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Stilmittel der Verfremdung
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warfare
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Anmeldungsdatum: 23.05.2008
Beiträge: 11

BeitragVerfasst am: 24 Mai 2008 - 17:07:56    Titel: Stilmittel der Verfremdung

hallo,
ich befasse mich momentan mit friedrich dürrenmatt und insbesondere mit seinem buch justiz.
dazu habe ich mir einige auffällige textpassagen rausgesucht und möchte diese von meinen mitschülern genauer analysieren lassen.
bisher ist dies dabei rausgekommen:

Zitat:
F: In diesem Buch treten gehäuft schockierende und überraschende Momente auf. Welche Auswirkungen hat dies auf das Publikum?
Beispiele:
Dann wurde der Tote aufgerichtet, Sauce im Gesicht, Gänseleber und grüne Bohnen im Vollbart, auf die Bahre gelegt und in den Sanitätswagen geschafft. Die goldene randlose Brille entdeckte Ella erst in der Rösti, als sie abräumen durfte.
...ein Segen für die ganze Universität, dieser Mord, man möchte sozusagen selber etwas morden.
.... Hatte. Leider ist die Vergangenheitsform notwendig: vor zwei Wochen zermalmte ein Lastwagen des Abbruchgeschäfts Stürzeler die beiden, er wurde begraben, sie kremiert, eine testamentarische Verfügung, die das Begräbnis nicht unerheblich erschwerte.

A: Dieses Stilmittel nennt sich „Verfremdung“. Eine Handlung wird durch Kommentare so unterbrochen, dass beim Zuschauer jegliche Illusionen zerstört werden. Auf diese Weise wird eine kritische Distanz zum Dargestellten eingenommen.


das schwierige daran ist, dass die genau wie ihr hier im forum das buch und wohl auch den autor NICHT kennen.
könnte man damit zurechtkommen? verbesserungsforschläge nehm ich gerne an, ich versuch mich auch noch daran und schreibe evtl veränderungen rein! nur ich muss halt wissen wie man es aus der perspektive von anderen leuten sieht.


außerdem habe ich diese textpassage noch als wichtig empfunden und dazu fragen gestellt, die man auch ohne hintergrundwissen denke ich passend beantworten kann

Zitat:
Mein Leben hat nur noch einen Sinn: mit Kohler abzurechnen. Die Abrechnung ist einfach. Ein Schuss genügt. Aber nun muss ich warten. Dies habe ich nicht einkalkuliert. Auch nicht die Nerven, die es kostet. Die Gerechtigkeit zu vollziehen ist etwas anderes, als in Erwartung dieses Vollzuges leben zu müssen. Ich komme mir wie ein Rasender vor. Dass ich so viel trinke, ist nur ein Ausdruck meiner absurden Lage: ich bin von der Gerechtigkeit wie betrunken. Das Gefühl, im Recht zu sein, vernichtet mich.

Was ist Gerechtigkeit?
Gibt es überhaupt Gerechtigkeit?
Was ist aus Spät´s Perspektive Gerechtigkeit
Wo beginnt Rache?



kommt ihr damit zurecht?
Melishe
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Anmeldungsdatum: 15.05.2008
Beiträge: 277

BeitragVerfasst am: 24 Mai 2008 - 21:33:32    Titel:

Mit dem zweiten Textausschnitt komm ich gut zurecht...kleine Anmerkung:
es muss heißen: Späts Perspektive..... 's gibt's in dieser Verwendung nur im Englischen und seit kurzem (leider) auch als Geschäftsnamen, aber keinesfalls in Deutsch-Vorträgen Wink
Es wär vielleicht gut, wenn du drüber diskutieren möchtest, dass du den Textausschnitt auf Folie hast, damit man ihn öfter durchlesen kann.

Beim ersten Textausschnitt war ich ehrlich gesagt vor allem verwirrt. Der Zusammenhang ging mir verloren. Ich war mir dann auch nicht sicher, was die ... bedeuten sollten: ob du Textteile ausgelassen hast? Dann müsste jedoch [...] da stehen. Andererseits passt das "...Hatte" überhaupt nicht zu dem anderen Text. Also bei mir herrscht eher Verwirrung vor als distanzierte Kritikfähigkeit.
Hier wär es vielleicht besser, wenn man im Vorfeld mehr wüsste (z.B. über die beiden und deren Zusammenhang mit dem Toten)

lg
Melishe
warfare
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Anmeldungsdatum: 23.05.2008
Beiträge: 11

BeitragVerfasst am: 24 Mai 2008 - 21:40:22    Titel:

Danke für die Antwort.
Stimmt, statt ... sollte ich [...] machen Wink.
Zu Beginn der Stunde werde ich die Klasse in das Thema "einführen" und die Personen und die Handlung genau erläutern.
Trotsdem, unübersichtlich ist es wirklich Wink

