliefert.
Das Paradoxon der „braun erhellten Kirche“ zeichnet dabei das Porträt einer verschmutzten geistlichen Institution, wobei die braune Farbe ebenso gut mit dem Stellenwert von Fäkalien in Verbindung gebracht werden könnte. So ist es auch nicht weiter verwunderlich das in solch einer entweihten Kirche „des Todes reine Bilder“ die Wände zieren, dargestellt durch die (anhand des Paarreimes zu erkennenden) „[g]roßen Fürsten“. Selbst Artefakt von ihnen wie etwa die täuschenden „schimmernden Kronen“ werden auf den Altären platziert.
Parallel zu diesem abstoßendem Schauplatz, welcher anhand vieler blumiger Umschreibungen wie beispielsweise „schöne Schilder“ immer wieder mit der Romantik in Verbindung gebracht wird, spielt sich außerhalb der Stadt ein schreckliches Szenario ab.
Mädchen, als romantische Symbole für Schönheit und Unschuld, fliehen vor dem „farbigen Leben“. Voller Angst und Schrecken versuchen sie in der Stadt Zuflucht zu finden ohne zu wissen was sie dort erwarten könnte. Dabei ist wieder ohne Weiteres zu erkennen, dass auch mit dem „farbige[n] Leben“ die Romantik mit ihren offenbar gefährlichen Facetten gemeint ist. Rösser die aus Brunnen tauchen stellen zwar in diesem Zusammenhang keine Bedrohung dar, jedoch ziehen sie die Atmosphäre ins Lächerliche und verdeutlichen die Sinnlosigkeit die Realität durch blumige Umschreibungen in ein Märchenland zu verwandeln.
Denn selbst die potentielle Gefahren die von der Natur ausgehen können, als „Blütenkrallen“ beschrieben, werden dadurch nicht vermieden.
Und die „Knaben“ die sich dieser romantischen Ideologie hingeben „spielen wirr von Träumen“. Das heißt, dass Anhänger der Romantik zwangsläufig zu irrationalen Spinnern mutieren, die der vernunftbegabten Gesellschaft unter anderem auch durch die Mädchen dargestellt zum existentiellen Verhängnis werden.
An wessen Toren die Hilfesuchenden nun warten wird dabei in Strophe 5 beschrieben. Während „Glockenklänge“ eindeutig auf die Kirche verweisen deuten „Marschtakt“ und „Wacherufen“ auf ein militärisches Lager hin. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass sich die Mächtigen sowohl von geistlicher, als auch von weltlicher Seite diese unscheinbare romantische Ideologie als Tarnung zu Nutze machen, um ihre eigenen, aus der Stadtanalyse (Strophe 1 und 2) hervorgehenden schmutzigen, vielleicht sogar satanischen Pläne in die Tat umzusetzen. In Zusammenhang mit der Frühexpressionistischen Geschichte dürften das vor allem Verbrechen gegen die Menschlichkeit sein in Form von körperlicher und ökonomische Ausbeutung der Gesellschaft durch beispielsweise Kirchensteuern als auch durch die Großindustrie.
Dementsprechend handeln die Mächtigen auch, um ihr Vorhaben nicht zu gefährden. Gerade weil sie wollen, dass ihr verbrecherisches Treiben unentdeckt bleibt vernimmt der Leser auch nur in der Ferne den „Duft von Weihrauch, Teer, und Flieder“. In Wirklichkeit dürften die Mädchen, also die freiheitsliebenden, unabhängig sein wollenden Menschen, auf Befehl der Kirche gefoltert. Schließlich „flimmern...silbern...müde Lieder“ womit nicht nur ein tränenreicher Abschied vom Leser sondern auch vom Leben gemeint sein dürfte.
Somit dürfte mit der „schönen Stadt“ nach Trakl eine schöne Stadt für die Mächtigen (Industrie/Kirche/Militär/Adel) gemeint sein, die allerdings für die normale durchschnittliche Gesellschaft den Untergang bedeutet.
Leoni
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Anmeldungsdatum: 19.05.2005
Beiträge: 1096
Wohnort: Bochum

BeitragVerfasst am: 02 Jan 2008 - 15:38:54    Titel: Re: Selbstgeschriebene Gedichtanalyse 2 - bitte Bewerten

Jume hat folgendes geschrieben:
Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass sich die Mächtigen sowohl von geistlicher, als auch von weltlicher Seite diese unscheinbare romantische Ideologie als Tarnung zu Nutze machen, um ihre eigenen, aus der Stadtanalyse (Strophe 1 und 2) hervorgehenden schmutzigen, vielleicht sogar satanischen Pläne in die Tat umzusetzen. In Zusammenhang mit der Frühexpressionistischen Geschichte dürften das vor allem Verbrechen gegen die Menschlichkeit sein in Form von körperlicher und ökonomische Ausbeutung der Gesellschaft durch beispielsweise Kirchensteuern als auch durch die Großindustrie.


