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Wissenschaftstheorie: Induktion, Deduktion, Falsifikation
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cyrix42
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Anmeldungsdatum: 14.08.2006
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BeitragVerfasst am: 03 Jan 2008 - 12:01:55    Titel:

Naja, du verwendest schon gezielte Anreden ("du") Wink und da ich mich teilweise durch deinen Beitrag angesprochen fühlte, teilweise aber auch nicht, frage ich lieber mal nach... Wink

Ok. Also mal oben angefangen: Sexualität ist eine dem Menschen angeborene natürliche Triebfeder. (Klar, sonst wäre es mit der Art ganz schnell vorbei, wenn keiner mehr Lust hätte, sich zu vermehren. Wink ) Aber auch unabhängig vom Fortpflanzungsgedanke existiert dieses natürliche Bedürfniss nach Zärtlichkeit, Nähe und Liebe.

Damit ist die (katholische) Kirche schoneinmal im Mittelalter ziemlich auf die Nase gefallen, als sie den "Lust"- und Spaßeffekt der Sexualität gänzlich tilgen, und nur den Fortpflanzungsgedanken in den Mittelpunkt stellen wollte.

Auch heute noch gibt es da teils massive Probleme, denn unterdrückte Triebe suchen sich oft einfach nur einen anderen Ausweg. Und so verwundert es nicht, wenn man immer mal wieder von versch., dem Zölibat unterworfenen Priestern hört, welche sich an ihren Ministranten vergehen...


Insofern finde ich persönlich eine gänzliche Entsagung des Sexualtriebs als realitätsfern, da diese Ansicht den Menschen nicht als "natürliches Wesen", sondern als nur dem Wille unterworfenes Geschöpf wahrnimmt, was er m.E. einfach nicht ist (wie man ja auch an versch. Reflexen o.ä. anderweitig wahrnimmt).


Was man aber m.E. durchaus machen kann, ist, den Wert der Sexualität, und den Umgang mit ihr, unter ein gewisses moralisches Gebäude zu stellen. So ist ein Monogamie-Gebot durchaus verträglich mit dem "Wesen" des Menschen. Und aus eben einem solchen Gebot leiten sich dann u.a. auch Hinweise für den Umgang mit Sexualität für Jugendliche ab...

Zu den Kondomen: Ist ein Partner in einer Beziehung mit HIV infiziert, warum sollten dann beide plötzlich sich ihre Zusammengehörigkeit nicht mehr so zeigen dürfen? Natürlich gibt es keine hundertprozentige Sicherheit, aber wenn das Kondom einen ausreichenden Schutz bietet, warum es untersagen? btw: Die Zahlen, welche in dem von dornbusch verlinkten Dokument stehen, halte ich pers. für viel zu hoch gegriffen, habe aber leider keinerlei Belege für diese These. Nur rein rechnerisch müsste sich m.E., unter Annahme dieser Zahlen, AIDS wesentlich schneller und flächendeckender, auch in Europa, wo Kondome gängiges Verhütungsmittel sind, verbreiten, als es das tut (die Zahlen sind ja weit geringer als bei einer beliebigen Grippe-Epedemie)...

Und: Zwischen der Infektion mit HIV und dem Ausbruch der Krankheit kann eine ziemlich lange Zeit liegen. Sollte man in dieser Zeit beiden Partnern verbieten, sich wie Menschen, die sich lieben, zu verhalten?

Ich meine, nein.


zum Thema, wie ein Christ argumentiert, kann ich leider wenig sagen, da ich mich nicht unbedingt als Teil der Gemeinschaft bezeichnen würde. Ich persönlich befinde mich im Moment im Prozess der Sondierung, was ich für mich annehme, und was nicht. Der christliche Glauben ist reich an guten Ansätzen, aber ich pers. weigere mich, etwas ohne Prüfung so für mich zu übernehmen. Gegen blinden Glauben habe ich etwas. Und so stoße ich bei einigen Punkten auf Widersprüche mit anderen grundlegenden Ansichten, die ich habe...

