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Rätselhafte Textstellen im Faust
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Foren-Übersicht -> Deutsch-Forum -> Rätselhafte Textstellen im Faust
 
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Knalltüte
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Anmeldungsdatum: 31.08.2007
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BeitragVerfasst am: 15 Jul 2008 - 11:05:24    Titel: Rätselhafte Textstellen im Faust

Schönen Tag ihr Bücherwürmer,

in Faust gibt es einige Textstellen, die mir rätselhaft erscheinen, z.B.:

„MEPHISTOPHELES (mit der Alten)
Einst hatt ich einen wüsten Traum;
Da sah ich einen gespaltnen Baum,
Der hatt ein – – –;
So – es war, gefiel mir ’s doch.
DIE ALTE
Ich biete meinen besten Gruß
Dem Ritter mit dem Pferdefuß
Halt’ Er einen – – bereit,
Wenn er – – – nicht scheut.“

So ihr wisst sicher, was mir dort missfällt, die zahlreichen Bindestriche sind ’s: fehlt da was oder soll das so sein? Wäre nett, wenn mich jemand aufklärte. Smile
Bruno58
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Anmeldungsdatum: 15.03.2008
Beiträge: 91

BeitragVerfasst am: 15 Jul 2008 - 11:58:42    Titel:

Du fieses Ferkel! Willst du meinen Ausflug ins Pornographische im Thread "Das Knabe und die Mädchen" überbieten? Du weisst genau, dass die vielsagenden Bindestriche im Original nicht vorhanden sind.

Gruss
Dein heuchlerischer Bruno - der sich gerade vorkommt wie die alternde Juliane von Krüdener
Knalltüte
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Anmeldungsdatum: 31.08.2007
Beiträge: 2932
Wohnort: gleich um die Ecke

BeitragVerfasst am: 15 Jul 2008 - 12:22:05    Titel:

Hmm, wo kann man es denn ganz heimlich nachlesen, das Original? In google-books finde ich in alten Ausgaben von 18xx auch nur Bindestriche. Smile

edit:

Hab jetzt das Original (?) auf gutenberg.spiegel.de gefunden, hmm ...

Auf welcher Begründung fußt denn diese Zensur? Etwa weil Faust Unterrichtsthema ist? Oder will man nur bewußt die Neugier wecken?
Beau
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Anmeldungsdatum: 05.11.2005
Beiträge: 6875
Wohnort: Frankreich

BeitragVerfasst am: 15 Jul 2008 - 14:49:58    Titel:

Knalltüte hat folgendes geschrieben:
Oder will man nur bewußt die Neugier wecken?

Ja, das ist es! Je brûlais de curiosité! (Ich verbrannte vor Neugier!).

Aber welch Enttäuschung: das ist ja so keusch und unschuldig...

MEPHISTOPHELES (mit der Alten).

Einst hatt ich einen wüsten Traum,

Da sah ich einen gespaltnen Baum,

Der hatt ein [ungeheures Loch];

So [groß] es war, gefiel mir’s doch.



DIE ALTE. Ich biete meinen besten Gruß

Dem Ritter mit dem Pferdefuß!

Halt Er einen [rechten Pfropf] bereit,

Wenn Er [das große Loch] nicht scheut.


Beau
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Bruno58
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Anmeldungsdatum: 15.03.2008
Beiträge: 91

BeitragVerfasst am: 15 Jul 2008 - 15:41:23    Titel:

Eigentlich schade, dass der alte Knacker es im "Faust I" nicht bei Bindestrichen beliess! Es wäre nämlich noch interessant zu erfahren, wie Ch. Hart Nibbrig in seiner "Rhetorik des Schweigens" (1981) die berüchtigte Stelle aus der Walpurgisnacht interpretiert hätte: als "silence vide" (eine Frau und ein Mann tanzen unfreiwillig miteinander und ringen verzweifelt um ein Thema für eine belanglose Konversation) oder als "silence pleine" (Goethe beschäftigte sich Zeit seines Lebens mit schwarzer Magie und sorgte mit seinen Fähigkeiten u.a. dafür, dass den Romantikern kein Bildungsroman gelang, der annähernd an die Qualität seines "Wilhelm Meister" anknüpfen konnte; jetzt teilt er im bedeutungsschwangeren Umfeld der Walpurgisnacht seinen okkulten Mitbrüdern geheimes Wissen mit, das er in alten Schriften des Rosenkreutzers Robert Fludd (1574-1631) aufgestöbert hat und dem gemeinen Volk vorenthalten will)?

