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Breite des juristischen Studiums
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Akiro
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Anmeldungsdatum: 04.01.2008
Beiträge: 58
Wohnort: Berlin, Wien, Bern

BeitragVerfasst am: 26 Jul 2008 - 10:04:17    Titel: Breite des juristischen Studiums

Im Hinblick auf die rechtstheoretische Ausbildung und die darin enthaltenen Pflichtbestandteile drängt sich mir eine Frage auf, die meiner Meinung nach grundsätzliche Bedeutung hat.

Nach der Juristenausbildungsordnung umfasst der materiell-rechtliche Teil des Studiums das gesamte bürgerliche Recht, das Handels-, Gesellschafts- und Arbeitsrecht. Ferner das öffentliche Recht einschließlich des Verwaltungs- und Verfassungsrecht, das Bau-, Polizei-, Kommunal- und Haftungsrecht, das Strafrecht einschließlich dem Recht der Ordnungswidrigkeiten.

Der Vermittlung der prozessualen Grundlagen dient das Zivilprozessrecht, das Verwaltungsprozessrecht und das Strafprozessrecht einschließlich dem Haftrecht.

Durch das erste und zweite jur Staatsexamen werden Kenntnis und Beherrschung dieser Bestandteile der Materie nachgewiesen.

Die Praxis, geprägt durch permanente Gesetzesänderung und ständig fortschreitender Rechtsprechung zwingt den Juristen doch geradezu, sich für ein Gebiet zu entscheiden und sich zu spezialisieren.

Warum ist die rechtstheoretische Ausbildung der Juristen in dieser fachlichen Breite angelegt ?
Rhyeira
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Anmeldungsdatum: 18.03.2008
Beiträge: 3012

BeitragVerfasst am: 26 Jul 2008 - 10:18:22    Titel:

Also, erstmal stimmt es nicht, dass die Praxis den Juristen dazu zwingt, sich auf nur ein Gebiet zu spezialisieren. Es gibt durchaus immer noch "allgemeine" Juristen, etwa den klassischen Feld-Wald-und-Wiesen-Anwalt in der Kleinstadt oder auf dem Land, der so ziemlich alles macht, was sein Mandant von ihm möchte.

Zweitens braucht auch ein spezialisierter Jurist breite Grundkenntnisse und muss die Rechtsordnung in ihrer Gesamtheit verstehen und überschauen können. Wie sollte er das je können, wenn er sich im Studium zum Beispiel nur mit Erb- und Familienrecht befasst hätte?
Die einzelnen Rechtsgebiete stehen ja nicht isoliert nebeneinander, sondern gehen ineinander über und überschneiden sich immer wieder - ein Staatsanwalt zum Beispiel, der sich im Strafrecht mit Vermögensdelikten befasst, muss zumindest eine grobe Ahnung vom Zivilrecht (z.B. von Eigentums- und Besitzverhältnissen) haben, um richtig entscheiden zu können.
Ein ausgebildeter Jurist soll daher kein "Fachidiot" werden, sondern ein zumindest grobes Grundwissen und Grundverständnis der Gesamtrechtsordnung haben.

(Und davon mal ganz abgesehen wäre es fürchterlich, wenn man sich schon zu Beginn eines Studiums auf ein Fachgebiet festlegen müsste, ohne überhaupt den Hauch einer Ahnung davon zu haben, ob einem das Gebiet liegt oder nicht.)
StR-Tobi
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Anmeldungsdatum: 10.08.2006
Beiträge: 2686

BeitragVerfasst am: 26 Jul 2008 - 10:42:31    Titel:

Rhyeira hat folgendes geschrieben:
(...) ein Staatsanwalt zum Beispiel, der sich im Strafrecht mit Vermögensdelikten befasst, muss zumindest eine grobe Ahnung vom Zivilrecht (z.B. von Eigentums- und Besitzverhältnissen) haben, um richtig entscheiden zu können. (...)

Um dein Beispiel zu erweitern: Man denke z.B. an die Delikte mit Verwaltungsakzessorietät, etwa die Umweltdelikte. Da braucht es nicht selten auch fundierte Kenntnisse im öffentlichen Recht. Analog gilt das für alle anderen Berufe auch. Ein Anwalt, dem bei der zivilrechtlichen Beratung ein großer öffentlich-rechtlicher Nebenschauplatz durch die Lappen geht und dadurch zwar einen schönen Vertrag produziert, aber gleichsam einen belastenden Verwaltungsakt heraufbeschwört, hat versagt.

Rhyeira hat es schon auf den Punkt gebracht. Wir studieren Jura, um die Rechtsordnung in ihrer Gesamtheit zu verstehen und in Grundzügen zu beherrschen. Gerade das zeichnet uns aus. Sich ein Teilgebiet hinausgreifen ist nicht schwer, sich in der gesamten Rechtsordnung zurecht finden macht den Volljuristen aus. Egal welcher Fall uns vorgelegt wird, wir müssen damit irgendwie zurecht kommen und aus allen rechtlichen Perspektiven durchleuchten können. Das ist das (einzigartige) Ziel der Juristenausbildung.

Der rheinland-pfälzische Gesetzgeber formuliert es in § 1 I JAG wie folgt:
"Ziel der juristischen Ausbildung sind dem Rechtsstaat verpflichtete Juristinnen und Juristen, die das Recht mit seinen geschichtlichen, philosophischen, gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bezügen kennen, die Fähigkeit zur methodischen Rechtsanwendung besitzen und in der Lage sind, sich in alle Bereiche der Rechtspraxis einzuarbeiten."
Akiro
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Anmeldungsdatum: 04.01.2008
Beiträge: 58
Wohnort: Berlin, Wien, Bern

BeitragVerfasst am: 27 Jul 2008 - 09:31:22    Titel: Breite des juristischen Studiums

Zunächst einmal ein Danke an euch beide für eure Beiträge.

Die Breite der juristischen Ausbildung (rechtstheoretisch in den von euch dargestellten Facetten) ist demnach referentiell/referenziell für die Systematik, die den Materien zu Grunde liegt. Um diese zu erfassen bedarf es dieser Breite der Pflichtbestandteile. Nur dadurch wird also der/die Student/in in die Lage versetzt, sich die Methode(n) anzueignen, die er/sie später für die tägliche Arbeit benötigt.
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