So dürften mich "richtige" Gläubige wohl kaum als einen der ihren ansehen, und man wird mir vorwerfen können, ich betreibe "Rosienenpickerei". Ich persönlich würde es als Versuch eines "aufgeklärten Glauben" (im Sinne der philosophischen Strömung der Aufklärung) auffassen wollen, bin mir aber nicht sicher, ob ich mich da nicht viel zu wichtig und quasi "überhöht" darstelle. (Außerdem bin ich nur ein kleiner Mensch, der sich hier mit großen Fragen auseinander setzt, und keine allzugroße Ausbildung in dieser Richtung hat. Ich bin kein Theologe, noch bin ich in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen. Ich beschäftige mich erst seit eher kürzerer Zeit [im Vergleich zu meinem bisherigen Leben] damit...)

Insofern kann ich nicht darauf eingehen, wie dies "eingefleischte Gläubige" sehen/bewerten.


zum Thema Schöpfungsmythos: Nichts spricht dagegen sich "vor" den Urknall eine weitere Schöpfungsinstanz vorzustellen, genausowenig, wie es nicht zu tun. Das ist reine Ansichtssache...

Ich persönlich halte dieses Denken für zu "kleinkarriert". Wenn Gott schon transzendent ist, dann aber auch richtig: Warum sollte er in unsere Begriffe von Zeit und Raum passen? Wieso sollte es eine Schöpfung "Am Anfang" gegeben haben? Wieso sollte es eine direkt festzumachende Örtlichkeit "Garten Eden" oder "Himmel" geben?

Man sollte bemerken, a) wann und b) dass die verschiedenen Geschichten der Bibel vor einiger Zeit von Menschen [!] aufgeschrieben wurden. Damit sind sie automatisch in der Sprache und dem "Horizont"/ Weltvorstellungen der damaligen Zeit formuliert. Auch werden entspr., damals übliche, Sprachbilder und andere versteckte Hinweise (z.B. Zahlenmystik) verwendet worden, um etwas auszudrücken. M.E. ist oft weniger das, was da genau beschrieben wurde, relevant, sondern die Botschaft, die dahinter steht. Insofern interessieren zumindest heutzutage die Zahlenangaben, wie alt wer geworden ist, nicht mehr. Damals waren aber in den Zahlen selbst bestimmte Inhalte "eingewoben", und zwar andere, als dass die Erde 6000 Jahre alt sei...

Selbst wenn also die Schriften vom heiligen Geist o.ä. inspririert sind, so wurden die Geschichten doch so geschrieben, dass sie die Leute "von damals" verstehen konnten. Eine Evolution über Millionen und Milliarden Jahre war damals einfach nicht vorstellbar. Also hat man den Spaß eben in 6 Tage für die Geschichte verpackt. Das heißt aber nicht, dass man nur entweder an die Evolutionstheorie glauben, oder Christ sein kann. Zumindest, wenn man es ähnlich sieht, wie ich (und was ich von aufgeklärten Christen eigentlich auch erwarten würde).

Analog zur Schöpfungsfrage...


zur Logik und dem Erkenntnisgewinn: Naja, da steckt ein "Trugschluss" bzw. eine falsche Formulierung dahinter, was man auch als mießen Trick bezeichnen könnte:

Logik schließt grundsätzlich deduktiv, d.h. aus bekannten, allgemeinen Tatsachen werden neue, spezielle geschlossen. Die Aussage von Herrn Albert ist nun so zu verstehen: Da das Allgemeine ja schon bekannt war, war es auch das Spezielle als Teil der Allgemeinheit, und also wurde keine neue Erkenntnis gewonnen.

Formalisieren wir dies etwas: Es gibt ein Grundgerüst an Axiomen (den allgemeinen Wahrheiten, die wir schon kennen), und ein paar Schlussregeln (alle deduktiv, d.h. ich muss etwas schon als wahr Bekanntes nehmen, um daraus etwas neues herzuleiten, was dann als Spezialfall des ausgangs interpretiert wird).

Nun ist der Denkfehler Alberts, dass er meint, aus den allgemeinen Formeln bereits auch gleich alle speziellen, auch wahren erkennen zu können.