- Dann wurde der Tote aufgerichtet, Sauce im Gesicht, Gänseleber und grüne Bohnen im Vollbart, auf die Bahre gelegt und in den Sanitätswagen geschafft. Die goldene randlose Brille entdeckte Ella erst in der Rösti, als sie abräumen durfte. (Dieser Tote ist Prof. Winter, welcher zu Beginn des Buches (bzw der Handlung?!) von Dr. h.c. Kohler umgebracht wurde)

[...]ein Segen für die ganze Universität, dieser Mord, man möchte sozusagen selber etwas morden. (Zitat von Prof. Knulpe // wurde vorgestellt)

[.... ]Hatte. Leider ist die Vergangenheitsform notwendig: vor zwei Wochen zermalmte ein Lastwagen des Abbruchgeschäfts Stürzeler die beiden, er wurde begraben, sie kremiert, eine testamentarische Verfügung, die das Begräbnis nicht unerheblich erschwerte. (Ende von Prof. Knulpe // wurde vorgestellt)




Hierbei möchte ich eher wissen, ob man diese Zitate bzw Textausschnitte wirklich als Stilmittel der Verfremdung ansehen kann (http://de.wikipedia.org/wiki/Verfremdungseffekt) .
Typisch Dürrenmatt ist so etwas ja.
Melishe
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Anmeldungsdatum: 15.05.2008
Beiträge: 277

BeitragVerfasst am: 24 Mai 2008 - 22:24:33    Titel:

Der erste Textausschnitt (Tod von Winter) arbeitet mit Verfremdung: wir sind es ja gewohnt, dem Tod mit Ernst, Ehrfurcht, Trauer etc zu begegnen - das schließt aber aus, dass Tote lächerlich wirken, was bei Sauce im Gesicht und Brille in den Rösti aber schon der Fall ist.

Beim zweiten ist das auch der Fall (man soll ja - man denke an die 10 Gebote - nicht morden wollen)

Auch der dritte Ausschnitt fällt in diese Kategorie.

Was man hier allerdings auch sehen kann, ist ebenfalls typisch für Dürrenmatt, der oft Tragisches mit Komischem mischt... die Ausschnitte bringen einen schon zum Schmunzeln

lg
Melishe
Bruno58
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Anmeldungsdatum: 15.03.2008
Beiträge: 91

BeitragVerfasst am: 25 Mai 2008 - 01:25:29    Titel:

Hallo warfare

Du bringst einen alten Schweizer zum Erröten: Ich habe nämlich von Dürrenmatt das meiste gelesen - ausgerechnet "Justiz" nicht!

Wenn du mir trotzdem ein paar Hinweise gestattest: Das Motiv des üppigen Essens (hier sozusagen - typisch für die makabren Vorlieben des Autors - auf einer Leiche angerichtet) findet sich immer wieder in D.s Werk, etwa in "Der Richter und sein Henker". Es gibt hierfür - Leoni wird mich für meine methodische Inkonsequenz steinigen - einen im Biographischen liegenden Grund, den du vielleicht "by the way" erwähnen könntest: Dürrenmatt war Diabetiker und musste üppige Mahlzeiten meiden. Er beschrieb sie (Kompensation ?) dafür in seinem Werk. Später bemerkte er in seinem langsamen Berndeutsch: "Isch ja gliich!" - und nahm zu sich, was er wollte (dies führte vermutlich auch zu seinem doch frühen Tod mit 69 Jahren).


Melishe erwähnt völlig richtig, Dürrenmatt vermische das Tragische immer wieder mit dem Komischen, verfremde es regelrecht (vgl. etwa "Der Meteor": Ausgerechnet der Nobelpreisträger, der sterben will, kann "ums Verrecken" nicht sterben. Stattdessen sterben die Leute um ihn herum wie die Fliegen). In diesem Zusammenhang ist auch seine Dramentheorie zu verstehen: der heutigen Zeit komme man nur noch mit der Komödie bei.

In seinen früheren Kriminalromanen ("Der Richter und sein Henker", "Der Verdacht", "Das Versprechen") beschäftigt er sich aber auch durchaus ernsthaft mit dem Problemkreis "Recht - Gerechtigkeit (respektive deren Relativität) - Sühne". Sie wird auch in manchen seiner Dramen thematisiert, etwa dem heute unterschätzten "Die Ehe des Herrn Mississippi" (ein Richter hat seine Frau ermordet und zwingt eine Mörderin zur Heirat, damit sie sich gegenseitig die Ehe zur Hölle machen, also Sühne leisten können). Ich denke auch an "Die Panne" mit den nächtlichen spielerischen Prozessen ehemaliger Richter.

Mehr habe ich dir zur Zeit nicht zu bieten, höchstens einen Tipp: Falls du dich auch später noch mit Dürrenmatt beschäftigen möchtest (dass du bereits die zweite Frage zum Autor stellst, spricht dafür), lies doch einmal die höchst unterhaltsam geschriebene und informative Biographie von Jan Knopf. Sie erschien in den 80er Jahren und bespricht deshalb Werke wie "Waterloo", "Justiz" und "Stoffe I-III" noch nicht. Möglicherweise gab es später aber erweiterte Auflagen.

Gruss
Bruno58
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