In den Reclam-Ausgaben der Shakespeare-Dramen wimmelte es zu meiner Zeit übrigens von Auslassungen. Die Gymnasiasten sollten doch nicht erfahren, was der "versaute" Dramatiker so alles an keineswegs zweideutigen Anspielungen rausgelassen hatte. Ob das wohl einer der Gründe für mein Englisch-Studium war ---? (Die Bindestriche deuten auf eine "silence pleine" hin.)

Und Beau,mon ami: Es reicht, wenn du vor Neugier BRENNST. Wir haben so viele Hexen verbrannt, dass wir nicht auch noch "vor Neugier verbrennen" wollen (hätte man vielleicht mit der Alten aus der Walpurgisnachts-Szene auch machen sollen ---).

Gruss Bruno
Knalltüte
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Anmeldungsdatum: 31.08.2007
Beiträge: 2932
Wohnort: gleich um die Ecke

BeitragVerfasst am: 15 Jul 2008 - 16:22:54    Titel:

Dabei haben die Zensoren mit der vorhergehenden Textstelle keine Probleme:

„FAUST (mit der Jungen tanzend)
Einst hatt ich einen schönen Traum;
Da sah ich einen Apfelbaum,
Zwei schöne Äpfel glänzten dran,
Sie reizten mich, ich stieg hinan.
DIE SCHÖNE
Der Äpfelchen begehrt ihr sehr
Und schon vom Paradiese her.
Von Freuden fühl ich mich bewegt,
Dass auch mein Garten solche trägt.“

Vielleicht fühlten sich die Deutschlehrerinnen diskrimminiert, als Vertreter der älteren Generation allein im Klassenzimmer, umgeben von junger Pracht?
Melishe
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Anmeldungsdatum: 15.05.2008
Beiträge: 277

BeitragVerfasst am: 16 Jul 2008 - 04:45:24    Titel:

Very Happy die meisten Deutschlehrerinnen, würd ich mal meinen, fühlen sich ganz wohl dabei, die junge Pracht anzusehen und froh zu sein, dass sie in ihrer Freizeit mit den weniger prächtigen, dafür erwachsenen Varianten zu tun haben, Erziehung und Erotik schließen sich (wenn beides ernst und nicht Rollenspiel sein soll), denk ich, für das Gros der Frauen aus.

lg
Melishe
Beau
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Anmeldungsdatum: 05.11.2005
Beiträge: 6875
Wohnort: Frankreich

BeitragVerfasst am: 16 Jul 2008 - 09:34:07    Titel:

Melishe hat folgendes geschrieben:
Very Happy die meisten Deutschlehrerinnen, würd ich mal meinen, fühlen sich ganz wohl dabei, die junge Pracht anzusehen

Eine meiner Freundinnen, die eine französische Deutschlehrerin und auch eine vornehme, distinguirte ältere Dame ist, hat mir zugegeben, dass sie gern die jungen Männer aus der Klasse Terminale (13te oder 12te jetzt?) zum Wandtafel auffordert... im Frühling, als die Schüler kurze Hosen zu tragen anfangen... so sieht sie ihre Waden...

Beau
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Knalltüte
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Anmeldungsdatum: 31.08.2007
Beiträge: 2932
Wohnort: gleich um die Ecke

BeitragVerfasst am: 16 Jul 2008 - 12:48:30    Titel:

Melishe hat folgendes geschrieben:
Erziehung und Erotik schließen sich (wenn beides ernst und nicht Rollenspiel sein soll), denk ich, für das Gros der Frauen aus.