Dies ist aber nicht so, denn es ist (bei genügend mächtiger Theorie) nicht einmal möglich für jede Aussage zu zeigen, ob sie wahr oder falsch ist, d.h. man kann insbesondere nicht sehen, was die wahren Aussagen sind, kann also nicht sagen, dass hinter dem Beweis der Wahrheit einer Aussage (durch rein logische Ableitungen) keine erkenntnisgewinnende Leistung steht. Insofern irrt Albert hier...


Cyrix
Viviane21
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Anmeldungsdatum: 08.02.2007
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BeitragVerfasst am: 03 Jan 2008 - 12:18:48    Titel:

zur logik: hättest du dafür mal ein beispiel?

das klassische sokratesbeispiel taugt dafür jedenfalls nicht.

zum keuschheitsgebot: du hast an sich recht - solange du höllenandrohungen etc. da raus lässt. noch einmal: wenn ich ehrlich der ansicht bin, ein bestimmtes verhalten bringe einen menschen in die hölle, wie kann ich es dann rechtfertigen, nicht alles zu tun, um dieses verhalten zu verhindern?

davon ausgehend, dass der papst ehrlich der ansicht ist, sex außerhalb der ehe führe in die hölle oder ins fegefeuer, wie kann er es dann rechtfertigen usw. usw.
das kondomverbot in der ehe ist dann wieder eine andere sache, meines wissens nach ist man aber auch als katholik tatsächlich nicht dem papst verpflichtet - werde dazu mal googlen.


wenn man davon ausgeht, dass ein eventuell vorhandener gott nicht zwnagsläufig in zeit und raum passt, setzt man sich wieder der argumentation aus, er existiere gar nicht, weil er nicht falsifizierbar sei.
cyrix42
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Anmeldungsdatum: 14.08.2006
Beiträge: 24257

BeitragVerfasst am: 03 Jan 2008 - 13:04:17    Titel:

@Gottesexistenz: Natürlich, das ist wirklich reine Ansichts- bzw. Glaubenssache. Gott ist p.d. transzendent, und also nicht mit unserem Verstand "erfassbar". Daraus leitet sich übrigens auch das Bilderverbot ab, aber das ist eine Nebengeschichte...

Soweit ich dies bisher in Gesprächen mit Christen mitbekommen habe, kann man so damit umgehen: Man kann zwar einzelne Aspekte (z.B. Gottes Liebe der Menschheit) erfassen, aber auch diese nur eher oberflächlich, d.h. nie ganz verstehend. Und erst recht nicht das "große Ganze"...

Damit ist Gott p.d. nicht falsifizierbar (genauso wie das unsichtbare, rosa Einhorn; nur dass dies keine Moralvorstellungen o.ä. mitliefert)...


@Hölle: Nun, also in der eher protestantischen Strömung des Christentums, der ich (auch durch meinen Wohnort) eher nahe stehe, spielt die Hölle keine alzugroße Rolle. Zumindest habe ich bisher in den paar Predigten, die ich gehört habe, kein Wort dazu gehört.

Was die Hölle im katholischen Glauben angeht, da bin ich pers. der Meinung (dornbusch mag das korrigieren, denn er kennt sich da wesentlich besser aus als ich), dass sich dies erst wirklich so entwickelt hat, als die kath. Kirche eine Institution mit großer weltlicher Macht wurde. Denn mit solchen Drohungen kann man leicht die "Untertanen" dazu bringen, einem zu folgen. Und wenn man sie sich dann noch freikaufen lässt, kann mn nen schönen großen Dom bauen. Wink


zur Logik: Naja, was Albert da meint, ist etwa das folgende:

"Alle Menschen sind sterblich. Sokrates ist ein Mensch. Also ist Sokrates sterblich." Darauf würde Albert entgegenen: "Toll, dass wussten wir auch vorher schon..."