Deine Interpretation ist etwas verwegen, um nicht zu sagen absurd. Davon ist in dem Gedicht doch nichts zu finden.

Aber angenommen, ich möchte es ernst nehmen, wie würde dann eine wirkliche Analyse aussehen? Man müsste sich einmal anschauen, wo Trakl gelebt hat: Salzburg. Das gehört zu Österreich. Hat es in Österreich überhaupt Kirchensteuern gegeben? Nein, die wurden erst mit Hitler eingeführt. Vorher wurde die Kirche aus einem Treuhandfond finanziert, in welchem ihr gesamtes Vermögen verwaltet wurde. Es gab überhaupt keine ökonomische Ausbeutung der Gesellschaft in Form von Kirchensteuern.

Zitat:
Somit dürfte mit der „schönen Stadt“ nach Trakl eine schöne Stadt für die Mächtigen (Industrie/Kirche/Militär/Adel) gemeint sein, die allerdings für die normale durchschnittliche Gesellschaft den Untergang bedeutet.


Du bist ein Mensch mit viel Fantasie. Razz
Lara18
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Anmeldungsdatum: 08.11.2006
Beiträge: 182

BeitragVerfasst am: 02 Jan 2008 - 16:41:14    Titel:

Also ich finde deine Analyse recht gelungen. Es wäre gut, wenn du deine Gedanken und Ideen vielleicht noch mit historischen Fakten belegen könntest. In welchem Jahr ist das Gedicht denn erschienen? Eventuell ist mit dem "Marschtakt" bereits der drohende Weltkrieg gemeint.
Gut finde ich, dass du den Bezug zur Romantik herstellst. Denn es sind einige romantische Motive enthalten, wie du richtig entdeckt hast (Naturmotiv, der Traum etc.)
Was ich bei deiner Analyse ein wenig vermisst habe, ist die sprachliche Ebene. Gerade im Expressionismus wird mit sprachlichen Mitteln oft viel ausgedrückt (hier würden mir einfallen: Simultanstil, Farbsymbolik, Personifikationen, Verfremdungen etc.)
Aber insgesamt nicht schlecht!

Liebe Grüße,
Lara
kater1922
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Anmeldungsdatum: 29.12.2007
Beiträge: 14
Wohnort: Österreich

BeitragVerfasst am: 02 Jan 2008 - 18:56:15    Titel:

Formal gesehen - wie meine Vorgängerin schon bemerkte - fehlt leider ein Stück, ich erinnere mich momentan an den von dir erwähnten Paarreim, aber sonst wäre mir nichts im Gedächtnis geblieben, verzeih, wenn ich dir Unrecht tu. Das liegt wahrscheinlich daran, weil einer Aufzählung aus dem Weg gehen wolltest? Wenn du es Schritt für Schritt "unauffällig" verarbeitest, fällt es nicht auf und wird deshalb auch nicht zu holprig. Genau dann hast du das Mittelmaß gefunden.
Ich habe mit Absicht das Gedicht nicht gelesen und mich nur auf deine Interpretation "gestürzt", um wirklich nur das zu bewerten, was du geschrieben hast. Deshalb gehe ich weniger auf Dinge ein, die damit zu tun haben, dass du etwas von den einzelnen Zeilen abweichst oder gar zu weit interpretierst, denn ich glaube, dass Interpretation kein Problem für dich darstellt.
Einen kleinen Tipp möchte ich dir gerne noch mit auf den Weg geben:
Zitat:
An wessen Toren die Hilfesuchenden nun warten wird dabei in Strophe 5 beschrieben. Während „Glockenklänge“ eindeutig auf die Kirche verweisen deuten „Marschtakt“ und „Wacherufen“ auf ein militärisches Lager hin. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass sich die Mächtigen sowohl von geistlicher, als auch von weltlicher Seite diese unscheinbare romantische Ideologie als Tarnung zu Nutze machen, um ihre eigenen, aus der Stadtanalyse (Strophe 1 und 2) hervorgehenden schmutzigen, vielleicht sogar satanischen Pläne in die Tat umzusetzen.

Ich würde zuvor die These aufbringen und diese danach beweisen, für meinen Geschmack lässt sich das angenehmer lesen.

Von dem her eine ganz gelungene Interpretation!
Gern geschehen und noch einen schönen Abend,
Kater
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