So so, dann „erziehen“ die Deutschlehrerinnen zu Hause also fleißig weiter?! Smile
Bruno58
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Anmeldungsdatum: 15.03.2008
Beiträge: 91

BeitragVerfasst am: 17 Jul 2008 - 00:16:22    Titel:

Einmal von den Deutschlehrerinnen abgesehen: Könnte es nicht sein, dass sich auch unser Dichterfürst der gängigen Unterscheidung zwischen "Soft-Sex" und Pornographie beugen muss? - Liebhaber einstiger Samstagnacht-Filmchen auf SAT 1 werden sich erinnern: Nackige Brüstchen sind jederzeit erlaubt; ungeheure Löcher in Bäumen und rechte Pfropfen dürften selbst einem Waldarbeiter die Schamröte ins Gesicht treiben...

Goethe als pornographischer Autor? - Warum nicht! Ich durfte, falls man mir dieses kleine off-topic gestattet, vor einiger Zeit feststellen, dass er in sexueller Hinsicht überhaupt überraschungsreicher ist, als ich je erwartet hätte. Dies ereignete sich ausgerechnet (!) in einem Schweizer Polit-Forum, in dem ich einen virtuellen Kollegen mit meiner These konfrontierte, nicht nur Winckelmanns Leben, sondern auch sein Tod und die damit einhergehende Aufdeckung seiner Homosexualität habe Einfluss auf die deutsche Literatur der Goethezeit gehabt. Ich dachte dabei weniger an das Ende des Freundschaftskults als an das eigentümlich distanzierte Verhältnis zwischen Männern im Bildungs- und Entwicklungsroman der Zeit, das meines Erachtens ganz auf das Konto Goethes ging, der ja noch in späteren Aufsätzen Winckelmann insistierend als "ganzen Mann" (was sind denn Schwule?) feierte und dessen Identität verdrängte. Man findet dies "vorbildlich" im "Wilhelm Meister" angelegt, in dem Männer als Leitende, Bildende, aber niemals als mitfühlende Freunde auftreten. In Tiecks "Franz Sternbalds Wanderungen" muss der alte Dürer höchstpersönlich den Jüngling von den Griechen und ihren schädlichen Einflüssen wegholen. Selbst noch in Eichendorffs "Ahnung und Gegenwart" reiten die Freunde durch den Wald, schwärmen von der Natur, von Freundschaft und Liebe; aber steigen sie vom Pferd und küssen sich? Weit gefehlt! Es folgt völlig unmotiviert eines jener gefühlvollen, aus Versatzstücken bestehenden Eichendorff-Gedichte:

Dämmrung will die Flügel spreiten,
Schaurig rühren sich die Bäume...

Einzig mein Lieblingsschriftsteller Jean Paul, der nach Goethes Meinung ohnehin nach Weimar gekommen war wie "der Chinese nach Rom", kümmerte sich nicht um das gängige Verschweigen und setzte mit Roquairol ("Titan") und Vult ("Flegeljahre") zwei fordernde und um die Gunst des Helden buhlende männliche Figuren ein, im Falle von Vult sogar mit eindeutig homosexuellen Anspielungen (Verweise auf Johannes von Müller und einen französischen Transi-Ritter). --- Was wäre dies vor 25 Jahren doch für ein provokantes Dissertationsthema gewesen!

Die Reaktion und meine Illusionen zerstörende Antwort meines Kollegen folgte postwendend! Sie bestand aus einem jener "Venezianischen Epigramme", von dem ich als bekennender Nicht-Goethe-Spezialist noch nie etwas gehört hatte:

Knaben liebt ich wohl auch, doch lieber sind mir die Mädchen,
Hab ich als Mädchen sie satt, dient sie als Knabe mir noch.
(Goethe, Venezianische Epigramme - CXLIII.)

Jetzt stellt sich die sommerlochstopfende Frage: War der gute Johann Wolfgang nicht nur ein pornographischer Autor, sondern auch noch bisexuell? Oder spricht aus den Zeilen ein fiktives Ich? - Fragen über Fragen (von wirklich weltbewegender Bedeutung), die eine eingehendere Beschäftigung mit dem alten Knacker doch anregen könnten...

Gruss Bruno (z.Z. sich vornehmend, in nächster Zeit wieder zu ernsthaften Beiträgen zurückzufinden)
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