Was ich meine, ist eher folgendes:

Man hat einen Katalog von Axiomen, die z.B. das Rechnen mit natürlichen Zahlen erklären (und die logischen Schlussregln). Für den Teil mit dem Rechnen mit natürlichen Zahlen nimmt man üblicherweise die Peano-Axiome:

P1: 0 ist eine natürliche Zahl.
P2: Für jede natürliche Zahl n gibt es genau einen Nachfolger n'. Dieser ist wieder eine natürliche Zahl.
P3: Es gibt keine natürliche Zahl, deren Nachfolger die 0 ist.
P4: Jede natürliche Zahl ist Nachfolger höchstens einer natürlichen Zahl.
P5: Gilt eine Aussage A sowohl für die Zahl 0, und gilt die Implikation A(n)-->A(n') für alle natürlichen Zahlen n, so gilt die Aussage A(n) für alle natürlichen Zahlen n. (Das Induktionsaxiom)

---

Rechenaxiome für nat. Zahlen:

Äq1: Für alle nat. Zahlen l,n,m gilt: l=m --> (l=n --> m=n)
Äq2: Für alle nat. Zahlen n,m gilt: n=m --> n'=m'

Add 1: Für jede nat. Zahl n ist n+0=n.
Add 2: Für jede nat. Zahlen n,m ist n+m'=n'+m.

Mult 1: Für jede nat. Zahl n ist n*0=0.
Mult 2: Für jede nat. Zahlen n,m ist n*m'=n*m+n.


So, damit ist nun definiert, was natürliche Zahlen sind, und wie man mit ihnen rechnet. Den Apparat, wie man nun Aussagen formuliert, habe ich mal weggelassen. Ich gebe mall noch die Schlussregeln an:

Modus Ponens: Gilt die Aussage A, und die Implikation A->C, dann gilt auch die Aussage C.

Generalisierung: Gilt die Aussage A, und ist x eine Variable, die in A nicht vor kommt, dann gilt auch die Aussage "für alle x gilt A".


Das sind also unsere allgemein bekannten Axiome, also das Allgemeine, aus welchem wir dann schließen. Nach Albert wissen wir jetzt schon alles über die natürlichen Zahlen, da wir alles deduktiv aus diesen schon bekannten Tatsachen herleiten können, was man wissen kann.

Aber siehst du aus diesen obigen Tasachen, ob es unendlich viele Primzahlen gibt? Oder ob es für jede gerade Zahl 2*m>2 eine Darstellung als 2*m=p+q, mit zwei Primzahlen p und q gibt?


Nein, das kannst du auch gar nicht sehen, da es nicht einfach, in endlicher Zeit berechenbar ist (nicht unbedingt in diesen Fällen, aber es gibt Aussagen, da kann man nicht entscheiden, ob sie wahr oder falsch sind). Ergo ist ein Beweis durchaus eine schöpferische Leistung, und man ist zu neuen Erkenntnissen gekommen...

Cyrix
Viviane21
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Anmeldungsdatum: 08.02.2007
Beiträge: 2206

BeitragVerfasst am: 03 Jan 2008 - 13:13:43    Titel:

zu mathe: ich bin kein mathematiker, aber für mich klingt das so, als wären in den axiomen schon sämtliche informationen vorhanden - nur so verschlüsselt, dass sie auf den ersten blick ohnehin keiner sieht. stimmt das so?


zum papst: ich denke, wir reden aneinander vorbei. als noch ein versuch: unabhängig davon, wie das ganze höllensystem entstanden ist (meiner meinung nach ist das nur sehr bedingt christlich, die römer kannten zumindest ein fegefeuer), kommt es doch auf den einzelnen an. das heisst: egal wie das ganze mal entstanden ist, wenn benedikt XVI. der ansicht ist (warum auch immer er dieser ansicht ist) sex außerhalb der ehe führe ins fegefeuer, WARUM sollte er dann das keuschheitsgebot aufheben?

wie er zu seiner ansicht gekommen ist und dass die eventuell völlig unlogisch ist, spielt dabei gar keine rolle, das "dieser ansicht sein" würde in einer matheaufgabe hinter dem "gegeben" stehen.
also steigen wir mal in benedikts kopf. dort sähe das dann etwa so aus: geg: sex außerhalb der ehe führt ins fegefeuer. weiterhin geg.: fegefeuer sollte für so viele menschen wie möglich vermieden werden.

logische schlussfolgerung: sex außerhalb der ehe muss verhindert werden.

vielleicht ist in dieser logik ja ein fehler - nur ich finde ihn nicht.
Reisender
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Anmeldungsdatum: 20.12.2007
Beiträge: 28

BeitragVerfasst am: 03 Jan 2008 - 17:06:46    Titel:

Zitat:
und ich hätte gerne eine aussage zu der these (ist nicht von mir, ist von hans albert), dass durch logik keine erkenntnis gewonnen werden kann.

Moment. Ich mache mir die Mühe und versuche, möglichst alle Fragen in diesem Thread zu beantworten. Ich hänge mit meinen Antworten daher immer etwas hinterher.
Aber schön, dass der Name Albert ins Spiel gebracht wird. Ich habe nicht sonderlich viel von ihm gelesen, halte aber große Stücke auf den Mann.

Viviane21 hat folgendes geschrieben:
denn kann nicht auch die falsifikation wieder falsifiziert werden?

Nicht unbedingt. Nehmen wir als Beispiel die Aussage “Alle meine Kinder und Enkel sind von Geburt an unfruchtbar.”.
Ich kann die Aussage folgendermaßen falsifizieren: “Enkel sind per Definition die Kinder deiner Kinder. Wären deine Kinder von Geburt an unfruchtbar, hätten sie deine Enkel nicht zeugen können. Entweder sind deine Enkel also nicht deine Enkel oder deine Kinder nicht von Geburt an unfruchtbar.” Diese Falsifikation bedient sich keiner weiteren Annahmen, die ihrerseits falsifiziert werden könnten, und geht vollkommen logisch vor. Sie kann nicht widerlegt werden. Es sei denn, die Bedeutung von “Enkel” ändert sich.

Eine gute Methode, um eine Theorie zu falsifizieren, stellt die Aufstellung falscher Konklusionen durch einen logisch korrekten Schluß dar. Kann aus einer Prämisse durch einen logisch korrekten Schluß eine falsche Konklusion abgeleitet werden, so lässt sich die Falscheit der Konklusion auf die Prämisse übertragen. Woher aber weiß man, dass eine Konklusion falsch ist? Ist die Konklusion logisch unmöglich, ist der Fall klar. Schwieriger wird es, wenn wir uns auf Beobachtungen stützen müssen, um die Falscheit von Konklusionen zu beweisen.
Ein Beispiel: Aus der Theorie “Alle Schwäne sind weiß.” lässt sich logisch ableiten: “Es gibt keine schwarzen Schwäne.”. Beobachten wir nun einen schwarzen Schwan, so ist die Theorie falsifiziert. Wie gültig aber ist so eine Beobachtung? Die Existenz einer objektiven, gleichförmigen und konstanten Realität lässt sich spätestens seit Descartes' “Täuschergott” anzweifeln. Hier finden wir meiner Meinung nach eine der wenigen Schwachstellen des kritischen Rationalismus.

Zitat:
wobei ich mit der logik noch ein ganz anderesproblem habe: sie schafft keinerlei neue erkenntnisse, wie könnte sie.
alle menschen sind sterblich. sokrates ist ein mensch.
der satz "sokrates ist sterblich" ist kein neuer fakt, es ist schlicht eine deutlichere formulierung der ohnehin schon vorhandenen informationen in den beiden ersten sätzen. ist das wirklich alles, was wissenschaft will - zusammenfassen?

Die Logik ist die Grammatik unseres Denkens und die Lehre von korrekten Folgerungen. Sie ist ein Werkzeug des Geistes. Logik allein bringt keine neue Erkenntnis, so wie mein Bleistift allein keine Texte schreibt.

Wofür ist die Logik als Werkzeug zu gebrauchen, kann sie dabei helfen, Erkenntnisse zu schaffen?
Die Logik kann dazu benutzt werden, um von einer allgemeinen Theorie auf einen einzelnen Fall zu schließen oder Vorhersagen zu treffen. Diese Sonderfälle sind natürlich in der allgemeinen Theorie bereits enthalten.
Aussagen, die einen Spezialfall betreffen und aus einer allgemeinen Theorie abgeleitet wurden, tragen zwar keine neue Erkenntnis in sich, können aber dennoch eine größere Relevanz für uns und größeren praktischen Nutzen haben als die allgemein gehaltenen Aussagen einer Theorie.
Ein schönes Beispiel dafür ist meiner Meinung nach Descartes' Erkenntnis, dass am Zweifeln nicht gezweifelt werden kann, ohne sich des Zweifelns zu bedienen. Der Logik unserer Grammatik nach ist “Etwas zweifelt, also ist es.” in dieser Erkenntnis bereits enthalten, da das Subjekt zum Prädikat “zweifeln” stets mitgedacht wird. Die Aussage “Ein zweifelndes Ding ist.” ist in der Erkenntnis “Zweifel ist.” demnach zwar bereits enthalten, ist aber dennoch von neuer Qualität und größerer Schärfe.
Ein anderes Beispiel: Die Vorhersage “Diese Bücherkiste wird mir auf den Fuß fallen, wenn ich sie loslasse.” lässt sich aus “Dinge fallen nach unten.” und “Mein Fuß befindet sich unter der Bücherkiste.” ableiten, stellt also nicht direkt eine neue Erkenntnis dar, wohl aber eine für mich relevante Information.

Einen weiteren Dienst erweist uns die Logik, wenn wir uns der Induktion zuwenden. Induktionsschlüsse in der Art von “Ich habe bisher fünf Millionen weiße Schwäne und keinen einzigen schwarzen gesehen. Ergo sind alle Schwäne weiß.” waren lange verpönt, weil sie im Grunde nicht zulässig sind. Es ist tatsächlich nicht ausgeschlossen, dass bereits der nächste Schwan schwarz ist.
Wenn wir uns allerdings mit der Vorstellung anfreunden, dass Theorien nicht verifiziert werden können und uns folgerichtig auf die Methodik des kritischen Rationalismus einlassen, können wir den Induktionsschluss in Maßen rehabilitieren.
Dem kritischen Rationalisten ist der Ursprung einer Theorie recht egal. Sie muss lediglich falsifizierbar und von Relevanz sein. Ob ich die Erkenntnisse, die ich in eine Theorie verpacke, also meinem genialen Verstand, dem Geist meiner toten Urgroßmutter, einem Induktionsschluss oder einer göttlichen Eingebung verdanke, ist zunächst unerheblich. In die Methodik des kritischen Rationalismus eingebettet, machen Induktionsschlüsse daher durchaus Sinn, wenn ich sie benutze, um Theorien aufzustellen.

Die Güte einer Theorie zeigt sich erst, indem ihr praktischer Nutzen offenbar wird und indem sie Falsifikationsversuchen widersteht, sich also “bewährt”. Auch in dieser zweiten Phase zeigt sich der Nutzen der Logik. Denn wie bereits von mir ausgeführt, versetzt uns erst die Logik in die Lage, eine Theorie falsifizieren zu können.
In diesem Sinne verhilft uns die Logik zwar nicht zu “wahren Erkenntnissen”, aber zu guten und bewährten Theorien, die wir stetig verbessern können.


Irgendwie bin ich mit meiner Antwort selbst noch nicht ganz im Reinen, irgendetwas an ihr ist noch nicht koscher. Ich kann selbst nicht benennen, was es ist. Kann jemand aushelfen?

EDIT: Vielen Dank für deinen Hinweis, Viviane21! Auch Postings in Internetforen können durch Kritik verbessert werden. Wink


Zuletzt bearbeitet von Reisender am 03 Jan 2008 - 19:18:27, insgesamt 2-mal bearbeitet
Viviane21
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Anmeldungsdatum: 08.02.2007
Beiträge: 2206

BeitragVerfasst am: 03 Jan 2008 - 18:46:10    Titel:

Reisender hat folgendes geschrieben:
Aber schön, dass der Name Albert ins Spiel gebracht wird. Ich habe nicht sonderlich viel von ihm gelesen, halte aber große Stücke auf den Mann.

da sind wir uns einig;)
Reisender hat folgendes geschrieben:


Ein Beispiel: Aus der Theorie “Alle Schwäne sind weiß.” lässt sich logisch ableiten: “Es gibt keine schwarzen Schwäne.”. Beobachten wir nun einen schwarzen Schwan, so ist die Theorie falsifiziert. Wie gültig aber ist so eine Beobachtung? Die Existenz einer objektiven, gleichförmigen und konstanten Realität lässt sich spätestens seit Descartes' “Täuschergott” anzweifeln. Hier finden wir meiner Meinung nach eine der wenigen Schwachstellen des kritischen Rationalismus.?

ich vermute, du meinst damit die fortsetzung dieses lehrbuchbeispiels? im statistikkurs ist die falsifikation ihrerseits falsifiziert, wenn sich herausstellt, dass der schwan gefärbt war. das problem wird man immer haben, wenn man mit allsätzen hantiert, die sich auf beobachtungen gründen. nur: selbst wenn die logik der wissenschaft in allen fällen einwandfrei wäre (was ich bezweifle, da menschen fehler machen, also wird es sie auch hier irgendwo geben), verknüpft sie doch in erster linie sätze miteinander, die auf beobachtung fußen - von daher kann auch eine naturwissenschaftliche theorie bzw. die falsifikation einer solchen durchaus widerlegt werden - die widerlegung natürlich genauso. usw. usw..
von daher ist man, wenn man sagt: "gott ist unwahrscheinlich" natürlich immer an die aktuelle wissenschaft gebunden - wie das in 100 jahren aussieht, kann keiner wissen. insofern bringt wissenschaft auch keine echte erkenntnis, weil man ja nie weiß, ob diese erkenntnis morgen noch gültig ist. bei hans albert endet das dann so, dass erkenntnis nicht existent ist. auch eine variante.
Viviane21
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BeitragVerfasst am: 03 Jan 2008 - 19:02:29    Titel:

da IST etwas nicht ganz koscher - du sagst, induktionsschlüsse sind manchmal ok, gehst danach aber wieder auf deduktionsschlüsse ein. in welchem fall sind induktionsschlüsse sinnvoll?
Reisender
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Anmeldungsdatum: 20.12.2007
Beiträge: 28

BeitragVerfasst am: 03 Jan 2008 - 19:08:53    Titel:

Du hast Recht, da habe ich doch glatt einen wichtigen Punkt vergessen!
Zitat:
Wenn wir uns allerdings mit der Vorstellung anfreunden, dass Theorien nicht verifiziert werden können und uns folgerichtig auf die Methodik des kritischen Rationalismus einlassen, können wir den Induktionsschluss in Maßen rehabilitieren.
Dem kritischen Rationalisten ist der Ursprung einer Theorie recht egal. Sie muss lediglich falsifizierbar und von Relevanz sein. Ob ich die Erkenntnisse, die ich in eine Theorie verpacke, also meinem genialen Verstand, dem Geist meiner toten Urgroßmutter, einem Induktionsschluss oder einer göttlichen Eingebung verdanke, ist zunächst unerheblich.

In die Methodik des kritischen Rationalismus eingebettet, machen Induktionsschlüsse durchaus Sinn, wenn ich sie benutze, um Theorien aufzustellen.
Viviane21
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Anmeldungsdatum: 08.02.2007
Beiträge: 2206

BeitragVerfasst am: 03 Jan 2008 - 19:22:06    Titel:

reisender: beispiel?

ich meine, entweder kommst du auf die theorie auch deduktiv, oder sie kann deduktiv mit rel. wenig aufwand falsifiziert werden.
Reisender
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Anmeldungsdatum: 20.12.2007
Beiträge: 28

BeitragVerfasst am: 03 Jan 2008 - 19:34:08    Titel:

Viviane21 hat folgendes geschrieben:
reisender: beispiel?

"Alle Schwäne sind weiß."
Zitat:
ich meine, entweder kommst du auf die theorie auch deduktiv

In diesem Fall ist das recht schwierig.
Zitat:
, oder sie kann deduktiv mit rel. wenig aufwand falsifiziert werden.

Sie soll ja auch falsifizierbar sein!
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